Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
847-848
JPEG-Download
 

847

848

Jmmaimcl Kant.

schafcliche Verabredung und Gesetzgebung äußer- festigen Wirkung und Gegenwirkung, damit sielich, ein Zustand errichtet wird, der, einem einander nicht zerstören. Ehe dieser letzte Schrittbürgerlich gemeinen Wesen ähnlich, so wie ein i nämlich die Staatcnverbindung) geschehen ist,Automal sich selbst erhalten kann. also fast nur auf der Hälfte ihrer Ausbildung,

Ob man es nun von einem epikurischen Zu- 5 erduldet die menschliche Natur die härtestensammenlaufe wirkender Ursachen erwarten solle, Uebel, unter dem betrüglichen Anscheine äußererdaß die Staaten, so wie die kleinen Stäubchen Wohlfahrt; und Rousseau hatte so Unrecht

der Materie, durch ihren ungefähren Zusam- nicht, wenn er den Zustand der Wilden vorzog,

mcnstoß allerlei Bildungen versuchen, die durch so bald man nämlich diese letzte Stufe, dic un-neuen Anstoß wieder zerstört werden, bis end- 10 sere Gattung noch zu ersteige» hat, wegläßt,lich einmal von ungefähr eine solche Bildung Wir sind im hohem Grade durch Kunst und

gelingt, die sich in ihrer Form erhalten kann Wissenschaft kullivirt. Wir sind civilisirt, bis

(ein Glückszusall, der sich wohl schwerlich je- zum Ueberlästigen, zu allerlei gesellschaftlichermals zutragen wird!); oder ob man vielmehr Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns fürannehmen solle, die Natur verfolge hier einen 15 schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehrregelmäßigen Gang, unsere Gattung von der viel; denn die Idee der Moralität gehört noch

unteren Stufe der Lhierheit an allmählig bis zur Kultur; der Gebrauch dieser Idee aber,

zur höchsten Stufe der Menschheit, und zwar welcher nur auf das Sitten-ähnliche in der

durch eigene, ob zwar dem Menschen abgedrun- Ehrliche und der äußern Anständigkeit hinaus-

gcne Kunst, zu führen, und entwickle in dieser 20 läuft, macht bloß d>e Civilisirung aus. Soscheinbarlich wilden Anordnung ganz regelmä- lange aber Staaten alle ihre Kräfte auf ihreßig jene ursprünglichen Anlagen; oder ob man citeln und gewaltsamen Erweiterungsabsich-liebcr will, daß aus allen diesen Wirkungen ten verwenden, und so die langsame Bemü-und Gegenwirkungen der Menschen im Großen hung der innern Bildung der Denkungsartüberall nichts, wenigstens nichts Kluges her- 25 ihrer Bürger unaufhörlich hemmen, ihnen selbst

auskomme, daß es bleiben werde, wie es von auch alle Unterstützung in dieser Absicht ent-

jeher gewesen ist, und man daher nicht voraus ziehe», ist nichts von dieser Art zu erwarten,sagen könne, ob nicht die Zwietracht, die un- weil dazu eine lange innere Bearbeitung jedesserer Gattung so natürlich ist, am Ende für gemeinen Wesens zur Bildung seiner Bürgeruns eine Hölle von Uebeln, in einem noch so 30 erfordert wird. Alles Gute aber, das nichtgesitteten Zustande vorbereite, indem sie viel- auf moralisch-gute Gesinnung gepfropft ist,leicht diesen Zustand selbst und alle bisherigen ist nichts als lauter Schein und schimmcrn-Forlschritte in der Kultur durch barbarische des Elend. In diesem Zustande wird wohl dasVerwüstung wieder vernichten werde (ein Schick- menschliche Geschlecht verbleiben, bis es sich,sal, wofür man unter der Regierung des blin- 35 auf die Art, wie ich gesagt habe, aus demden Ungefährs nicht stehen kann, mit welcher chaotischen Zustande seiner Staatsvcrhältniffegesetzlose Freiheit in der That einerlei ist, wenn herausgearbeitet haben wird.man ihr nicht einen insgeheim an Weisheit ge-knüpften Leitfaden der Natur unterlegt!), das Achter Satz.

läuft ungefähr auf die Frage hinaus: ob es 40 Man kann die Geschichte der Menschengat-wohl vernünftig seh, Zweckmäßigkeit der Natur- tung im Großen als die Vollziehung eines ver-unstalt in Theilen und doch Zwecklosigkeit im borgenen Plans der Natur ansehen, um eine

Ganzen anzunehmen? Was also der zwecklose innerlich- und, zu diesem Zwecke auch äußerlich-Zustand der Wilden that, daß er nämlich alle vollkommene Staatsverfassung zu Stande zuNaturanlagen ln unserer Gattung zurückhielt, 45 bringen, als den einzigen Zustand, in welchemaber endlich durch die Uebel, worin er diese sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völligversetzte, sie nöthigte, aus diesem Zustande hin- entwickeln kann. Der Satz ist eine Folgerungaus und in eine bürgerliche Verfassung zu tre- aus dem vorigen. Man sieht, die Philosophieten, in welcher alle jene Keime entwickelt wer- könne auch ihren Chiliasmus haben; aber einenden können; das' thut auch die barbarische Frei- 50 solchen, zu dessen Herbeiführung ihre Idee, ob-heit der schon gcstiftetclen Staaten, nämlich: gleich nur sehr von weitem, selbst beförderlich

daß durch die Verwendung aller Kräfte der werden kann, der also nichts weniger als schwär-gcmeincn Wesen auf Rüstungen gegen einander merisch ist. Es kömmt nur darauf an, ob diedurch die Verwüstungen, die der Krieg anrich- Erfahrung etwas von einem solchen Gange derlet, noch mehr aber durch die Nothwendigkeit, 55 Naturabsicht entdecke. Ich sage: etwas weni-sich beständg in Bereitschaft dazu zu erhalten, ges; denn dieser Kreislauf scheint so lange Zeitzwar die völlige Entwickelung der Naturanla- zu erfordern, bis er sich schließt, daß man ausgen in ihrem Fortgangs gehemmt wird, dage- dem kleinen Theile, den die Menschheit in bie-gen aber auch die Uebel, die daraus entspringen, scr Absicht zurückgelegt hat, nur eben so un-unsere Gattung nöthigen, zu dem an sich heil- 60 sicher die Gestalt ihrer Bahn und das Verhält-samen Widerstände vieler Staaten neben einan- niß der Theile zum Ganzen bestimmen kann,der, der aus ihrer Freiheit entspringt, ein Ge- als aus allen bisherigen Himmelsbeobachtungensetz des Gleichgewichts aufzufinden, und eine den Laus, den unsere Sonne sammt dem ganzenvereinigte Gewalt, die demselben Nachdruck gibt, Heere ihrer Trabanten im großen Fixstcrnen-mithin einen wclibürgerlichen Zustand der ös- 65 spstem nimmt; obgleich doch, aus dem allgcniei-fentlichen Staatssicherheit einzuführen, vernicht ncn Grunde der systematischen Verfassung desohne alle Gefahr sey, damit die Kräfte der Weltbaucs, und aus dem wenigen, was manMenschheit nicht einschlafen, aber doch auch nicht beobachtet hak, zuvcrläßig genug, um auf dieohne ein Prinzip der Gleichheit ihrer Wechsel- Wirklichkeit eines solchen Kreislaufes zu fehlst-