Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
5-6
JPEG-Download
 

Johann Wolfgang von Gvthc.

hab' ich die geheimnißvollen Kräfte verborgen,die jene beiden Thürme hoch in die Lust hebensollten, deren, ach, nur einer traurig da steht,ohne den fünfgethürmken Hauptschmuck, den ichihm bestimmte, daß ihm und seinem königlichenBruder die Provinzen umher huldigten. — Undso schied er von mir, und ich versank in theil-nehmende Traurigkeit, bis die Bögel des Mor-gens, die in seinen tausend Ocffnungen woh-nen, der Sonne entgegen jauchzten, und michaus dem Schlummer weckten. Wie frisch leuch-tet er im Morgenduftglanz mir entgegen, wiefroh konnt ich ihm meine Arme entgegenstre-cken, schauen die großen harmonischen Massen,zu unzählig kleinen Theilen belebt: wie in Wer-ken der ewigen Natur, bis aufs geringste Zä-serchen, alles Gestalt, und alles zweckend zumGanzen; wie das festgegründete ungeheure Ge-bäude sich leicht in die Luft hebt; wie durch-brochen alles und doch für die Ewigkeit. Dei-nem Unterricht dank' ich's, Genius, daß mir'snicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, daßin meine Seele ein Tropfen sich senkt derWon-neruh des Geistes, der auf solch' eine SchöpfungHerabschauen, und Gott gleich sprechen kann;es ist gut!

Und nun soll ich nicht ergrimme», heiligerErwin, wenn der Deutsche Kunstgelehrte, aufHörensagen neidischer .Nachbarn, seine» Lorzugverkennt, dein Werk mit dem unverstandenenWorte Gothisch verkleinert, da er Gott dankensollte, laut verkündigen zu können, das istDeutsche Baukunst, unsere Baukunst, da derItaliener sich keiner eigenen rühmen darf, vielweniger der Franzos. Und wenn du dir selbstdiesen Borzug nicht zugestehen willst, so erweisuns, daß die Golhen schon wirklich so gebauthaben, wo sich einige Schwierigkeiten findenwerden. Und, ganz am Ende, wenn du nicht 4 »darthust, ei» Homer sei schon vor dem Homergewesen, so lassen wir dir gerne die Geschichtekleiner gelungener und mißlungener Versuche,und treten anbetend vor das Werk des Mei-sters, der zuerst die zerstreuten Elemente in ein 45lebendiges Ganzes zusammenschuf. Und du,mein lieber Bruder im Geiste des Forschenönach Wahrheit und Schönheit, verschließ deinOhr vor allem Wortgeprahle über bildendeKunst, komm', genieße und schaue. Hüte dich, ggden Namen deines edelsten Künstlers zu enthei-ligen , und eile herbei, daß du schauest seinherrliches Werk. Macht es dir einen widrigenEindruck, oder keinen, so gehab dich wohl, laßeinspannen, und so weiter nach Paris. 55

Aber zu dir, theurer Jüngling, gesell' ichmich, der du bewegt dastehst, und die Wider-sprüche nicht vereinigen kannst^ die sich in dei-ner Seele kreuzen, bald die unwiderstehlicheMacht des großen Ganzen fühlst, bald mich ggeinen Träumer schiltst, daß ich da Schönheitsehe, wo du nur Stärke und Rauhheit siehst.

Laß einen Mißverstand uns nicht trenne», laßdie weiche Lehre neuerer Schönheuelei dich fürdas bedeutende Rauhe nicht verzärteln, daß 65nicht zuletzt deine kränkelnde Empfindung nureure unbedeutende Glätte ertragen könne. Siewollen euch glauben machen, die schönen Künstestlen entstanden aus dem Hang, den wir haben

sollen , die Dinge rings um uns zu verschönern.Das ist nickst wahr! denn in dem Sinne, darines wahr sein könnte, braucht wohl der Bürgerund Handwerker die Worte, kein Philosoph.

5 Die Kunst ist lange bildend, eh' sie schönist, und doch so wahre, große Kunst, ja oftwahrer und größer als die schöne selbst. Dennin dem Menschen ist eine bildende Natur, diegleich sich thätig beweist, wann seine Existenz16 gesichert ist. Sobald er nichts zu sorgen undzu fürchten hat, greift der Halbgott, wirksamin seiner Ruhe, umher nach Stoff ihm seinenGeist einzuhauchen. Und so modelt der Wildemit abenteuerlichen Zügen, gräßlichen Gestal-15 ten, hohen Farben, seine Cocos, seine Federnund seinen Körper. Und laßt die Bildnereiaus den willkürlichsten Formen bestehen, sie wirdohne Gestaltsverhältniß zusammenstimmen, dennEine Empfindung schuf sie zum charakteristischen20 Ganzen.

Diese charakteristische Kunst ist nun die ein-zige wahre. Wen» sie aus inniger, einiger,eigner, ftlbstständigcr Empfindung um sich lpirkt.unbekümmert, ja unwissend alles Fremden, da25 mag sie aus rauher Wildheit, oder aus gebil-deter Empfindsamkeit geboren werden, sie istganz und lebendig. Da seht ihr bei Nationenund einzelne» Menschen dann unzählige Grade.Je mehr sich die Seele erhebt zu dem Gefühl50 der Verhältnisse, die allein schön und von Ewig-keit sind, deren Hauptaccorde man beweisen,deren Geheimnisse man nur fühlen kann, indenen sich allein das Leben des gottgleichen Ge-nius in seligen Melodien herumwälzt: je mehr35 diese Schönheit in das Wesen eines Geistes ein-dringt, daß sie mit ihm entstanden zu seinscheint, daß sie ihm nichts genug thut als sie,daß er nichts aus sich wirkt als sie, desto glück-licher ist der Künstler, desto herrlicher ist er,desto tiefgebeugter stehen wir da und beten anden Gesalbten Gottes.

Und von der Stufe, auf welche Erwin ge-stiegen ist, wird ihn keiner Herabstoßen. Hiersteht sein Werk, tretet hin, und erkennt dastiefste Gefühl von Wahrheit und Schönheit derVerhältnisse, wirkend aus starker, rguher, Deut-scher Seele, auf dem eingeschränkten düsternPfaffenschauplatz des „Mittelalters".

Und unser „Zeitalter" ? hat auf seinen Geniusverziehen, hat seine Söhne umhergeschickt, frem-de Gewächse zu seinem Berderbeg einzusam-meln. Der leichte Franzose, der noch weitärger stoppelt, hat wenigstens eine Art vonWitz, seine Beute zu Einem Ganzen zu fügen,er baut jetzt aus Griechischen Säulen undDeutschen Gewölben seiner Magdalene einenWundertempel. Bon einem unserer Künstler,als er ersucht ward zu einer altdeutschen Kircheein Portal zu erfinden, hab' ich gesehen einModell fertigen, stattlichen antiken Säulen-werks.

Wie sehr unsere geschminkten Puppcnmalerverhaßt sind, mag ich nicht deklamiren. Siehaben durch theatralische Stellungen, erlogeneTeints, und bunte Kleider die Augen der Wei-ber gefangen. Männlicher Albrecht Dürer, dendie Neulinge anspöltcln, deine holzgesehnitztesteGestalt ist mir willkommener.