49
Johann Wolfgang von Göthc.
ött
psindung und dem Gefühl vertrage, welche dasGedicht durch seinen Inhalt dem Leser einflößt,jedoch soll dieses mit Mäßigung und ohne jeneleidenschaftliche Selbstentäußerung geschehen, diebei der Deklamation erfordert wird. Der Ne- 5citirende folgt zwar mit der Stimme den Ideendes Dichters und dem Eindruck, der durch densanften oder schrecklichen, angenehmen oder un-angenehmen Gegenstand auf ihn gemacht wird;er legt auf das Schauerliche den schauerlichen, 10auf das Zärtliche den zärtlichen, auf das Feier-liche den feierlichen Ton, aber dieses sind bloßFolgen und Wirkungen des Eindrucks, welchender Gegenstand auf den Recilircnden macht;er ändert dadurch seinen eigenthümlichen Cha- 15rakicr nicht; er verläugnct sein Naturell, seineIndividualität dadurch nicht, und ist mit einemFortepiano zu vergleichen, auf welchem ich i»seinem natürlichen, durch die Bauart erhaltenenTone spiele. Die Passage, welche ich vortrage, 20zwingt mich durch ihre Eomposilion zwar daslortv oder piano, üolov oder lurioso zu beob-achten, dieses geschieht aber, ohne daß ich michder Mutation bediene, welche das Instrumentbesitzt, sondern es ist bloß der Uebcrgang der 25Seele in die Finger, welche durch ihr Nach-geben , stärkeres oder schwächeres Aufbrechenund Berühren der Tasten den Geist der Com-position in die Passage legen und dadurch dieEmpfindungen erregen, welche durch ihren In- 30hall hervorgebracht werden könne».
8. 3. Ganz anders aber ist es bei derDeclamalion
oder gesteigerten Recitation. Hier muß ich mei-nen angebornen Charakter verlassen, mein Na- 35turell verläugnen und mich ganz in die Lageund Stimmung desjenigen versetzen, dessenRolle ich dcklamirc. Die Worte, , welche ichausspreche, müssen mit Energie und dem leben-digsten Ausdruck hervorgebracht werden, so 40daß ich jede leidenschaftliche Regung als wirk-lich gegenwärtig mit zu empfinden scheine.
Hier bedient sich der Spieler auf dem For-tepiano der Dämpfung und aller Mutationen,welche das Instrument besitzt. Werden sie mir 45Geschmack, jedes an seiner Stelle gehörig be-nutzt, und bat der Spieler zuvor mir Geist undFleiß die Anwendung und den Effekt, welchen -wan durch sie hervorbringen kann, studirt, sokann er auch der schönsten und vollkommensten 50Wirkung gewiß sein.
8. 4. Man könnte die Declamirkunst eineprosaische Tonkunst nennen, wie sie denn über-pdupt mit der Musik sehr viel Analoges hat.
Nur muß man unterscheiden, daß die Musik, 55ihren selbst eignen Zwecken gemäß, sich mitfl'rhr Freiheit bewegt, die Declamirkunst aberhu Umfa„g ihrer Töne weil beschränkter undr>nem fremden Zwecke unterworfen ist. Aus°wscn Grundsatz muß der Declamirende immer 00'r strengste Rücksicht nehmen. Denn wechseltTöne zu schnell, spricht er entweder zulf oder zu hoch, oder durch zu viele Halbtöne,sen > ^ kn das Singen, im rntgegenge-
! °h".Fall aber gcräth er in Monotonie, die 05^dst ,,, der einfachen Recitation fehlerhaft istdl- ßwei Klippen, eine so gefährlich wie die an-lie// denen noch eine dritte verborge»
», »amlich der Prcdigrrtvn. Leicht, indemNurz, pros. xj«. ».
man der einen oder andern Gefahr ausweicht,scheitert man an dieser.
§- 5. um nun eine richtige Deklamationzu erlangen , beherzige man folgende Regeln:
Wenn ich zunächst den Sinn der Worteganz verstehe, und vollkommen innc habe, somuß ich suchen, solche mit dem gehörigen Tonder Stimme zu begleiten und sie mit der Kraftoder Schwäche, so geschwind oder langsam aus-sprechrn, wie es der Sinn jedes Satzes selbstverlangt.
Z. B. Völker verrausche» - muß halb laut,rauschend,
Namen verklingen — muß Heller, klin-gender,
Finstre VergessenheitBreitet die dunkel nachtenden Schwinge»Ueber ganzen Geschlechtern aus —muß dumpf, tief, schauerlichgesprochen werden.
Z. 0. So muß bei folgender Stelle:„Schnell von dem Roß herab mich werfend,Dring' ich ihm nach rc."ein anderes viel schnelleres Tempo gewählt wer-den, als bei dem vorigen Satz; den» der In-halt der Worte verlangt es schon selbst.
§. 7. Wenn Stellen vorkommen, die durchandere unterbrochen werden, als wenn sie durchEinschließungszeichen abgesondert wären, so mußvor- und nachher ein wenig abgesetzt, und derTon, welcher durch die Zwischenrede unterbro-chen worden, hernach wieder fortgesetzt werden.Z. B.
„Und dennoch ist's der erste Kinderstrcit,
Der, fortgezeugt in unglücksel'ger Kette
Die neuste Unbill dieses Tags geboren."muß so dcclamirt werden:
„Und dennoch ist's der erste Kinderstrcit,
Der — fortgezeugt in unglücksel'-ger Kette —
^ Die neuste Unbill dieses Tags geboren."
§. 8. Wen» ein Wort vorkommt, dasvermöge seines Sinnes sich zu einem erhöhtenAusdruck eignet, oder vielleicht schon an undfür sich selbst, seiner innern Natur und nichtdes darauf gelegten Sinnes wegen, mit stärkerarticulirtcm Ton ausgesprochen werden muß,so ist wohl zu bemerke», daß man nicht wieabgeschnitten sich aus dem ruhigen Vertragherausreiße und mit aller Gewalt dieses bedeu-tende Wort Herausstoße und dann wieder zudem ruhigen Ton übergehe, sondern man be-reite durch eine weise Eintheilung des erhöhtenAusdrucks gleichsam den Zuhörer vor, indemman schon auf die vorhergehenden Wörter einenmehr arliculirten Ton lege und so steige »»dfalle bis zu dem geltenden Wort, damit solchesin einer vollen und runden Verbindung mit denandern ausgesprochen werde. Z. B.:
„Zwischen der SöhneFeuriger Kraft."
Hier ist das Wort feuriger ein Wort, wel-ches schon d» und für stch gezeich-
neten Ausdruck fordert, folglich mir viel crhöh-lcrein Ton declamirr werden muß. Nach Obi-gem würde es daher sehr fehlerhaft sein, wennich bei dem vorhergehenden Worte Söhne aufeinmal im Tone abbrechen und dann das Wortfeuriger mit Heftigkeit von mir geben wollte.
t