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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göche.

benachbarten Straßen. Da gehen verliebtePaare ruhiger und vertrauter zusammen, dafinden lustige Gesellen Platz, allerlei tolle Schau-spiele vorzustellen.

Eine Gesellschaft Männer in der Sonntags- 5tracht des gemeinen Volkes, in kurzen Wäm-sern mir goldbesetzten Westen darunter, dieHaare in ein lang herunterhängendes Netz ge-bunden , gehen mit jungen Leute» , die sich alsWeiber verkleidet habe», hin und wieder spa- 10ziren. Eine von den Frauen scheint hoch schwan-ger zu sein, sie gehen friedlich auf und nieder.

Auf einmal entzweien sich die Männer, es ent-steht ein lebhafter Wortwechsel, die Frauen mi-schen sich hinein, der Handel wird immer ärger, 15endlich ziehen die Streitenden große Messer vonversilberter Pappe und fallen einander an. DieWeiber hallen sie mit gräßlichem Geschrei auseinander, man ziebt den einen da, den anderndort hin, die Umstehenden ,nehmen Theil, als 20wenn es Ernst wäre, man sucht jede Parteizu besänftigen.

Indessen befindet sich die hochschwangereFrau durch den Schrecken übel; es wird einStuhl herbei gebracht, die übrigen Weiber sie- 25hen ihr bei, sie gebärdet sich jämmerlich, undehe man sich's versieht, bringt sie zu großerErlustigung der Umstehenden irgend eine un-förmliche Gestalt zur Welt. Das Stück istaus, und die Truppe zieht weiter, um dasselbe 30oder ein ähnliches Stück an einem andern Platzvorzustellen.

So spielt der Römer, dem die Mordgeschich-ten immer vor der Seele schweben, gern beijedem Anlaß mit den Ideen von Ammazziren. 35Sogar die Kinder haben ein Spiel, das sieEhiesa nennen, welches mir unserm Frischaufin allen Ecken übereinkommt, eigentlich abereinen Mörder vorstellt, der sich auf die Stufeeiner Kirche geflüchtet hat: die übrigen stellen 40die Sbirren vor und suchen ihn auf allerleiWeise zu fangen, ohne jedoch den Schutzort be-treten zu dürfen.

So geht es denn in den Seitenstraßen, be-sonders der Strada Babuina und auf dem spa- 45Nischen Platze ganz lustig zu.

Auch kommen die Otuacqueri zu Schaaren,um ihre Galanterien freier anzubringen.

Sie haben ein Manövre, welches jeden zulachen macht. Sie kommen zu zwölf Mann 50hoch, ganz strack auf den Zehen, mir kleinenund schnellen Schritten anmarschirt, formireneine sehr gerade Fronte; auf einmal, wenn sieauf einen Platz kommen, bilden sie, mit rechtsoder links um, eine Colonne und trippeln nun 55hinter einander weg. Auf einmal wird mitrechts um, die Fronte wieder hergestellt, undso gehcs eine Straße hinein; dann ehe mansich'S versieht, wieder links um: die Colonneist wie an einem Spieß zu einer Hausthüre <iuhineingeschoben und die Thoren sind verschwunden.

Aden d.

Nun geht es nach dem Abend zu, undalles drängt sich immer mehr in den Corso hin- 05ein. Die Bewegung der Kutschen stockt schonlange, ja es kann geschehen, daß zwei Stunde»vor Nacht schon kein Wagen mehr von derStelle kann.

Die Garde des Papstes und die Wachen zuFuß sind nun beschäftigt, alle Wagen, soweites möglich, von der Mitte ab, und in eineganz gerade Reihe zu bringen, und es gibtbei der Menge hier mancherlei Unordnung undVerdruß. Da wird gehuft, geschoben, gehoben,und indem einer hufc, müssen alle hinter ihmauch zurückweichen, bis einer zuletzt so in dieKlemme kommt, daß er mit seinen Pferden indie Mitte hineir.lcnken muß. Alsdann geht dasSchelten der Garde, das Fluchen und Drohender Wache an.

Vergebens, daß der unglückliche Kutscherdie augenscheinliche Unmöglichkeit darthut; eswird aus ihn hineingeschollen und gedroht, undentweder es muß sich wieder fügen, oder wennein Nebengäßchen in der Nähe ist, muß erohne Verschulden aus der Reihe hinaus. Ge-wöhnlich sind die Nebengäßchen auch mit hal-tenden Kutschen besetzt, die zu spät kamen und,weil der Umgang der Wagen schon ins Stockengerathen war, nicht mehr einrücken konnten.

Vorbereitung zum Wettrennen.

Der Augenblick des Wettrennens der Pferdenähert sich nun immer mehr, und auf diesenAugenblick ist das Interesse so vieler tausendMenschen gespannt.

Die Verleiher der Stühle, die Unternehmerder Gerüste vermehren nun ihr anbietendes Ge-schrei: I^uv^lii! Imagist uvautl! Imagist »o-bili! Imagist 1'ullraist! Es ist darum zu thun,daß ihnen wenigstens in diese» letzten Augen-blicke», auch gegen ein geringeres Geld, allePlätze besetzt werden.

Und glücklich, daß hier und da noch Platzzu finden ist; denn der General reitet nunmehrmit einem Theil der Garde den Corso zwischenden beiden Reihen Kutschen herunter, und ver-drängt die Fußgänger von dem einzigen Raum,der ihnen noch übrig blieb. Jeder sucht als-dann noch einen Stuhl, einen Platz auf einemGerüste, aus einer Kutsche, zwischen den Wa-gen, oder bei Bekannten an einem Fenster zufinden, die denn nun alle von Zuschauern überund über strotzen.

Indessen ist der Platz vor dem Obelisk ganzvom Volke gereinigt worden, und gewährt viel-leicht einen der schönsten Anblicke, welche in ver-gegenwärtigen Welt gesehen werden können.

Die drei mit Teppichen behängte» Faeadender oben beschriebene» Gerüste schließen den Platzein. Viele tausend Köpfe schauen über einanderhervor und geben das Bild eines alten Am-phitheaters oder Circus. Ueber dem mitlel-sten Gerüste steigt die ganze Länge des Obelis-ken in die Lust: denn das Gerüste bedeckt nursein Piedestal, und man bemerkt nun erst seineungeheure Höhe, da er der Maßstab einer sogroßen Menschenmasse wird.

Der freie Platz laße dem Auge eine schöneRuhe, und man sieht die leeren Schranken mitdem vorgespannten Seile voller Erwartung.

Nun kommt der General den Corso herab,zum Zeichen, daß er gereinigt ist, und hinterihm erlaubt die Wache niemandem, aus derReihe der Kutschen hervorzutreten. Er nimmtauf einer der Logen Platz.