Johann Wolfgang von Göthe.
I. von deutscher Laukunst.
Als ich aus deinem Grabe herumwandelte, 25edler Erwin, und den Stein suchte, der mirdeuten sollte: ^nno äomiui 1318. XVI. Kai.kebr. odiit Maxister Isrvinus, Kiiberoatorkaliricas Lcclesias ^Vrxeutineusis , t) und ichihn nicht finden, keiner deiner Landsleuke mir 30ihn zeigen konnte, daß sich meine Verehrungdeiner an der heiligen Stätte ergossen hätte,da war ich tief in die Seele betrübt, und meinHerz, jünger, wärmer, thöriger und besser alsjetzt, gelobte dir ein Denkmal, wenn ich züm 35ruhigen Genuß meiner Besitzthümer gelangenwürde, von Marmor oder Sandsteinen, wieich's vermöchte.
Was braucht's dir Denkmal! Du hast dirdas herrlichste errichtet; und kümmert die Amei- 40sen, die drum krabbeln, dein Name nichts,hast du gleiches Schicksal mit dem Baumeister,der Berge aufthürmte in die Wolken.
Wenigen ward es gegeben, einen Babelge-danken in der Seele zu erzeugen, ganz, groß, 45und bis in den kleinsten Theil nothwendig schön,wie Bäume Gottes; weniger», auf tausendbietende Hände zu treffen, Felsengrund zu gra-ben, steile Höhen darauf zu zaubern, und dannsterbend ihren Söhnen zu sagen: ich bleibe bei 50euch, in den Werken meines Geistes, vollen-det das Begonnene in die Wolken.
Was braucht's dir Denkmal! und von mir!Wenn der Pöbel heilige Namen ausspricht, ist'sAberglaube'oder Lästerung. Dem schwachen 55Geschmäckler wird's immer schwindeln an dei-nem Koloß, und ganze Seelen werden dich er-kennen ohne Deuter.
Also nur, trefflicher Mann, eh' ich meingeflicktes Schiffchen wieder auf den Ocean wa- 60ge, wahrscheinlicher dem Tod als dem Gewinnstentgegen, siehe hier in diesem Hain, wo rings-um die Namen meiner Geliebten grünen, schneid'ich den deinigen in eine deinem Thurm gleichschlank aufsteigende Buche, hänge an seinen 65vier Zipfeln dieß Schnupftuch mit Gaben da-bei auf — nicht ungleich jenem Tuche, das demheiligen Apostel aus den Wolken herabgelassenworden, voll reiner und unreiner Thiere; so
auch voll Blumen, Blüthen, Blätter, auchwohl dürres Gras und Moos und über Nachtgeschossene Schwämme, das alles ich auf demSpaziergang durch unbedeutende Gegenden,kalt zu meinem Zeitvertreib botanisirend einge-sammelt, dir nun zu Ehren der Verwesungweihe.
Es ist im kleinen Geschmack, sagt der Jta-liäner, und geht vorbei. Kindereien lallt derFranzose nach, und schnellt triumphirend aufseine Dose ü la Orsaquv. Was habt ihr ge-than , daß ihr verachten dürst?
Hat nicht der seinem Grab entsteigende Ge-nius der Alten den deinen gefesselt, Welscher!Krochst an den mächtigen Resten Verhältnissezu betteln, sticktest aus den heiligen Trümmerndir Lusthäuser zusammen, und hältst dich fürVerwahrer der Kunstgeheimnisse, weil du aufZoll und 'Linie von Riesengebäuden Rechenschaftgeben kannst. Hättest du mehr gefühlt als ge-messen, wäre der Geist der Massen über dichgekommen, die du anstauntest, du hättest nichtso nur nachgeahmt, weil sie's thaten und esschön ist; nothwendig und wahr hättest dudeine Plane geschaffen, und lebendige Schön-heit wäre bildend'aus ihnen gequollen.
So hast du deinen Bedürfnissen einenSchein von Wahrheit und Schönheit aufge-tüncht. Die herrliche Wirkung der Säulentraf dich, du wolltest auch ihrer brauchen undmauertest sie ein, wolltest auch Säulenreihe»haben, und umzirkeltest den Vorhos der Pe-terskirche mit Marmorgängen, die nirgends hinnoch her führen, daß Mutter Natur, die dasUngehörige und Unnöthige verachtet und haßt,deinen Pöbel trieb, jene Herrlichkeit zu öffent-lichen Cloaken zu prostituiren, daß ihr die Au-gen wegwendet und die Nasen zuhaltet vormWunder der Welt.
Das geht nun alles seinen Gang: die Grilledes Künstlers dient dem Eigensinne des Rei-chen; der Reisebeschreiber gafft, und unsereschönen Geister, genannt Philosophen, erdrcch-seln aus protoplastische» Mährchen Principien
1> „Im Jahr des Herrn IZI8, den 18. Februar 1318 starb Meister Erwin, Baumeister der StraßburgcrKirche."
Kurz, rros. Lit. II.
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