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23 Johann Wolfgang von Göthe.
Ab re nne n.
Run werden die Pferde nach gelooseter Ord-nung von geputzten Stallknechten in die Schran-ken hinter das Seil geführt. Sie haben keinZeug noch sonst eine Bedeckung auf dem Leibe. 5Man Heftel ihnen hier und da Stachelkngelnmit Schnüren an den Leib, und bedeckt dieStelle, wo sie spornen sollen, bis zum Augen-blicke mit Leder, auch klebt man ihnen großeBlatter Rauschgold an. 10
Sie sind meist schon wild und ungeduldig,wenn sie in die Schranken gebracht werden, unddie Reitknechte brauchen alle Gewalt und Ge-schicklichkcit, um sie zurück zu halten.
Die Begierde, den Lauf anzufangen, macht 15sie unbändig, die Gegenwart so vieler Menschenmacht sie scheu. Sie haue» oft in die benach-barte Schranke hinüber, oft über das Seil, unddiese Bewegung und Unordnung vermehrt jedenAugenblick das Interesse der Erwartung. 20Die Stallknechte sind im höchsten Grade ge-spannt und aufmerksam, weil in dem Augen-blicke des Abrenncns die Geschicklichkeit des los-lassenden, so wie zufällige Umstände, zum Bor-theile des einen oder des andern Pferdes ent- 25scheiden können.
Endlich fällt das Seil und die Pferde rennenlos.
Auf dem freien Platze suchen sie noch einan-der den Borsprung abzugewinnen, aber wenn 30sie einmal in den engen Raum zwischen diebeiden Reihen Kutschen hineinkommen, wirdmeist aller Wetteifer vergebens-
Ein Paar sind gewöhnlich voraus, die alleKräfte anstrengen. Ungeachtet der gestreuten 35Puzzolane gibt das Pflaster Feuer, die Mähnenfliegen, das Rauschgold rauscht, und kaum,daß man sie erblickt, sind sie vorbei. Die üb-rige Hcerde hindert sich unter einander, indemsie sich drangt und treibt; spät kommt manch- 40mal noch eins nachgesprengt, und die zerrisse-nen Stücke Rauschgold flattern einzeln auf derverlassenen Spur. Bald sind die Pferde allemNachschauen verschwunden, das Bolk drängt zuund füllt die Laufbahn wieder aus. 45
Schon warten andere Stallknechte am Be-netianifchcn Palaste auf die Ankunft der Pferde.Man weiß sie in einem eingeschlossenen Bezirkauf gute Art zu sangen und fest zu halten.Dem Sieger wird der Preis zuerkannt. so
So endigt sich diese Feierlichkeit mit einemgewaltsamen, blitzschnelle» augenblicklichen Ein-druck, auf den so viele tausend Menschen eineganze Weile gespannt waren, und wenige könn-ten sich Rechenschaft geben, warum sie den Mv- 55ment erwarteten, und warum sie sich daran er-götzten.
Nach der Folge unserer Beschreibung siehtman leicht ein, daß dieses Spiel den Thierenund Mensche» gefährlich werden könne. Wir 00wollen nur einige Fälle anführen: Bei dem en-gen Raume zwischen den Wage» darf nur einHinterrad ein wenig herauswärts stehen, undzufälliger Weise hinter diesem Wagen ein etwasbreiterer Raum sei». (zj„ Pflrd, das mit den 05andern gedrängt herbeieilt, sucht den erweiter-ten Raum zu nutze», springt vor, und trifftgerade auf das herausstellende Rad.
Wir haben selbst einen Fall gesehen, wo ein
Pferd von einem solchen Choc niederstürzte, dreider folgenden über das erste hinausfielen, sichüberschlugen und die letzten glücklich über diegefallenen wegsprangen und ihre Reise fortsetzten.
Oft bleibt ein solches Pferd auf der Stelletodt, und mehrmals haben Zuschauer, untersolchen umständen, ihr Leben eingebüßt. Ebenso kann ein großes Unheil entstehen, wenn diePferde umkehren.
Es ist vorgekommen, daß boshafte, neidischeMenschen einem Pferde, das einen großen Bor-sprung hatte, mit dem Mantel in die Augenschlugen, und es dadurch umzukehren, und andie Seite zu rennen zwangen. Noch schlimmerist es, wenn die Pferde auf dem BcnetianischenPlatze nicht glücklich aufgefangen werden; siekehren alsdann unaufhaltsam zurück, und weildie Laufbahn vom Bolke schon wieder ausgefülltist, richten sie manches Unheil an, das manentweder nicht erfährt oder nicht achtet.
Aufgehobene Ordnung.
Gewöhnlich laufen die Pferde mit einbre-chender Stacht erst ab. Sobald sie oben bei demBcnetianischen Palast angelangt sind, werdenkleine Mörser gelöst; dieses Zeichen wird inder Mitte des Eorso wiederholt, und in derGegend des Obelisken das letzkemal gegeben-
In diesem Augenblicke verläßt die Wacheihren Posten, die Ordnung der Kutschenreihenwird nicht länger gehalten, und gewiß ist diesesselbst für den Zuschauer, der ruhig an seinemFenster steht, ein ängstlicher und verdrießlicherZeitpunkt, und es ist werch, daß man einigeBemerkungen darüber mache.
Wir haben schon oben gesehen, daß die Epo-che der einbrechende» Nacht, welche so vielesin Italien entscheidet, auch die gewöhnlichensonn- und festtägige» Spazierfahrten auflöset.Dort sind keine Wachen, und keine Garden,es ist ein altes Herkommen, eine allgemeineConvention, daß man in gebührender Ordnungauf-und ab-fahre; aber sobald Ave Maria ge-läutet wird, läßt sich niemand sein Recht neh-men, umzukehren, wann und wie er will. Danun die Umfahrt im Carncval in derselbenStraße und nach ähnlichen Gesetzen geschieht,obgleich hier die Menge und andere Umständeeinen großen Unterschied machen, so will sichdoch niemand sein Recht nehmen lassen, miteinbrechender Nacht aus der Ordnung zu lenken.
Wenn wir nun auf das ungeheure Gedrängein dem Eorso zurückblicken, und die für einenAugenblick nur gereinigte Rennbahn gleich wie-der mit Bolk überschwemmt sehen, so scheinetuns Bernunfe und Billigkeit das Gesetz einzu-geben, daß eine jede Equipage nur suchen solle,in ihrer Ordnung, das nächste ihr bequemeGäßchcn zu erreichen und so nach Hause Z"eilen.
Allein es lenken, gleich nach abgeschossene"Signalen, einige Wagen in die Mitte hinein,hemmen und verwirren das Fußvolk, und weitin dem engen Mittelraume es einem einfällt,hinunter, dem andern hinauf zu fahren, so kön-nen beide nicht von der Stelle, und hindernoft die Vernünftigern, die in der Reihe geblie-ben sind, auch vom Platz zu kommen.