Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
63-64
JPEG-Download
 

63

Johann Wolfgang von Göthc.

64

und so gab es, bei Tag und bei Nacht, stünd-lich Beschwerden, Recurse, Streit und Miß-helligkeiten-

Der Einzug des Churfürsten von Mainzerfolgte den 21. März Hier fing nun dasKanonircn an, mit dem wir auf lange Zeitmehrmals betäubt werden sollten. Wichtig inder Reihe der Ceremonien war diese Festlichkeit:denn alle die Männer, die wir bisher auftre-ten sahen, waren, so hoch sie auch standen,doch immer nur Untergeordnete; hier aber er-schien ein Souverän, ein selbstständiger Fürst,der Erste nach dem Kaiser, von einem großen,seiner würdigen Gefolge eingeführt und beglei-tet. Bon dem Pompe dieses Einzugs würdeich hier manches zu erzählen habe», wenn ichnicht später darauf zurückzukommen gedächte,und zwar bei einer Gelegenheit, die niemandleicht errathen sollte.

An demselben Tage nämlich kam Lavatcr,auf seinem Rückwege von Berlin nach Hausebegriffen, durch Frankfurt, und sah diese Feier-lichkeit mir an. Ob nun gleich solche weltlicheAcußerlichkeücn für ihn nicht den mindestenWerth halten, so mochte doch dieser Zug mitseiner Pracht und allem Beiwescn deutlich inseine sehr lebhafte Einbildungskraft sich einge-drückt haben: denn nach mehreren Jahren, alsmir dieser vorzügliche, aber eigene Mann einepoetische Paraphrase, ich glaube der Offenba-rung St. Johannis, mittheilte, fand ich denEinzug des Antichrist Schritt vor Schritt, Ge-stalt vor Gestalt, Umstand vor Umstand, demEinzug des Churfürsten von Mainz in Frank-furt nachgebildet, dergestalt daß sogar die Qua-sten an den Köpfen der Jsabcllpferde nicht fehl-ten. ES wird sich mehr davon sagen lassen,wenn ich zur Epoche jener wunderlichen Dich-tungsarl gelange, durch welche man die alt-und »eulestamentlichen Mythen dem Anschauenund Gefühl näher zu bringen glaubte, wennman sie völlig ins Moderne travestirlc, undihnen aus dem gegenwärtigen Leben, es sei nungemeiner oder vornehmer, ein Gewand um-hinge. Wie diese Behandlungsart sich nach undnach beliebt gemacht, davon muß gleichfallskünftig die Rede sein; doch bemerke ich hier soviel, daß sie weiter als durch Lavatcr und seineNacheiferen wohl nicht getrieben worden, indemeiner derselben die heiligen drei Könige, wie siezu Bethlehem einrciten, so modern schilderte,daß die Fürsten und Herren, welche Lavaternzu besuchen pflegten, persönlich darin nicht zuverkennen waren. - - - - —

Gleich den nächsten Tag war große Bewe-gung in der Stadt, wegen der Visiten undGegenvisiten, welche nunmehr mit dem größtenCeremonie! abgestattet wurden. Was mich aberals einen Frankfurter Bürger besonders inte-ressirtc und zu vielen Betrachtungen veran-laßte, war die Ablcgung des Sichcrheitscides,den der Rath, das Militär, die Bürgerschaft,nicht etwa durch Repräsentanten, sondern per-sönlich und Masse leisteten: erst auf demgroßen Römersaale der Magistrat und die Stabs-offiziere, dann auf dem großen Platze, dem Rö-merberg, die sämmtliche Bürgerschaft nach ihrenverschiedenen Graden, Abstufungen und Quar-riren, und zuletzt das übrige Militär. Hier

konnte man das ganze Gemeinwesen mit EinemBlick überschauen, versammelt zu dem ehren-vollen Zweck, dem Haupt und den Gliedern desReichs Sicherheit, und bei dem bevorstehendengroßen Werke unverbrüchliche Ruhe anzugelo-ben. Nun waren auch Chur-Leier und Chur-Köln in Person angekommen. Am Vorabenddes Wahltages werden alle Fremden aus derStadt gewiesen, die Thore sind geschloffen, dieJuden in ihre Gaffe eingesperrt und der Frank-furter Bürger dünkt sich nicht wenig, daß erallein Zeuge einer so großen Feierlichkeit bleibendarf.

Bisher war alles noch ziemlich modern her-gegangen: die höchsten und hohen Personen be-wegten sich nur in Kutschen hin und wieder;nun aber sollten wir sie, nach uralter Weise,zu Pferde sehen. Der Zulauf und das Ge-dränge war außerordentlich. Ich wußte michin dem Römer, den ich, wie eine Maus denheimischen Kornboden, genau kannte, so langeherumzuschmiegcn, bis ich an den Haupreinganggelangte, vor welchem die Churfürsten und Ge-sandten, die zuerst in Prachtkutschen herange-fahrcn und sich oben versammelt hatten, nun-mehr zu Pferde steigen sollten. Die stattlich-sten, wohlzugerittenen Rosse waren mir reich-gestickten Waldrappen überhangen und auf alleWeise geschmückt. Churfürst Emmerich Joseph,ein schöner behaglicher Mann, nahm sich zuPferde gut aus. Der beiden andern erinnereich mich weniger, als nur überhaupt, daß unsdiese rothen mir Hermelin ausgcschlagenen Für-stenmäntel, die wir sonst nur auf Gemälden zusehen gewohnt waren, unter freiem Himmelsehr romantisch vorkamen. Auch die Botschaf-ter der abwesenden weltlichen Churfürsten inihren goldstoffenen, mit Gold übersticklen, mirgvldnen Spitzenlreffen reich besetzten SpanischenKleidern thaten unsern Augen wohl; besonderswehten die großen Federn von den alterthüm-lich aufgekrcmpren Hüten aufs prächtigste. Wasmir aber gar nicht dabei gefallen wollte, warendie kurzen moderne» Beinkleider, die weißseide-ncn Strümpfe und modischen Schuhe. Wirhätten Halbstiefelchen, so golden als man ge-wollt, Sandalen oder dergleichen gewünscht,um nur ein etwas konsequenteres Costüm zuerblicken.

Im Betragen unterschied sich auch hier derGesandte von Plotho wieder vor allen andern-Er zeigte sich lebhaft und munter, und schienvor der ganzen Ceremonie nicht sonderlichenRespekt zu haben. Denn als sein Vordermann,ein ältlicher Herr, sich nicht sogleich aufs Psisdschwingen konnte, und er deßhalb eine Weilean dem großen Eingang warten mußte, en>^hielt er sich des Lachens nicht, bis sein Psi^'dauch vorgeführt wurde, auf welches er sich dennsehr behend hinauf schwang und von uns ab"^malS als ein würdiger Abgesandter Friedrichdes Zweiten bewundert wurde.

Nun war für uns der Vorhang wieder g^fallen. Ich halte mich zwar in die Kirche «drängen gesucht; allein es fand sich auch ^mehr Unbequemlichkeit als Lust. Die Wähle»'den hatten sich ins Allerheiligsre zurückgezoge ,in welchem weitläufige Ceremonien die S"einer bedächtigen Wahlübcrlegung vertra

5

1 »

15

20

25

30

35

il>

45

50

65

6N

65