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Johann Wolfgang von Göthc.
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lichkeit erinnern, so werden wir mitten unterdem Unsinne auf die wichtigsten Scenen unsersLebens aufmerksam gemacht.
Noch mehr erinnert uns die schmale, lange,gedrängtvolle Straße an die Wege des Welkte- 5bens, wo jeder Zuschauer und Lheilnehmer mitfreiem Gesichc oder unter der Maske, vom Bal-con oder vom Gerüste, nur einen geringen Raumvor und neben sich übersieht, in der Kutscheoder zu Fuße, nur Schritt vor Schritt vor- 10wärts kommt, mehr geschoben wird als geht,mehr aufgehalten wird als willig stille steht,nur eifriger dahin zu gelange» sucht, wo esbesser und froher zugeht, und dann auch da wie-der in die Enge kommt und zuletzt verdrängt wird. 15
Dürfen wir fortfahren, ernsthafter zu spre-chen, als es der Gegenstand zu erlauben scheint,so bemerken wir: daß die lebhaftesten und höch-sten Vergnügen, wie die vorbeifliegenden Pferde,
nur einen Augenblick uns erscheinen, uns rüh-ren, und kaum eine Spur in der Seele zurück-lassen, daß Freiheit und Gleichheit nur in demTaumel des Wahnsinns genossen werden können,und daß die größte Lust nur dann am höchstenreizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahrdrängt, und lüstern ängstlich süße Empfindun-gen in ihrer Nähe genießet.
Und so hätten wir, ohne selbst daran zudenken, auch unser Carneval mit einer Ascher-mitlwochsbetrachtunz geschlossen, wodurch wirkeinen unserer Leser traurig zu machenfürchten. Vielmehr wünschen wir, daß jedermit uns, da das Leben im Ganzen, wie dasRömische Carneval, unübersehlich, ungenießbar,ja bedenklich bleibt, durch diese unbekümmerteMaskengesellschaft an die Wichtigkeit jedes au-genblicklichen, oft geringscheinenden Lebensge-nusses erinnert werden möge.
m.
Ein ächtes Kunstwerk bleibt, wie ein Na-turwcrk, für unsern Verstand immer unendlich;es wird angeschaut, empfunden; es wirkt, eskann aber nicht eigentlich erkannt, viel wenigersein Wesen, sein Verdienst mit Worten aus-gesprochen werden. Was also hier über Laokoongesagt ist, hat keineswegs die Anmaßung diesenGegenstand zu erschöpfen, es ist mehr bei Ge-legenheit dieses trefflichen Kunstwerks als überdasselbe geschrieben- Möge dieses bald wiederso aufgestellt sein, daß jeder Liebhaber sich da-ran freuen und darüber nach seiner Art redenkönne.
Wenn man von einem trefflichen Kunstwerkesprechen will, so ist es fast nöthig von der gan-zen Kunst zu reden, denn es enthält sie ganz,und jeder kann, so viel in seinen Kräften steht,auch das Allgemeine aus einem solchen besondernFall entwickeln; deßwegen sei hier auch etwasAllgemeines vorausgeschickt.
Alle hohen Kunstwerke stellen die menschlicheNatur dar, die bildenden Künste beschäftigensich besonders mit dem menschlichen Körper;wir reden gegenwärtig nur von diesen. DieKunst hat viele Stufen, auf jeder derselbenkönnen vorzügliche Künstler erscheinen, ein voll-kommenes Kunstwerk aber begreift alle Eigen-schaften, die sonst nur einzeln ausgetheilt sind.
Die höchsten Kunstwerke, die wir kennen,zeigen uns:
Lebendige, hochorganisirte Natu-ren. Man erwartet vor allem Kenntniß desMenschlichen Köpers in seinen Theilen, Maaßen,>Nnern und äußern Zwecken, Formen und Be-legungen im Allgemeinen.
Charaktere. Kenntniß des Abweichens°>eser Theile in Gestalt und Wirkung. Eigen-schaften sondern sich ab und stellen sich einzeln°ar; hierdurch entstehen die Charaktere, undes können die verschiedenen Kunstwerke dadurchn ein bedeutendes Verhältniß gegen einandergebracht werden, so wie auch, wenn ein Werkzusammengesetzt ist, seine Theile sich bedeutend
Laokoon.
gegen einander verhalten können. Der Gegen-stand ist:
In Ruhe oder Bewegung. Ein Werk30 oder seine Theile können entweder für sich be-stehend, ruhig ihr bloßes Daseyn anzeigend,oder auch bewegt, wirkend, leidenschaftlich aus-drucksvoll dargestellt werden-
Ideal. Um hierzu zu gelangen, bedarf35 der Künstler eines tiefe», gründlichen, ausdau-ernden Sinnes, zu dem aber noch ein hoherSinn sich gesellen muß, um den Gegenstandin seinem ganzen Umfange zu übersehen, denhöchsten darzustellenden Moment zu finden, und40 ihn also aus seiner beschränkten Wirklichkeitherauszuheben, und ihm in einer idealen WeltMaaß, Gränze, Realität und Würde zugeben.
Anmuth. Der Gegenstand aber und die45 Art ihn vorzustellen, sind den sinnlichen Kunst-gesetzen unterworfen, nämlich der Ordnung,Faßlichkeit, Symmetrie, Gegenstellung rc-, wo-durch er für das Auge schön, das heißt, an-mulhig wird.
50 Schönheit. Ferner ist er dem Gesetz dergeistigen Schönheit unterworfen, die durch dasMaaß entsteht, welchem der zur Darstellungoder Hervorbringung des Schönen gebildeteMensch alles, sogar die Extreme zu unterwer-55 fen weiß.
Nachdem ich die Bedingungen, welche wirvon einem hohen Kunstwerke fordern, zumvoraus angegeben habe, so kann ich mit weni-gen Worten viel sagen, wenn ich behaupte,60 daß unsere Gruppe sie alle erfüllt, ja daß mansie aus derselben allein entwickeln könne.
Man wird mir den Beweis erlassen, daßsie Kenntniß des menschliche» Körpers, daß siedas Charakteristische an demselben, so wie Aus-druck und Leidenschaft zeige. Wst hoch undideal der Gegenstand gefaßt sey, wird sich ausdem Folgenden ergeben; daß man das Werkschön nennen müsse, wird wohl niemand be-zweifeln , welcher das Maaß erkennt, womit