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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

Wasser so gut als das daraus entspringendeGrün, Luft und ihre Trübe, Erde rein undunrein gedacht. Die apparcnten Farben wech-seln hin und her; mannichfaltig verändert sichdas Organische; die Werkstätten der Färberwerden besucht und das Unendliche, Unbestimm-bare des engen Kreises recht wohl eingesehen-

Wir läugnen nicht, daß uns manchmal derGedanke gekommen, eben gedachtes Büchleinumzuschreiben mit so wenig Abänderungen alsmöglich, wie es sich vielleicht bloß durch Ver-änderung des Ausdrucks thun ließe. Eine solcheArbeit wäre wohl fruchtbarer, als durch einenweicläuftigen Commeutar auseinander zu setzen,worin man mit dem Verfasser eins oder uneinswäre. Jedes gute Buch, und besonders die derAlten, versteht und genießt niemand, als wersie suppliren kann. Wer etwas weiß, findetunendlich mehr in ihnen, als derjenige, der erstlernen will.

Sehen wir uns aber nach den eigentlichenUrsachen um, wodurch die Alten in ihren Vor-schnitten gehindert worden, so finden wir siedarin, daß ihnen die Kunst fehlt. Versuche an-zustellen, ja sogar der Sinn dazu. Die Ver-suche sind Vermittler zwischen Natur und Be-griff, zwischen Natur und Idee, zwischen Be-griff und Idee. Die zerstreute Erfahrung ziehtuns allzusehr nieder und ist sogar hinderlichauch nur zum Begriff zu gelangen. JederVersuch aber ist schon theorclisirend; er ent-springt aus einem Begriff oder stellt ihn sogleichauf. Viele einzelne Fälle werden unter eineinzig Phänomen subsummirt; die Erfahrungkommt ins Enge, man ist im Stande weitervorwärts zu gehen.

Die Schwierigkeit, den Aristoteles zu ver-stehen, einspringt aus der antiken Behandlungs-art, die uns fremd ist. Zerstreute Fälle sindaus der gemeinen Empirie aufgegriffen, mitgehörigem und geistreichem Raisonnement be-gleitet, auch wohl schicklich genug zusammenge-stellt; aber nun tritt der Begriff ohne Ver-mittlung hinzu, das Raisonnement geht insSubtile und Spitzfindige, das Begriffene wirdwieder durch Begriffe bearbeitet, anstatt daßMan es nun deutlich auf sich beruhen ließe,einzeln vermehrte, Massen,reise zusammenstellte,und erwartete, ob eine Idee daraus entsprin-gen wolle, wenn sie sich nicht gleich von Anfangan dazu gesellte.

Hallen wir nun bei der wissenschaftlichenBehandlung, wie sie von den Griechen unter-nommen worden, wie sie ihnen geglückt, man-ches zu erinnern; so treffen wir nunmehr, wennwir ihre Kunst betrachten, auf einen vollende-ten Kreis, der, indem er sich in sich selbst ab-schließt, doch auch zugleich als Glied in jeneBemühungen eingreift und, wo das Wissen nichtGenüge leistete, uns durch die That befriedigt.

Die Menschen sind überhaupt der KunstMehr gewachsen als der Wissenschaft. Jenegehört zur großen Hälfte ihnen selbst, diese zurgroßen Hälfte der Welt an. Bei jener läßtsteh eine Entwicklung in reiner Folge, dieseaum ohne ein unendliches Zusammenhäufcn den-en. Was aber Unterschied vorzüglich bestimmt Iw Kunst schließt sich in ihren einzelnen Werkendie Wissenschaft erscheint uns gränzenlos.

Das Glück der griechischen Ausbildung istschon oft und trefflich dargestellt worden. Ge-denken wir nur ihrer bildenden Kunst und desdamit so nahe verwandten Theaters. An den5 Vorzügen ihrer Plastik zweifelt niemand. Daßihre Malerei, ihr Helldunkel, ihr Colorit ebenso hoch gestanden, können wir in vollkommenenBeispielen nicht vor Augen stellen; wir müssendas wenige Uebriggclilicbene, die historischen10 Nachrichten, die Analogie, den Naturschritt,das Mögliche zu Hülfe nehmen, und es wirduns kein Zweifel übrig bleiben, daß sie auch indiesem Punkte alle ihre Nachfahren übertreffen.Zu dem gepriesenen Glück der Griechen muß15 vorzüglich gerechnet werden, daß sie durch keineäußere Einwirkung irre gemacht worden: eingünstiges Geschick, das in der neuern Zeit denIndividuen selten, den Nationen nie zu Theilwird ; denn selbst vollkommene Vorbilder machen20 irre, indem sie uns veranlassen, nothwendigeBildungsstufen zu überspringen, wodurch wirdenn meistens am Ziel vorbei in einen gränzen-losen Irrthum geführt werden.

Kehren wir nun zur Vergleichung der Kunst25 und Wissenschaft zurück, so begegnen wir fol-gender Betrachtung: Da im Wissen sowohl alsin der Reflexion kein Ganzes zusammengebrachtwerden kann, weil jenem das Innere, dieser dasAeußere fehlt, so müssen wir uns die Wissen-30 schaft nothwendig als Kunst denken, wenn wirvon ihr irgend eine Art von Ganzheit erwar-ten. Und zwar haben wir diese nicht im All-gemeine», im Ueberschwänglichen zu suchen, son-dern wie die Kunst sich immer ganz in jedem35 einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wis-senschaft sich auch jedesmal ganz in jedem ein-zelnen Behandelten erweisen.

Um aber einer solchen Forderung sich zunähern, so müßte man keine der menschlichen40 Kräfte bei wissenschaftlicher Thätigkeit aus-schließen. Die Abgründe der Ahnung, ein siche-res Anschauen der Gegenwart, mathematischeTiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft,Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchks-45 volle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnli-chen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaf-ten fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wo-durch ganz allein ein Kunstwerk, von welchemGehalt es auch sei, entstehen kann. Wenn diese50 geforderten Elemente wo nicht widersprechend,doch sich dergestalt gegenüberstehend erscheinenmöchten, daß auch die vorzüglichsten Geisternicht hoffen dürften sie zu vereinigen; so liegensie doch in der gesammten Menschheit offenbar55 da, und können jeden Augenblick hervortreten,wenn sie nicht durch Vorurtheile, durch Eigen-sinn einzelner Besitzenden, und wie sonst alledie verkennenden, zurückschreckenden und tödten-den Verneinungen heißen mögen, in dem Au-60 genblick, wo sie allein wirksam sein können,zurückgedrängt werden und die Erscheinung imEntstehen vernichtet wird-

Vielleicht ist es kühn, aber wenigstens indieser Zeit nöthig z„ fuge,,: daß die Gesammt-65 heit jener Elemente vielleicht vor keiner Nationso bereit liegt als vor der deutschen. Dennob >mr gleich, was Wissenschaft und Kunst be-trifft, in der seltsamstenHAnarchie leben, die unsvon jedem erwünschten Zweck immer mehr zu