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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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39-40
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Johann Wvlfgang von Göthe.

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Zuschauer. Getauscht, ^as Wort möchteich nicht brauchen — und doch ja — und dochnein!

Anwalr. Hier sind sie ja auch in einemvölligen Widerspruch, der noch viel schlimmerals ein Wortspiel zu sein scheint.

Zuschauer. Nur ruhig, wir wollen schonins Klare kommen.

Anwalr. Sobald wir im Klaren sind,werden wir einig sein. Wollen Sie mir er-lauben auf dem Punkt, wo wir stehen, einigeFragen zu thun?

Zuschauer. Es ist Ihre Pflicht, da Siemich in diese Verwirrung hineingefragt haben,mich auch wieder heraus zu fragen.

Anwalt. Sie möchten also die Empfin-dung, in welche Sie durch eine Oper versetztwerden, nicht gerne Täuschung nennen?

Zuschauer. Nicht gern, und doch ist eseine Art derselben, etwas, das ganz nahe mitihr verwandt ist.

Anwalt. Nicht wahr, Sie vergessen bei-nah sich selbst?

Zuschauer. Nicht beinahe, sondern völ-lig, wenn das Ganze oder der Theil gut ist.

Anwalr. Sie sind entzückt?

Zuschauer. Es ist mir mehr als einmalgeschehen.

Anwalt. Können Sie wohl sagen, unterwelchen Umständen?

Zuschauer. Es sind so viele Fälle, daßes mir schwer sein würde sie aufzuzählen.

Anwalr. Und doch haben Sie es schongesagt; gewiß am meisten, wenn alles zusam-menstimmte.

Zuschauer. Ohne Widerrede.

Anwalr. Stimmte eine solche vollkommncAufführung mit sich selbst, oder mit einem an-dern Naturprodukt zusammen?

Zuschauer. Wohl ohne Frage mit sichselbst.

Anwalr. Und die Uebereinstimmung wardoch wohl ein Werk der Kunst?

Zuschauer. Gewiß.

Anwalr. Wir sprachen vorher der Opereine Art Wahrheit ab; wir behaupteten, daßsie keineewegeü das, was sie nachahmt, wahr-scheinlich darstelle; könne» wir ihr aber eine in-nere Wahrheit, die aus der Consequenz einesKunstwerks entspringt, abläugnen?

Zuschauer. Wenn die Oper gut ist,macht sie freilich eine kleine Welt für sich aus,in der alles nach gewissen Gesetzen vorgeht, dienach ihren eigenen Gesetzen beurtheilt, nach ih-ren eigenen Eigenschaften gefühlt sein will.

Anwalt. Sollte nun nicht daraus folgen,daß das Kunstwahre und das Nalurwahre völ-lig verschieden sei, und daß der Künstler keines-wegs streben sollte, noch dürfe, daß sein Werkeigentlich xjn Raturwerk erscheine?

Zuschauer. Aber es scheint uns doch sooft als ein Naturwerk.

Anwair. Ich darf es nicht läugnen. Darfich dagegen aber auch aufrichtig sein?

Zuschauer. Warum das nicht! es ist jadoch unter uns dießmal nicht auf Complimenleangesehen.

Anwalt. So getraue ich nur zu sagen:nur dem ganz ungebildeten Zuschauer kann ein

Kunstwerk als ein Raturwerk erscheinen, undein solcher ist dem Künstler auch lieb und werth,ob er gleich nur auf der untersten Stufe steht.Leider aber nur so lange, als der Künstler sichzu ihm herabläßt, wirb jener zufrieden sein,niemals wird er sich mit dem ächten Künstlererheben, wenn dieser den Flug, zu dem ihn dasGenie treibt, beginnen, sein Werk im ganzenUmfang vollenden muß.

Zuschauer. Es ist sonderbar, doch läßtsich's hören.

Anwalt. Sie würden es nicht gern hö-ren, wenn Sie nicht schon selbst eine höhereStufe erstiegen hätten.

Zuschauer. Lassen Sie mich nun selbsteinen Versuch machen, das Abgehandelte zuordnen und weiter zu gehen, lassen Sie michdie Stelle des Fragenden einnehmen.

Anwalt. Desto lieber.

Zuschauer. Nur dem ungebildeten, sagenSie, könne ein Kunstwerk als ein Naturwerkerscheinen.

Anwalt. Gewiß, erinnern Sie sich derBögcl, die nach des großen Meisters Kirschenflogen.

Zuschauer. Run beweis't das nicht, daßdiese Früchte vortrefflich gemalt waren?

Anwalt. Keineswegs, vielmehr beweis'tmir, daß diese Liebhaber ächte Sperlinge waren.

Zuschauer. Ich kann mich doch deßwe-gen nicht erwehren, ein solches Gemälde fürvortrefflich zu halten.

Anwalt. Soll ich Ihnen eine neuere Ge-schichte erzählen?

Zuschauer. Ich höre Geschichten meistenslieber als Raisonnement.

Anwalt. Ein großer Naturforscher be-saß, unter seinen Hausthiercn, einen Affen,den er einst vermißte, und nach langem Suchenin der Bibliothek fand. Dort saß das Thier ander Erde, und hatte die Kupfer eines unge-bundnen, naturgeschichrlichen Werkes um sichher zerstreut. Erstaunt über dieses eifrige Stu-dium des Hausfreundes, nahte sich der Herr,und sah zu seiner Verwunderung und zu sei-nem Verdruß, daß der genäschige Affe die sämmt-lichen Käser, die er hie und da abgebildet ge-funden, herausgespeis't habe.

Zuschauer. Die Geschichte ist lustig genug-

Anwalt. Und paffend hoffe ich. Siewerden doch nicht diese illuminirten Kupfer deinGemälde eines so großen Künstlers an die Seitesetze»?

Zuschauer. Nicht leicht.

Anwalt. Aber den Affen doch unter dieungebildeten Liebhaber rechnen?

Zuschauer. Wohl, und unter die giec^gen dazu. Sie erregen in mir einen sonder-baren Gedanken! Sollte der ungebildete Lieb*Haber nicht eben deßwegen verlangen, daß ei"Kunstwerk natürlich sei, um es nur auch umeine natürliche, oft rohe und gemeine Weise ge'nießen zu können?

Anwalr. Ich bin völlig dieser Meinung'

Zuschauer. Und Sie behaupten bähe','daß ein Künstler sich erniedrige, der auf d"-!Wirkung losarbeite?

A nwal t. Es ist meine feste ueberzeugu w

Zuschauer. Ich fühle aber hier noch »"

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