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Johann
1) die physische, und zwar erstlich die nächste,
wozu die dargestellten Personen gehören unddie sie umgibt. In dieser steht der Dramatikermeist auf Einem Punkte fest: der Epiker bewegtsich freier in einem größer» Lokal: zweitens ldie entferntere Welt, wozu ich die ganze Na-tur rechne. > Diese bringt der epische Dichter,der sich überhaupt an die Imagination wendet,durch Gleichnisse näher, deren sich der Drama-tiker sparsamer bedient. 1
2) Die sittliche ist beiden ganz gemein, undwird am glücklichsten in ihrer physiologischenund pathologischen Einfalt dargestellt.
3) Die Welt der Phantasien, Ahnungen,Erscheinungen, Zufälle und Schicksale. Diese tsteht beiden offen, nur versteht sich, daß sie andie sinnliche herangebracht werde; wobei dennfür die Modernen eine besondere Schwierigkeitentsteht, weil wir für die Wundergeschöpfe,Götter, Wahrsager und Orakel der Alten, so 2sehr es zu wünschei/wäre, nicht leicht Ersatz finden.
Die Behandlung im Ganzen betreffend,wird der Rhapsode, der das vollkommen !Ler- >gangcne vorträgt, als ein weiser Mann erschei-nen, der in ruhiger Besonnenheit das Gesche- 2hene übersieht: sein Vertrag wird dahin zwecken,die Zuhörer zu beruhigen, damit sie ihm gernund lange zuhören; er wird das Interesse egalvertheilen, weil er nicht im Stande ist, einenallzulebhaften Eindruck geschwind zu balanciren; 3er wird nach Belieben rückwärts und vorwärts
von Göthc.
greifen und wandeln; man wird ihm überallfolge», denn er hat es nur mit der Einbil-dungskraft zu thun, die sich ihre Bilder selbsthervorbringt, und der es auf einen gewissen» Grad gleichgültig ist, was für welche sie auf-ruft. Der Rhapsode sollte als ein höheresWesen in seinem Gedicht nicht selbst erscheinen;er läse hinter einem Vorhänge am allerbesten,so daß man von aller Persönlichkeit abstrahirtc» und nur die Stimme der Musen im allgemei-nen zu hören glaubte.
Der Mime dagegen ist gerade in dem ent-gegengesetzten Fall: er stellt sich als ein be-stimmtes Individuum dar; er will, daß man5 an ihm und seiner nächsten Umgebung aus-schließlich Theil nehme; daß man die Leidenseiner Seele und seines Körpers mitfühle, seineVerlegenheiten theile und sich selbst über ihnvergesse. Zwar wird auch er stufenweise zu0 Werke gehen, aber er kann viel lebhaftere Wir-kungen wagen, weil bei sinnlicher Gegenwartauch sogar der stärkere Eindruck durch einenschwächer» vertilgt werden kann. Der zu-schauende Hörer muß von Rechts wegen in einer5 steten sinnlichen Anstrengung bleiben; er darfsich nicht zum Nachdenken erheben; er mußleidenschaftlich folgen; seine Phantasie ist ganzzum Schweigen gebracht; man dars keine An-sprüche an sie mache» ; und selbst was erzähltl) wird, muß gleichsam darstellend vor die Augengebracht werden.
VI. öriefe. (Briefwechsel
t. Göthe an Schiller.
In der Beilage erhalten Sie meinen Aus-satz, den ich zu beherzigen, anzuwenden, zumodisiciren und zu erweitern bitte. Ich habemich seit einigen Tagen dieser Kriterien beimLesen der Jlias und des Sophokles bedient, sowie bei einigen epischen und tragischen Gegen-ständen, die ich in Gedanken zu motivircnversuchte, und sie haben mir sehr brauchbar, jaentscheidend geschienen.
Es ist mir dabei recht aufgefallen, wie eskommt, daß wir Modernen die Genres sosehrzu vermischen geneigt sind, ja daß wir gar nichteinmal im Stande sind, sie von einander zuunterscheiden. Es scheint nur daher zu kom-men, weil die Künstler, die eigentlich die Kunst-werke innerhalb ihrer reinen Bedingungen her-vorbringen sollten, jenem Streben der Zuschauerund Zuhörer, alles völlig wahr zu finden, ge-fällig nachgeben. Meyer hat bemerkt, daß manalle Arten der bildenden Kunst hat bis zurMahlerey hinanlreiben wollen, indem diesedurch Haltung und Farben die Nachahmungals völlig wahr darstellen kann. So sieht manauch >m Gang der Poesie, daß alles zum Dra-ma, zur Darstellung des vollkommen Gegen-wärtigen sich hindrängt. So sind die Romanein Briefen völlig dramatisch, man kann deßwe-gen mit Recht förmliche Dialoge, wie auch Ri-
zwischen Gvthe und Schiller.)
40 chardson gethan hat, einschalten; erzählendeRomane mit Dialogen untermischt würden da-gegen zu tadeln sein.
Sie werden hundertmal gehört haben, daßman nach Lesung eines guten Romans gewünscht45 hat, den Gegenstand auf dem Theater zu sehen,und wie viel schlechte Dramen sind daher ent-standen! Eben so wollen die Menschen jede in-teressante Situation gleich in Kupfer gestochensehen, damit nur ja ihrer Imagination keine50 Thätigkeit übrig bleibe, so soll alles sinnlichwahr, vollkommen gegenwärtig, dramatisch seinund das Dramatische selbst soll sich deni wirk-lich Wahren völlig an die Seite stellen. Die-sen eigentlich kindischen, barbarischen, abge-55 schmachten Tendenzen sollte nun der Künstletaus allen Kräften widerstehen, Kunstwerk vonKunstwerk durch undurchdringliche Zaubcrkreisi'sondern, jedes bei seiner Eigenschaft und seinenEigenheiten erhallen, so wie es die Alten ge°60 lhan haben und dadurch eben solche Künstletwurden und waren. Aber wer kann sein Schiffvon den Wellen sondern, auf denen es schwimmt?Gegen Strom und Wind legt man nur kleineStrecken zurück. .
65 So war z. B. bei den Alten das Basrelieiein nur wenig erhobenes Werk, eine flache, 3°°schmachvolle Andeutung eines Gegenstandes auseiner Fläche; allein dabei konnte der^Mensmnicht bleiben, es wurde halb erhoben, ganz e -