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Johann Wolfgang von Göthe.
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nöthigt sie den Dramatiker, die individuell aufuns eindringende Wirklichkeit von uns entferntzu halten und dem Gemüth eine poetische Frei-heit gegen den Stoff zu verschaffen. Die Tra-gödie in ihrem höchsten Begriffe wird also im- 5mcr zu dem epischen Eharakter Hinaufstrebenund wird nur dadurch zur Dichtung. Dasepische Gedicht wird eben so zu dem DramaHerunterstreben und wird nur dadurch den poe-tischen Gattungsbegriff ganz erfüllen: just das, 1«was beide zu poetischen Werke» macht, bringtbeide einander nahe. Das Merkmal, wodurchsie spccisicirt und einander entgegengesetzt wer-den , bringt immer einen von beiden Bestand-theilen des poetischen Gattungsbegriffs ins Ge- 15dränge, bei der Epopöe die Sinnlichkeit, beider Tragödie die Freiheit, und es ist also na-türlich , daß das Contrcpoids gegen diesen Man-gel immer eine Eigenschaft sein wird, welchedas specifische Merkmal der entgegengesetzten 20Dichtart ausmacht. Jede wird also der andernden Dienst erweisen, daß sie die Gattung gegendie Art in Schutz nimmt. Daß dieses wechsel-seitige Hinstrcben zu einander nicht in eine Ver-mischung und Grenzverwirrung ausarte, das 25ist eben die eigentliche Aufgabe der Kunst, derenhöchster Punkt überhaupt immer dieser ist,Eharakter mit Schönheit, Reinheit mit Fülle,Einheit mit Allheit rc. zu vereinbaren.
Ihr Herrmann hat wirklich eine gewisse 30Hinneigung zur Tragödie, wenn man ihm denreine» strengen Begriff der Epopöe gegenüberstellt. Das Herz ist inniger und ernstlicher be-schäftigt , es ist mehr pathologisches Interesseals poetische Gleichgültigkeit darin. So ist auch 35die Enge des Schauplatzes, die Sparsamkeit derFiguren, der kurze Ablauf der Handlung derTragödie zugehörig. Umgekehrt schlägt IhreJphigenie offenbar in das epische Feld hinüber,sobald man den strengen Begriff der Tragödie 40cntgegenhält. Bon dem Tafso will ich gar nichtreden. Für eine Tragödie ist in der Jphigenieein zu ruhiger Gang, ein zu großer Aufenthalt,die Katastrophe nicht einmal zu rechnen, welcheder Tragödie widerspricht. Jede Wirkung, die 45ich von diesem Stücke theils an mir selbst, theilsan andern erfahren, ist, generisch, poetisch undtragisch gewesen, und so wird es immer sein,wenn eine Tragödie, auf epische Art, verfehltwird Aber an Ihrer Jphigenie ist dieses An- 50nähern an's Epische ein Fehler, nach meinemBegriff; an Ihrem Herrmann ist die Hinnei-gung zur Tragödie offenbar kein Fehler, we-nigstens dem Effecte nach ganz und gar nicht.Kommt dieses etwa davon, weil die Tragödie 55zu einem bestimmten, das epische Gedicht zueinem allgemeinen und freien Gebrauche da ist?
Für heute nichts mehr. Ich bin noch im-mer keiner ordentlichen Arbeit fähig, nur IhrBrief und Aufsatz konnten mir unterdessen Be-schäftigung geben. Leben Sie recht wohl.
Sch.
3. Göthe an Schiller.
So leid es mir thut, zu hören, daß Sienoch nicht ganz-zur Thätigkeit hergestellt sind,ist es mir doch angenehm, daß mein Brief undAufsatz einigermaßen beschäftigt hat. Ich dankefür den Ihrigen, der eine Sache noch weiterführt, an der uns so viel gelegen sein muß.Leider werden mir Neuern wohl auch gelegent-lich als Dichter geboren und wir plagen unsin der ganzen Gattung herum, ohne recht zuwissen woran wir eigentlich sind; denn die spe-cifischen Bestimmungen sollten, wenn ich nichtirre, eigentlich von außen kommen und die Ge-legenheit das Talent determiniren. Warummachen wir so selten ein Epigramm im Grie-chischen Sinn? Weil wir so wenig Dinge sehen,die eins verdienen. Warum gelingt uns dasEpische so selten? Weil wir keine Zuhörer ha-ben. Und warum ist das Streben nach thea-tralischen Arbeiten so groß? Weil bei iflis dasDrama die einzig sinnlich reizende Dichtart ist,von deren Ausübung man einen gewissen gegen-wärtigen Genuß hoffen kann.
Ich habe diese Lage fortgefahren die Jliaszu studiren, um zu überlegen, ob zwischen ihrund der Odyssee nicht noch eine Epopöe inneliege. Ich finde aber eigentlich nur tragischeStoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oderdaß ich nur den epischen nichr finden kann.Das Lebensende des Achill mit seinen Umge-bungen ließe eine epische Behandlung zu undforderte sie gewissermaßen, wegen der Breitedes zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde dieFrage entstehen, ob man wohl tkue einen tra-gischen Stoff ebenfalls episch zu behandeln?Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen.Was den Effect betrifft, so würde ein Neuer,der für Neue arbeitet, immer dabei im Vor-theil sein, weil man ohne pathologisches In-teresse wohl schwerlich sich den Beifall der Zeiterwerben wird. So viel für diesmal. Mcvcrarbeitet fleißig an feiner Abhandlung über diezur bildenden Kunst geeigneten Gegenstände:es kommt dabei alles zur Sprache, was auchuns interessirt, und es zeigt sich, wie nah derbildendc.Künstler mit dem Dramatiker verwandtist. Möchten Sie sich doch recht bald erholenund ich zur Freiheit gelangen Sie nächstensbesuchen zu können.
Den 27. December 1707. G.
VII. Recitation und Deklamation. — Rhythmischer Vortrag.
8. 1. Unter Recitation wird ein solcherVortrag verstanden, wie er, ohne leidenschaft-liche Tonerhebung, doch auch nicht ganz ohneTonverändcrung, zwischen der kalten ruhigen undder höchst aufgeregie» Sprache in der Mitte liegt.
65 Der Zuhörer fühle immer, daß hier von ei-nem dritten Objecte die Rede sei. ,
g. 2. Es wird daher gefordert, daß ",auf die zu recitirenden Stellen zwar den ^gemessenen Ausdruck lege und sie mit der c.