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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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11-12
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Johann Wolfgang von Gvthr.

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einem geblasenen Trompetenstück ein Trinkgeldempfangt.

Der Preis bestehet aus einem etwa dritte-halb Ellen langen, und nicht gar eine Ellebreiten Stück Gold- oder Silberstoff, das an 5einer bunten Stange wie eine Flagge befe-stigt schwebt und an dessen unterm Ende dasBild einiger rennenden Pferde quer eingewirkt ist.

Es wird dieser Preis Palio genannt, undso viel Tage das Carneval dauert, so viele sol- 10cher Quasistandarten werden von dem erst er-wähnten Zug durch die Straßen von Rom auf-gezeigt.

Inzwischen fängt auch der Corso an, seineGestalt zu verändern; der Obelisk wird nun 15die Gränze der Straße. Vor demselben wirdein Gerüste mit vielen Sitzreihen über einan-der aufgeschlagen, welches gerade in den Corsohineinsieht. Vor demGerüste werde» die Schran-ke» errichtet, zwischen welche man künftig die 20Pferde zum Ablaufen bringen soll.

An beiden Seiten werden ferner große Ge-rüste gebaut, welche sich an die ersten Häuserdes Corso anschließen und auf diese Weise dieStraße in den Platz hinein verlängern. An 25beiden Seiten der Schranken stehen kleine, er-höhte und bedeckte Boden für die Personen,welche das Ablaufen der Pferde regulire» sollen.

Den Corso hinauf sieht man vor manchenHäusern ebenfalls Gerüste aufgerichtet. Die 30Plätze von St. Carlo und der AntoninischenSäule werden durch Schranken von der Straßeabgesondert, und alles bezeichnet genug, daß dieganze Feierlichkeit sich in dem langen und schma-len Corso einschränken solle und werde. 35

Zuletzt wird die Straße in der Mitte mitPuzzolane bestreut, damit die wertrennendenPferde auf dem glatten Pflaster nicht so leichtausgleiten mögen.

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Signal der vollkommenen Carnevals-frciheit.

So findet die Erwartung sich jeden Taggenährt und beschäftigt, bis endlich eine Glocke 45vom Capital, bald nach Mittage, das Zeichengibt, es sei erlaubt, unter freiem Himmel thö-richt zu sein.

In diesem Augenblicke legt der ernsthafteRömer, der sich das ganze Jahr sorgfältig vor 50jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seineBedächtigkeit aus einmal ab.

Die Pflasterer, die bis zum letzten Augen-blicke gekläppert haben, packen ihr Werkzeugauf und machen der Arbeit scherzend ei» Ende. 55Alle Balköne, alle Fenster werden nach undnach mit Teppichen behängt, auf den Pflaster-erhöhungen zu beiden Seilen der Straße werdenL-rühle herausgesetzt, die geringer» Hausbe-wohner, alle Kinder sind auf der Straße, die 00nun aufhat eine Straße zu sein; sie gleichtvielmehr einem großen Fcstsaal, einer ungeheu-ren ausgeschmückten Galerie.

Denn wie alle Fenster mit Teppichen be-hängt sind, so stehen auch alle Gerüste mit 65alten gewirkten Tapeten beschlagen; die vielenStühle vermehren den Begriff von Zimmer,und der freundliche Himmel erinnert selten,daß man ohne Dach sei. So scheint die Straße

nach und nach immer wohnbarer. Indem manaus dem Hause tritt, glaubt man nicht imFreien und unter Fremden, sondern in einemSaale unter Bekannten zu sein.

Wache.

Indessen daß der Corso immer belebter wird,und unter den vielen Personen, die in ihrengewöhnlichen Kleidern spazieren, sich hier undda ein Pulcinell zeigt, hat sich das Militärvor der Porta del Popolo versammelt. Eszieht, angeführt von dem General zu Pferde,in guter Ordnung und neuer Montur mitklingendem Spiel den Corso herauf, und besetztsogleich alle Eingänge in denselben, errichtetei» paar Wachen auf den Hauptplätzcn, undübernimmt die Sorge für die Ordnung derganzen Anstalt.

Die Verleiher der Stühle und Gerüste ru-fen nun emsig den Vorbeigehenden an : „Stühle!Stühle, ihr Herrn! Stühle!"

Masken.

Nun fangen die Masken an sich zu ver-mehren. Junge Männer, geputzt, in Festtags-kleidern der Weiber aus der untersten Classe,mit entblößtem Busen und frecher Selbstgenüg-samkeit, lassen sich meist zuerst sehen. Sieliebkosen die ihnen begegnenden Männer, thungemein imd vertraut mit den Weibern als mitihres Gleichen, treiben sonst, was ihnen Laune,Witz oder Unart eingeben.

Wir erinnern uns unter andern eines jun-gen Menschen; der die Rolle einer leidenschaft-lichen, zanksüchtigen und aus keine Weise zuberuhigenden Frau vortrefflich spielte und sosich den ganze» Corso hinab zankte, jedem et-was anhängte, indeß seine Begleiter sich alleMühe zu geben schienen ihn zu besänftigen. —

Da die Frauen eben so viel Lust haben, sichin Mannskleidern zu zeigen, als die Männersich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so ha-ben sie die beliebte Tracht des Pulcinells sichanzupassen nicht verfehlt, und man muß be-kennen , daß es ihnen gelingt, in dieser Zwit-tergcstalt oft höchst reizend zu sein.

Mit schnellen Schritte», dcclamirend, wievor Gericht, drängt sich ein Advokat durch dieMenge; er schreit an die Fenster hinauf, packtmaskirte und unmaskirte Spaziergänger an,droht einem jeden mit einem Prozeß, machtbald jenem eine lange Geschichtserzählung vonlächerlichen Verbrechen, die er begangen habensoll, bald diesem eine genaue Specifikation seinerSchulden. Die Frauen schilt er wegen ihrerCiscibeen, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber:er beruft sich auf ein Buch, das er bei siesiführt, producirt Dokumente, und das allesmit einer durchdringenden Stimme und geläu-figen Zunge. Er sucht jedermann zu beschäme"und confus zu machen. Wenn man denkt, erhöre auf, so fängt er erst recht an; denkt »mmer gehe weg, so kehrt er um; auf den eine:geht er gerade los und spricht ihn nicht an, -packt einen andern, verschon vorbei ist; kom"^nun gar ei» Mitbruder ihm entgegen, streicht die Tollheit den höchsten Grad.