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Johann Wolfgang von Göthc.
und Geschichte der Künste bis auf den heutigenTag, und ächte Menschen ermordet der böseGenius im Vorhof der Geheimnisse.
Schädlicher als Beispiel sind dem GeniusPrincipien. Vor ihm mögen einzelne Menscheneinzelne Theile bearbeitet habe». Er ist dererste, aus dessen Seele die Theile, in Einewiges Ganzes zusammen gewachsen, hervor-treten. Aber Schule und Principien« fesseltalle Kraft der Erkenntniß und Thätigkeit. Wassoll eins das, du neu-französischer philosophi-render Kenner, daß der erste zum Bedürfnißersindsame Mensch vier Stämme einrammelte,vier Stangen drüber verband, und Aeste undMoos drauf deckte? Daraus entscheidest du dasGehörige unserer heurigen Bedürfnisse, ebenals wenn du dein neues Babhlon mit einfäl-tigem patriarchalischem Hausvalcrsinn regierenwolltest-
Und es ist noch dazu falsch, daß deine Hüttedie erstgebornc der Welt ist. Zwei an ihremGipfel sich kreuzende Stangen vornen, zweihinten und eine Stange quer über zum First,ist und bleibt, wie du alltäglich an Hütten derFelder und Weinberge erkennen kannst, eineweit primävcre Erfindung, von der du dochnicht einmal Principium für deine Schwein-ställe abstrahiren könntest.
So vermag keiner deiner Schlüsse sich zurRegion der Wahrheit zu erheben, sie schwebenalle in der Atmosphäre deines Systems. Duwillst uns lehren was wir brauchen, sich nachdeinen Grundsätzen nicht rechtfertigen läßt.
Die Säule liegt dir sehr am Herzen, undin anderer Weltgcgend wärst du Prophet. Dusagst: die Säule ist der erste, wesentliche Be-standtheil des Gebäudes, und der schönste.Welche erhabene Eleganz der Form, welchereine mannichfalkige Größe, wenn sie in Rei-hen dastehen! Nur hütet euch sie ungehörig zubrauchen; ihre Natur ist, srcizustehn. Weheden Elenden, die ihren schlanken Wuchs anplumpe Mauern geschmiedet haben!
Und doch dünkc mich, lieber Abt, hätte dieöftere Wiederholung dieser Unschicklichkeit desSäulencinmauerns, daß die Neuern sogar an-tiker Tempel Jntercolumnia mit Maucrwerkausstopften, dir einiges Nachdenken erregenkönnen. Wäre dein Ohr nicht für Wahrheittaub, diese Steine würden sie dir gepredigthaben.
Säule ist mit nichte« ein Bestandtheil un-serer Wohnungen; sie widerspricht vielmehr demWesen all unserer Gebäude. Unsere Häuserentstehen nicht aus vier Säulen in vier Ecken;sie entstehen aus vier Mauern auf vier Seiten,die statt aller Säulen sind, alle Säulen aus-schließen, und wo ihr sie anflickt, sind sie be-lastender Ueberfluß. Eben das gilt von unsernPalästen und Kirchen, wenige Fälle ausgenom-men, auf die ich nicht z» achten brauche.
Eure Gebäude stellen euch also Flächen dar,die, je weiter sie sich ausbreiten, je kühnersie zum Himmel steigen, mit desto unerträgli-cherer Einförmigkeit die Seele unterdrückenmüssen! Wohl, wenn uns der Genius nichtzu Hülfe käme, der Erwinen voll Steinbacheingab: verinannichfaltigc die ungeheure Mauer,die du gen Himmel führen sollst, daß sie auf-
steige gleich einem hocherhabenen, weitverbrei-teten Baume Gottes, der mit tausend Aesten,Millionen Zweigen und Blättern wie Sandam Meer, ringsum der Gegend verkündet die5 Herrlichkeit des Herrn, seines Meisters.
Als ich das erste Mal nach dem Münsterging, hatt' ich den Kopf voll allgemeiner Er-kenntniß guten Geschmacks. Auf Hören-sagen ehrt' ich die Harmonie der Massen, die10 Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feindder verworrenen Willkürlichkeiten GothischerVerzierungen. Unter die Rubrik Gothisch,gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufteich alle synonymischen Mißverständnisse, die mir15 von unbestimmtem, ungeordnetem, unnatürli-chem , zusammengestöppeltem, aufgeflicktem,überladenem, jemals durch den Kopf gezogenwaren. Nicht gescheidter als ein Volk, das dieganze fremde Welt barbarisch nennt, hieß alles20 Gothisch, was nicht in mein Svstem paßte,von dem gedrechselten, bunten Puppen- undBildcrwcrk an, womit unsere bürgerlichenEdelleute ihre Häuser schmücken, bis zu denernsten Resten der älteren deutschen Baukunst,25 über die ich, auf Anlaß einiger abenteuerlichenSchnörkel, in den allgemeinen Gesang stimmte:„Ganz von Zierrath erdrückt!" und so grautemir's im Gehe» vorm Anblick eines mißge-formten krausborstigen Ungeheuers-!!0 Mit welcher unerwarteten Empfindungüberraschte mich der Anblick, als ich davortrat; Ein ganzer, großer Eindruck füllte meineSeele, den, weil er aus tausend harmonirendenEinzclnheiten bestand, ich wohl schmecken und!i5 genießen, keineswegs aber erkennen und erklä-re» konnte. Sie sagen, daß es also mit denFreuden des Himmels sei. Wie oft bin ich zu-rückgekehrt, diese himmlisch irdische Freude zugenießen, den Riescngeist unserer ältern Brü-.40 der in ihren Werken zu umfassen. Wie oftbin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, ausallen Entfernungen, in jedem Lichte des Tageszu schauen seine Würde und Herrlichkeit. Schwerist's dem Menschengeist, wenn seines Bruders45 Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugenund anbeten muß. Wie oft hat die Abenddäm-merung mein durch forschendes Staunen ermat-tetes Auge mit freundlicher Ruhe geletzt, wenndurch sie die unzähligen Theile zu ganzen Mas-50 sen schmolzen, und nun diese, einfach und groß,vor meiner Seele standen, und meine Kraftsich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießenund zu erkennen. Da offenbarte sich mir, inleisen Ahnungen, der Genius des großen Werk-55 meisters. Was staunst du, lispelt er mir ent-gegen. Alle diese Massen waren nothwendig,und siehst du sie nicht in allen ältern Kirchenmeiner Stadt? Nur ihre willkürlichen Größenhab' ich zum stimmenden Verhältniß crhoben-l>0 Wie über dem Haupteingange, der zwei klei-nere zur Seite beherrscht, sich der weite Kreisdes Fensters öffnet, der dem Schiffe der Kircheantwortet und sonst nur Tageloch war, wiehoch darüber der Glockenplatz die kleineren Femster forderte! das all' war nothwendig und imbildete es schön. Aber ach, wenn ich durchdie düster» erhabenen Oeffnungcn hier zurSeite schwebe, die leer und vergebens da zustehen scheinen. 2» ihre kühne schlanke Geste"