Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
27-28
JPEG-Download
 

27

Johann Wolfgang von Göthe.

28

geendigt sei; allein weder Wagen, noch Masken,noch Zuschauer weichen aus der Stelle.

Alles ist ruhig, alles still, indem die Däm-merung sachte zunimmt.

5

M o c c o l i.

Kaum wird es in der engen und hohenStraße düster, so siehet man hie und da Lichtererscheinen, an den Fenster», auf den Gerüstensich bewegen und in kurzer Zeit die Eircula- 10tion des Feuers dergestalt sich verbreiten, daßdie ganze Straße von brennenden Wachskerzenerleuchtet ist.

Die Balcone sich mit durchscheinenden Pa-pierlaternen verziert, jeder hält seine Kerze zum 15Fenster heraus, alle Gerüste sind erhellt, undes sieht sich gar artig in die Kutschen hinein,an deren Decken oft kleine krystallne Armleuchterdie Gesellschaft erhellen; indessen in einem an-dern Wagen die Damen mit bunten Kerzen in 20den Händen zur Betrachtung ihrer Schönheitgleichsam einzuladen scheinen.

Die Bedienten bekleben den Rand des Kut-schendeckels mit Kerzchen, offne Wagen mitbunten Papierlatcrnen zeigen sich, unter den 25Fußgängern erscheinen manche mit hohen Lich-terpyramiden auf den Köpfen, andere habenihr Licht auf zusammengebundene Rohre gesteckt,und erreichen mit einer solchen Ruthe oft dieHöhe von zwei, drei Stockwerken. 30

Nun wird es für einen jeden Pflicht, einangezündetes Kerzchen in der Hand zu tragenund die Favoritverwünschung der Römer sia-»»luarrutv hört man von allen Ecken undEnden wiederholen. 35

8>a »mi»a/./.ato clii »o» pvrla iixreeol»!Ermordet werde, der kein Lichtstümpchen trägt!ruft einer dem andern zu, indem er ihm dasLicht auszublasen sucht. Anzünden und aus-blasen und ein unbändiges Geschrei: sia am- 40ruarral»! bringt nun bald Leben und Bewe-gung und wechselseitiges Interesse unter die un-geheure Menge.

Ohne Unterschied, ob man Bekannte oderUnbekannte vor sich habe, sucht man nur im- 45mer das nächste Licht auszublasen, oder dasseinige wieder anzuzünden und bei dieser Gele-genheit das Licht des Anzündenden auszulöschen.

Und je stärker das Gebrüll sia aiumarral» vonallen Ende» wicderhallt, desto mehr verliert 50das Wort von seinem fürchterlichen Sinn, destomehr vergißt man, daß man in Rom sei, wodiese Verwünschung, um einer Kleinigkeit willen,in kurzem an einem und dem andern erfülltwerden kann. 55

Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sichnach und nach gänzlich. Und wie wir in an-dern Sprachen oft Flüche und unanständigeWorte zum Zeichen der Bewunderung undFreude gebrauchen hören, so wird sia :»»m,ir- go/.alc> diesen Abend zum Losungswort, zum Frcu-dengeschrei, zu,n Refrain aller Scherze, Necke-reien und Complimente.

hören wir spotten: sia amimir/ato il8i^»oro ^vn-ati; cl,o l'umorv. Oder einen 65vorbeigehenden gute,, Freund anrufe»; 8i->ammar/alo i> »Igiwrv liijppo. Oder Schmei-chelei und Kompliment damit verbinden: 8iaamma/rals la livlla I'riuoipos««! 8ia uiumar-

rala la 8ix„»ra ^nxvlioa la prima piltrivvüol seevlo.

Alle diese Phrasen werden heftig und schnellmit einem langen haltenden Ton auf der vor-letzten oder drittletzten Sylbe ausgerufen. Unterdiesem unaufhörlichen Geschrei geht das Aus-blasen und Anzünden der Kerzen immer fort.Man begegne jemanden im Haus, auf derTreppe, es sei eine Gesellschaft im Zimmer bei-sammen, aus einem Fenster ans benachbarte,überall sucht man über den andern zu gewin-nen, und ihm das Licht auszulöschen.

Alle Stände und Alter toben gegen einan-der, man steigt auf die Tritte der Kutschen,kein Hängeleuchter, kaum die Laternen sindsicher, der Knabe löscht dem Vater das Lichtaus und hört nicht auf zu schreien; sia am-I»ur/alo il 8>gi,orv l'aürs! Vergebens, daßihm der Alte diese Unanständigkeit verweist;der Knabe behauptet die Freiheit dieses Abends,und verwünscht nur seinen Vater desto ärger.Wie nun an beiden Enden des Corso sich balddas Getümmel verliert, desto unbändiger häufesich's nach der Mitte zu, und dort entsteht einGedränge, das alle Begriffe übersteigt, ja dasselbst die lebhafteste Erinnerungskraft sich nichtwieder vergegenwärtigen kann.

Niemand vermag sich mehr von dem Platze,wo er steht oder sitzt, zu rühren; die Wärmeso vieler Menschen, so vieler Lichter, der Dampfso vieler immer wieder ausgeblasenen Kerzen,das Geschrei so vieler Menschen, die nur umdesto heftiger brüllen, je weniger sie ein Gliedrühren können, machen zuletzt selbst den ge-sundesten Sinn schwindeln; es scheint unmög-lich, daß nicht manches Unglück geschehen, daßdie Kutschpferde nicht wild, nicht manche ge-quetscht, gedrückt oder sonst beschädigt werdensollten.

Und doch, weil sich endlich jeder wenigeroder mehr hinweg sehnt, jeder ein Gäßchen, andas er gelangen kann, einschlägt, oder auf demnächsten Platze freie Lust und Erholung sucht,löst sich die Masse auch auf, schmilzt von denEnden nach der Mitte zu, und dieses Fest all-gemeiner Freiheit und Losgebundenheit, diesesmoderne Sarurnal, endigt sich mit einer allge-meinen Betäubung.

Das Volk eilt nun, sich bei einem wohlbe-reitcten Schmause an dem bald verbotenenFleische bis Mitternacht zu ergötzen, die feinereWelt nach den Schauspielhäusern, um dort vonden sehr abgekürzten Theaterstücken Abschied zunehmen, und auch diesen Freuden ivachc dieherannahende Milternachtstunde ein Ende.

Aschermittwoch.

So ist denn ein ausschweifendes Fest, wieein Traum, wie ein Mährchen vorüber, undes bleibt dem Theilnehmer vielleicht wenigerdavon in der Seele zurück als unsern Lesern,vor deren Einbildungskraft und Verstand w»rdas Ganze in seinem Zusammenhange gebrachhaben.

Wenn uns während des Laufs dieser Thor'

heilen der rohe Pulcinell ungebührlich an ^Freuden der Liebe erinnert, wenn so viele nawlich angezündete Kerzen uns an die letzte Fe