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Johann Wolfgang von Gliche.
Beobachter, Zeuge und Theilnchmcr bei derThat, und das Werk ist abgeschlossen.
Was ich schon im Vorbeigehen bcrübrt habe,will ich hier noch besonders bemerken: daß alledrei Figuren eine doppelte Handlung äußern, 5und so höchst mannichfaltig beschäftigt sind. Derjüngste Sohn will sich durch Erhöhung des rech-ten Armes Luft machen, und drängt mit derlinken Hand den Kopf der Schlange zurück, erwill sich das gegenwärtige Uebel erleichtern und 1»das größere verhindern: der höchste Grad vonThätigkeit, der ihm in seiner gefangenen Lagenoch übrig bleibt. Der Vater strebt sich vonden Schlangen loszuwinde» und der Körperflieht zugleich vor dem augenblicklichen Bisse. 15Der älteste Sohn entsetzt sich vor der Bewegungdes Vaters, und sucht sich von der leicht um-windenden Schlange zu befreien.
Schon oben ist der Gipfel des vorgestelltenAugenblicks als ein großer Vorzug dieses Kunst- 20werks gerühmt, und hier ist noch besonders da-von zu sprechen.
Wir nahmen an, daß natürliche Schlangeneinen Vater mit seinen Söhnen im Schlaf um-wunden, damit wir bei Betrachtung der Mo- 25mente eine Steigerung vor uns sähen. Dieersten Augenblicke des Umwindens im Schlafesind ahnungsvoll, aber für die Kunst unbedeu-tend. Man könnte vielleicht einen schlafendenjungen Herkules bilden, wie er von Schlangen 30umwunden wird, dessen Gestalt und Rübe unsaber zeigte, was wir von seinem Erwachen zuerwarten hätten.
Gehen wir nun weiter und denken uns denVater, der sich mit seinen Kindern, es sep nun 35wie es sep, von Schlangen umwunden fühlt,so giebt es nur einen Moment des höchsten In-teresse: wenn der eine Körper durch die um-windung wehrlos gemacht ist, wenn der anderezwar wehrhaft aber verletzt ist, und dem drit- 40ten eine Hoffnung zur Flucht übrig bleibt. Indem ersten Falle ist der jüngere Sohn, im zwei-ten der Vater, im dritten der ältere Sohn.Man versuche noch einen andern Fall zu finden!man suche die Rollen anders, als sie hier aus- 45getheilt sind, zu vertheilen!
Denken wir nun die Handlung vom Anfangherauf und erkennen, daß sie gegenwärtig aufdem höchsten Punkt steht, so werden wir, wennwir die nächstfolgenden und ferneren Momente 50bedenken, sogleich gewahr werden, daß sich dieganze Gruppe verändern muß, und daß keinAugenblick gefunden werden kann, der dieseman Kunstwerth gleich sep. Der jüngste Sohnwird entweder von der umwindenden Schlange 35erstickt, oder wenn er sie reizen sollte, in seinemvöllig hülflosen Zustande, noch gebissen. BeideFälle sind unerträglich, weil sie ein letztes sind,das nicht dargestellt werden soll. Was den Va-ter betrifft, so wird er entweder von der Schlange 60noch an andern Theilen gebissen, wodurch dieganze Lage seines Körpers sich verändern muß,und die ersten Bisse für den Zuschauer entwederverloren gehen, oder wenn sie angezeigt werdensollten, ekelhaft seyn würden; oder die Schlange 05kann auch sich umwenden und den ältesten Sohnanfallen, dieser wird alsdann aus sich selbstzurückgeführt, die Begebenheit verliert ihrenTheilnchmcr, der letzte Schein von Hoffnung
ist aus der Gruppe verschwunden, es ist keinetragische, es ist eine grausame Vorstellung.Der Vater der jetzt in seiner Größe und inseinem Leiden auf sich ruht, müßte sich gegenden Sohn wenden, er würde lheilnehmendeNebenfigur.
Der Mensch hat bei eignen und fremdenLeiden nur drei Empfindungen, Furcht, Schre-cken und Mitleiden, das bange Vorausseheneines sich annähernden Uebels, das unerwarteteGewahrwerden gegenwärtigen Leidens und dieTheilnahme am dauernden oder vergangenen;alle drei werden durch dieses Kunstwerk darge-stellt und erregt, und zwar in den gehörigstenAbstufungen.
Die bildende Kunst, die immer für denMoment arbeitet, wird, sobald sie einen pathe-tischen Gegenstand wählt, denjenigen ergreifen,der Schrecken erweckt, dahingegen Poesie sichan solche hält, die Furcht und Mitleiden erre-gen. Bei der Gruppe des Laokoon erregt dasLeiden des Vaters Schrecken und zwar im höch-sten Grad, an ihm hat die Bildhauerkunst ihrhöchstes gethan; allein theils um den Cirkelaller menschlichen Empfindungen zu durchlaufen ,theils um den heftigen Eindruck des Schreckenszu mildern, erregt sie Mitleiden für den Zu-stand des jünger» Sohns, und Furcht für denältern, indem sie für diesen auch noch Hoffnungübrig läßt. So brachten die Künstler durchMannichfaltigkeit ein gewisses Gleichgewicht inihre Arbeit, milderten und erhöhten Wirkungdurch Wirkungen, und vollendeten sowohl eingeistiges als ein sinnliches Ganze.
Genug, wir dürfen kühnlich behaupten, daßdieses Kunstwerk seinen Gegenstand erschöpfe,und alle Kunstbedingungc» glücklich erfülle. Eslehrt uns: daß, wenn der Meister sein Schön-heilsgefühl ruhige» und einfachen Gegenständeneinflößen kann, sich doch eigentlich dasselbe inseiner höchsten Energie und Würde zeige, wennes bei Bildung mannichfalliger Eharaktere seineKraft beweist, und die leidenschaftlichen Aus-brüche der menschlichen Natur in der Kunst-nachahmung zu mäßigen und zu bändigen ver-steht. Wir geben in der Folge wohl eine ge-nauere Beschreibung der Statuen, welche unterdem Namen der Familie der Nwbe bekanntsind, so wie auch der Gruppe des Farnesische»Stier«; sie gehören unter die wenigen patheti-schen Dastellungen, welche uns von alter Sculp-tur übriggeblieben sind.
Gewöhnlich haben sich die Neuern bei derWahl solcher Gegenstände vergriffen. WennMilo, mit beiden Händen in einer Baumspaltegefangen, von einem Löwen angefallen wird,so wird die Kunst sich vergebens bemühen, da-raus ei» Werk zu bilden, das eine reine Thest°nähme erregen könnte. Ein doppelter Schmerz,eine vergebliche Anstrengung, ein hülfloser M'stand, ein gewisser Untergang können nur Ab'scheu erregen, wenn sie nicht ganz kalt lasst"-
Und zuletzt nur »och ein Wort über daVerhältniß des Gegenstandes zur Poesie. ^
Man ist höchst ungerecht gegen Birgst ""die Dichtkunst, wenn man das geschlosstm.Meisterwerk der Bildhauerarbeit mir der cplstsche» Behandlung in der Aeneis auch nur e>>Augenblick vergleicht. Da einmal der ung