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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

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Lalar immer gar Wohlgefallen. Der zweiteBotschafter, Baron von Groschlag, war einwohlgebauter, im Aeußern bequem aber höchstanständig sich betragender Weltmann. Er machteüberhaupt einen sehr behaglichen Eindruck. FürstEstcrhazy, der Böhmische Gesandte, war nichtgroß aber wohlgebaut, lebhaft und zugleich vor-nehm anständig, ohne Stolz und Kälte. Ichhatte eine besondere Neigung zu ihm, weil ermich an den Marschall von Broglio erinnerte.Doch verschwand gewissermaßen die Gestalt undWürde dieser trefflichen Personen über demVorurtheil, das man für den Brandenburgi-schen Gesandten, Baron von Plotho, gefaßthatte- Dieser Mann, der durch eine gewisseSpärlichkeit, sowohl in eigner Kleidung, als inLivreen und Equipagen sich auszeichnete, warvoin siebenjährigen Kriege her als diplomatischerHeld berühmt, hatte zu Regcnsburg den No-tarius April, der ihm die gegen seinen Königergangene Achtscrklärung von einigen Zeugenbegleitet zu insinuiren gedachte, mit der lako-nischen Gegenrede: Was! Er insinuiren? dieTreppe hinuntergeworfen oder werfen lassen.Das erste glaubten wir, weil es uns besser ge-fiel, und wir es auch dem kleinen, gedrunge-nen, mit schwärzen Feucraugen hin und wiederblickenden Manne gar wohl zutrauten. AllerAugen waren auf ihn gerichtet, besonders woer ausstieg. Es entstand jederzeit eine Art vonfrohem Zischeln, und wenig fehlte, daß manihm applaudirt, Nivat oder Bravo zugerufenhätte. So hoch stand der König und alles,was ihm mit Leib und Seele ergeben war, inder Gunst der Menge, unter der sich außer denFrankfurtern schon Deutsche aus allen Gegen-den befanden.

Einerseits harte ich an diesen Dingen mancheLust: weil alles was vorging, es mochte seinvon welcher Art es wollte, doch immer einegewisse Deutung verbarg, irgend ein inneresVerhältniß anzeigte, und solche sumbolische Ce-rentbnicn das durch so viele Pergamente, Pa-piere und Bücber beinah verschüttete deutscheReich wieder für einen Augenblick lebendig dar-stellten; andererseits aber konnte ich mir eingeheimes Mißfallen nicht verbergen, wenn ichnun zu Hause die innern Verhandlungen zumBehuf meines Vaters abschreiben und dabei be-merken mußte, daß hier mehrere Gewalten ein-ander gegenüber standen, die sich das Gleich-gewicht hielten, und nur i» so fern einig wa-ten, als sie den neuen Regenten noch mehr alsden alten zu beschränken gedachten; daß jeder-mann sich nur in so fern seines Einflusses freute,als er seine Privilegien zu erhalten und zu er-weitern , und seine Unabhängigkeit mehr zusichern hoffte. Ja man war diesmal noch auf-merksamer als sonst, weil man sich vor Josephdem Zweiten, vor seiner Heftigkeit und seinenvermuthlichen Planen zu fürchten anfing.

Bei meinem Großvater und den übrigenRathsverwandten, deren Häuser ich zu besuchenvstegle, war es auch keine gute Zeit: denn siehatten so viel mit Einholen der vornehmen^aste, mit Becomplimentiren, mit Uebertrei-bung von Geschenken zu thun. Nicht wenigerhatte der Magistrat im Ganzen wie im Einzel-k» sich immer zu wehren, zu widersteh» und

zu protestiren, weil bei solchen Gelegenheitenihm jedermann etwas abzwacken oder aufbürdenwill, und ihm wenige von denen,ssdie erfan-spricht, beistehen oder zu Hülfe kommen. Ge-nug, mir trat alles nunmehr lebhaft vor Au-gen, was ich in der Lersner'schcn Chronik vonähnlichen Vorfällen bei ähnlichen Gelegenheiten,mit Bewunderung der Geduld und Ausdauerjener guten Raths,nänner, gelesen hatte.

Mancher Verdruß entspringt auch daher,daß sich die Stadt nach und nach mit nöthigenund unnöthigea Personen anfüllt. Vergebenswerden die Höfe von Seiten der Stadt an dieVorschriften der freilich veralteten goldenenBulle erinnert. Nicht allein die zum GeschäftVerordneten und ihre Begleiter, sondern man-che Standes- und andre Personen, die aus Neu-gier oder zu Privatzwecken herankommen, stehenunter Protektion, und die Frage: wer eigent-lich einquartirt wird und wer selbst sich eineWohnung miethen soll? ist nicht immer sogleichentschieden. Das Getümmel wächst, und selbstdiejenigen, die nichts dabei zu leisten oder zuverantworten haben, fangen an sich unbehaglichzu fühlen.

Selbst wir jungen Leute, die wir das alleswohl mit ansehen konnten, fanden doch immernicht genug Befriedigung für unsere Augen,für unsere Einbildungskraft. Die SpanischenMantelkleider, die großen Federhüte der Ge-sandten und hie und da noch einiges anderegaben wohl ein ächt alterthümliches Ansehen;manches dagegen war wieder so halb neu oderganz modern, daß überall nur ei» buntes, un-befriedigendes, öfter sogar geschmackloses Wesenhervortrat. Sehr glücklich machte es uns da-her, zu vernehmen, daß wegen der Herreisedes Kaisers und des künftigen Königs großeAnstalten gemacht würden, daß die Churfürst-lichen Collegialhandlungen, bei welchen die letzteWahlcapitulation zum Grunde lag, eifrig vor-wärts gingen, und daß der Wahltag auf den27. März festgesetzt sei. Nun ward an dieHerbeischaffung der Reichsinsignien von Nürn-berg und Aachen gedacht, und man erwartetezunächst den Einzug des Churfürsten von Mainz,während mit seiner Gesandtschaft die Irrun-gen wegen der Quartiere immer fortdauerten.

Indessen betrieb ich meine Kanzeltistenarbeitzu Hause sehr lebhaft, und wurde dabei freilichmancherlei kleinliche Monita gewahr, die vonviele» Seiten einliefen, und bei der neuen Ca-pitulation berücksichtigt werden sollten. JederStand wollte in diesem Documenr seine Ge-rechtsame gewahrt und sein Ansehen vermehrtwissen. Gar viele solcher Bemerkungen undWünsche wurden jedoch bei Seite geschoben;vieles blieb wie es gewesen war: gleichwohl er-hielten die Monentcn die bündigsten Versiche-rungen, daß ihnen jene Uebergehungen keines-wegs zum Präjudiz gereichen solle.

Sehr vielen und gefährlichen Geschäftenmußte sich indessen das Reichsmarschallamc un-terziehen; die Masse der Fremden wuchs, eswurde immer schwieriger sie unterzubringen,ueber die Gränzen der verschiedenen Cburfurst-lichen Bezirke war man nicht einig. Der Ma-gistrat wollte von den Bürgern die Lasten ab-halten, zu denen sie nicht verpflichtet schienen,

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