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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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41-42
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Johann Wolfgang von Göthe.

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einen Widerspruch. Sie erzeigten mir vorhinund auch sonst schon die Ehre, mich wenigstensunter die halbgebildeten Liebhaber zu zählen.

Anwalt. Unter die Liebhaber, die aufdem Wege sind, Kenner zu werden.

Zuschauer. Nun so sagen Sie mir: wa-rum erscheint auch mir ein vollkommenes Kunst-werk als ein Naturwerk?

Anwalt. Weil es mit Ihrer bessern Naturübereinstimmt, weil es übernatürlich, aber nichtaußernatürlich ist. Ein vollkommenes Kunst-werk ist ein Werk des menschlichen Geistes, undin diesem Sinne auch ein Werk der Natur.Aber indem die zerstreuten Gegenstände in einsgefaßt, und selbst die gemeinsten in ihrer Be-deutung und Würde aufgenommen werden, -soist es über die Natur. Es will durch einenGeist, der harmonisch entsprungen und gebildetist, aufgefaßt sein, und dieser findet das Vor-treffliche, das sich Vollendete, auch seiner Naturgemäß- Davon hat der gemeine Liebhaber kei-nen Begriff, er behandelt ein Kunstwerk wieeinen Gegenstand, den er auf dem Markte an-trifft, aber der wahre Liebhaber sieht nicht nurdie Wahrheit des Nachgeahmten, sondern auchdie Vorzüge des Ausgewählten, das Geistreicheder Zusammenstellung, das Ueberirdische derkleinen Kunstwelt, er fühlt, daß er sich zumKünstler erheben müsse, um das Werk zu ge-nießen, er fühlt, daß er sich, aus seinem zer-

streuten Leben sammeln, mit dem Kunstwerkewohnen, es wiederholt anschauen, und sich selbstdadurch eine höhere Existenz geben müsse.

Zuschauer. Gut, mein Freund, ich habe5 bei Gemälden, im Theater, bei andern Dich-tungsarten, wohl ähnliche Empfindungen ge-habt, und das ungefähr geahnet, was Sie for-dern. Ich will künftig noch besser auf michund auf die Kunstwerke Acht geben ; wenn ich1V mich aber recht besinne, so sind wir sehr weitvon dem Anlaß unsers Gesprächs abgekommen.Sie wollten mich überzeugen, daß ich die abge-malten Zuschauer in unserer Oper zulässig fin-den sollte; und noch sehe ich nicht, wenn ich15 bisher auch mit Ihnen einig geworden bin,wie Sie auch diese Licenz vertheidigen, undunter welcher Rubrik Sie diese gemalten Theil-nehmer bei mir einführen wollen.

Anwalt. Glücklicherweise wird die Oper20 heute wiederholt, und Sie werden sieJoch nichtversäumen wollen?

Zuschauer. Keineswegs.

Anwalt. Und die gemalten Männer?

25 Zuschauer. Werden mich nicht verscheu-chen, weil ich mich für etwas besser als einenSperling halte.

Anwalt. Ich wünsche, daß ein beidersei-tiges Interesse uns bald wieder zusammenfüh-ren möge.

V. Ueber epische und dramatische Dichtung.

Der Epiker und Dramatiker sind beide den heroischen Zeit der Griechen waren in diesemallgemeinen poetischen Gesetze» unterworfen, be- 40 Sinne den Dichtern besonders günstig,sonders dem Gesetze der Einheit und dem Ge- Das epische Gedicht stellt vorzüglich persön-

setze der Entfaltung; ferner behandeln sie beide lich beschränkte Thätigkeit, die Tragödie per-

ähnliche Gegenstände, und können beide alle sönlich beschränktes Leiden vor; das epische Ge-

Arten von Motiven brauchen; ihr großer we- dicht den außer sich wirkenden Menschen; Schlach-

sentlichec Unterschied beruht aber darin, daß 45 ten. Reisen, jede Art von Unternehmung, dieder Epiker die Begebenheit als vollkommen ver- eine gewisse sinnliche Breite fordert; die Tra-

gangen vorträgt, und der Dramatiker sie als gödie den nach innen geführten Menschen, und

vollkommen gegenwärtig darstellt. Wollte man die Handlungen der ächten Tragödie bedürfen

das Detail der Gesetze, wonach beide zu han- daher nur weniges Raums,

dein haben, aus der Natur des Menschen her- zg Der Motive kenne ich fünferlei Arten:

leiten, so müßte man sich einen Rhapsoden und 11 Vorwärtsschreitende, welche die Handlung

einen Mimen, beide als Dichter, jenen mit fördern; deren bedient sich vorzüglich das Drama,

seinem ruhig horchenden, diesen mit seinem un- 2) Rückwärlsschreuende, welche die Hand-

geduldig schauenden und hörenden Kreise um- lung von ihrem Ziele entfernen; deren bedientgeben, immer vergegenwärtigen, und es würde 55 sich das epische Gedicht fast ausichließlich.sticht schwer fallen zu entwickeln, was einer 5) Retardirende, welche den Gang aufhal-

jeden von beiden Dichlarten am meisten frommt, ten, oder den Weg verlängern; dieser bedienen

welche Gegenstände jede vorzüglich wählen, sich beide Dichtarten mir dem größten Vor-

welcher Motive sie sich vorzüglich bedienen wird; theile.

tch sage vorzüglich: denn, wie ich schon zu An- 60 4) Zurückgreifende, durch die dasjenige, was

mstg bemerkte, ganz ausschließlich kann sich vor der Epoche des Gedichtes geschehen ist, her-

keine etwas anmaßen. eingehoben wird.

Die Gegenstände des Epos und der Tragö- 5) Vorgreifende, die dasjenige was nach der

sollten rein menschlich, bedeutend und pa- Epoche des Gedichts geschehen wird, anticipire»;

thelisch sei»: die Personen stehen am besten auf 65 beide Arten braucht der epische, so wie dereinem gewissen Grade der Cultur, wo die Selbst- dramatische Dichter, um sein Gedicht vollständig

Thätigkeit noch auf sich allein angewiesen ist, machen-

wo man nicht moralisch, politisch, mechanisch, Welten, welche zum Anschauen gebracht

modern Persönlich wirkt. Die Sage» aus der werden sollen, sind beiden gemein: