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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthc.

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er preßt die andere Schlange, und diese, ge-reizt, beißt ihn in die Hüfte.

Um die Stellung des Vaters sowohl imGanzen als nach allen Theilen des Körpers zuerklären, scheint es mir am Vortheilhaftesten,das augenblickliche Gefühl der Wunde als dieHauptursache der ganzen Bewegung anzugeben.Die Schlange hat nicht gebissen, sondern siebeißt und zwar in den weichen Theil des Kör-pers, über und etwas hinter der Hüfte. DieStellung des restaurirten Kopfes der Schlangehat den eigentlichen Biß nie recht angegeben,glücklicherweise haben sich noch die Reste derbeiden Kinnladen an dem Hintern Theil derStatue erhalten, wenn nur nicht diese höchstwichtigen Spuren bei der jetzigen traurigenVeränderung auch verloren gehen! Die Schlangebringt dem unglücklichen Manne eine Wundean dem Theile bei, wo der Mensch gegen jedenReiz sehr empfindlich ist, wo sogar ein geringerKitzel jene Bewegung hervorbringt, welche wirhier durch die Wunde bewirkt sehen: der Kör-per flieht auf die entgegengesetzte Seite, derLeib zieht sich ein, die Schulter drängt sichherunter, die Brust tritt hervor, der Kopfsenkt sich nach der berührten Seite; da sich nunnoch in den Füßen, die gefesselt, und in denArmen die ringend sind, der Ueberrest der vor-hergehenden Situation oder Handlung zeigt,so entsteht eine Zusammenwirkung von Strebenund Fliehen, von Wirken und Leiden, vonAnstrengen und Nachgeben, die vielleicht unterkeiner andern Bedingung möglich wäre. Manverliert sich in Erstaunen über die Weisheit derKünstler, wenn man versucht den Biß an einerandern Stelle anzubringen, die ganze Gebärdewürde verändert sein, und auf keine Weise istsie schicklicher dcnklich. Es ist also dieses einHauptsatz; der Künstler hat uns eine sinnlicheWirkung dargestellt, er zeigt uns auch die sinn-liche Ursache- Der Punkt des Bisses, ich wie-derhole es, bestimmt die gegenwärtigen Bewe-gungen der Glieder: das Fliehen des Unter-körpers, das Einziehen des Leibes, das Hervor-streben der Brust, das Niederzucken der Achselund des Hauptes, ja alle die Züge des Ange-sichts seh' ich durch diesen augenblicklichen,schmerzlichen, unerwarteten Reiz entschieden.

Fern aber sey es von mir, daß ich die Ein-heit der menschlichen Natur trennen, daß ichden geistigen Kräften dieses herrlich gebildetenMannes ihr Mitwirken abläugnen, daß ich dasStreben und Leiden einer großen Natur ver-kennen seilte. Angst, Furcht, Schrecken, va-terliche Neigung scheinen auch mir sich durchdiese Adern zu bewegen, in dieser Brust auf-zusteigen, auf dieser Stirn sich zu furchen; gerngesteh' ich, daß mit dem sinnlichen auch dasgeistige Leiden auf der höchsten Stufe dargestelltisy, nur trage man die Wirkung, die dasKunstwerk auf uns macht, nicht zu lebhaft aufdas Werk selbst über, besonders sehe man keineWirkung des Gifts bei einem Körper, den erstflu Augenblicke die Zähne der Schlange ergrei-

; man sehe keinen Todeskamps bei einem^krrlichen, strebenden, gesunden, kaum verwun-den Körper. Hier sey mir eine Bemerkungaubt, die für die bildende Kunst von Wich-klkeit ist; der höchste pathetische Ausdruck den

Kurz, rros, II.

sie darstellen kann, schwebt auf dem Uebcrgangeeines Zustandes in den andern. Man sehe einlebhaftes Kind, das mit aller Energie und Lustdes Lebens rennt, springt und sich ergötzt, dannaber etwa unverhofft von einem Gespielen hartgetroffen oder sonst physisch oder moralisch hef-tig verletzt wird: diese neue Empfindung theiltsich wie ein elektrische Schlag allen Gliedernmit, und ein solcher Uebersprung ist im höch-sten Sinne pathetisch, es ist ein Gegensatz, vondem man ohne Erfahrung keinen Begriff hat.Hier wirkt nun offenbar der geistige sowohlals der physische Mensch. Bleibt alsdann beieinem solchen Uebcrgange noch die deutliche Spurvom vorhergehenden Zustande, so entsteht derherrlichste Gegenstand für die bildende Kunst,wie beim Laokoon der Fall ist, wo Strebenund Leiden in einem Augenblick vereinigt sind.So würde z. B. Eurydice, die im Moment,da sie mit gesammelten Blumen fröhlich überdie Wiese geht, von einer getretenen Schlangein die Ferse gebissen wird, eine sehr pathetischeStatue machen, wenn nicht allein durch dieherabfallenden Blumen, sondern durch die Rich-tung aller Glieder und das Schwanken derFalten der doppelte Zustand des fröhlichen Wor-schreitens und des schmerzlichen Anhaltcns aus-gedrückt werden könnte.

Wenn wir nun die Hauptfigur in diesemSinne gefaßt haben, so können wir auf dieVerhältnisse, Abstufungen und Gegensätze sämmt-licher Theile des ganzen Werkes mit einem freienund sichern Blicke hinsehen.

Der gewählte Gegenstand ist einer der glück-lichsten die sich denken lassen. Menschen mirgefährlichen Thieren im Kampfe, und zwarmit Thieren, die nicht als Massen oder Gewal-ten, sondern als ausgetheilte Kräfte wirken,nicht von einer Seite drohen, nicht einen zu-sammengefaßten Widerstand fordern, sonderndie nach ihrer ausgedehnten Organisation fähigsind, drei Menschen, mehr oder weniger, ohneVerletzung zu paralysiren. Durch dieses Mittelder Lähmung wird, bei der großen Bewegung,über das Ganze schon eine gewisse Ruhe undEinheit verbreitet. Die Wirkungen der Schlangensind stufenweise angegeben. Dir eine umschlingtnur, die andre wird gereizt und verletzt ihrenGegner. Die drei Menschen sind gleichfallsäußerst weise gewählt: Ein starker wohlgebauterMann, aber schon über die Jahre der größtenEnergie hinaus, weniger fähig Schmerz undLeiden zu widerstehen. Man denke sich an seinerStatt einen rüstigen Jüngling,-und die Gruppewird ihren ganzen Werth verlieren. Mit ihmleiden zwei Knaben, die, selbst dem Maaßenach, gegen ihn klein gehalten sind; abermalszwei Naturen empfänglich für Schmerz.

Der jüngere strebt unmächlig, er ist ge-ängstigt aber nicht verletzt der Vater strebtmächtig, aber unwirksam, vielmehr bringt seinStreben die entgegengesetzte Wirkung hervor.Er reizt seinen Gegner und wird verwundet.Der älteste Sohn ist «m leichtesten verstrickt;er fühlt weder Beklemmung noch Schmerz, ererschrickt über die augenblickliche Verwundungund Bewegung seines Vaters, er schreit aus,indem er das Schlangenende von dem einenFuße abzustreifen sucht; hier ist also noch ein

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