Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
137-138
JPEG-Download
 

137

Johann Wolfgang von Göthe.

138

durch zufällige Lücken der hohen Bäume dasfürstliche Schloß links, von der Morgensonnebeleuchiet; den wohlgebauten höher» Theil derStadt von leichten Rauchwolken gedämpft, undsofort nach der rechten zu die untere Stadt,den Fluß in einigen Krümmungen, mit seinenWiesen und Mühlen; gegenüber eine weite nahr-hafte Gegend.

Nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt,oder vielmehr, wie es uns bei dem Umblick aufso hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst rechtverlangend geworden nach einer weitern, weni-ger begränzten Aussicht, ritten sie eine steinigebreite Fläche hinan, wo ihnen die mächtigeRuine als ein grüngekrönter Gipfel entgegenstand, wenig alle Bäume tief unten um seinenFuß; sie ritten hindurch und so fanden sie sichgerade vor der steilsten unzugänglichsten Seite.Mächtige Felsen standen von Urzeiten her, je-dem Wechsel unangetastet, fest, wohlgegründetvoran, und so thürmtc sichs aufwärts; das da-zwischen Herabgestürzte lag in mächtigen Plat-ten und Trümmern unregelmäßig übereinanderund schien dem Kühnsten jeden Angriff zu ver-bieten. Aber das Steile, Zähe scheint der Ju-gend zuzusagen; dieß zu unternehmen, zu er-stürmen, zu erobern ist jungen Gliedern einGenuß. Die Fürstin bezeigte Neigung zu einemVersuch, Honorio war bei der Hand, der fürst-liche Oheim, wenn schon bequemer, ließ sichsgefallen und wollte sich doch auch nicht unkräf-rig zeigen; die Pferde sollten am Fuß unter denBäumen halten, und man wollte bis zu einemgewissen Punkte gelangen, wo ein vorstehendermächtiger Fels einen Flächenraum darbot, vonwo man eine Aussicht hatte, die zwar schon inden Blick des Vogels überging aber sich dochnoch malerisch genug hinter einander schob.

Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle,verlieh die klarste Beleuchtung, das fürstlicheSchloß mit seinen Theilen, Hauptgebäuden,Flügeln, Kuppeln und Thürmen erschien garstattlich; die obere Stadt in ihrer völligen Aus-dehnung; auch in die untere konnte man be-quem hineinsehen, ja durch das Fernrohr aufdem Markte sogar die Buden unterscheiden.Honorio war immer gewohnt ein so förderlichesWerkzeug überzuschnallen; man schaute denFluß hinauf und hinab, diesseits das bergartiglerraffenweis unterbrochene, jenseits das aufglei-tende flache und in mäßigen Hügeln abwech-selnde fruchtbare Land; Ortschaften unzählige;denn es war längst herkömmlich über die Zahlzu streiten, wie viel man deren von hier obengewahr werde.

Ueber die große Weite lag eine heitereStille, wie es am Mittag zu sein pflegt, wodie Alten sagten, der Pan schlafe, und alle Na-tur hatte den Athem an, um ihn nicht aufzuwecken.

Es ist nicht das erstemal, sagte die Fürstin,daß ich auf so hoher weilumschauender Stelledle Betrachtung mache, wie doch die klare Na->o reinlich und friedlich aussieht, und denEindruck verleiht als wenn gar nichts Wider-wärtige in der Welt sein könne; und wennwieder in die Menschenwohnung zu-uctkehrr, sie sei hoch oder niedrig, weit oderug< so gibr's immer etwas zu kämpfen, zuI reiten, zu schlichten und zurecht zu legen.

Honorio, der indessen durch das Sehrohrnach der Stadt geschaut hatte, rief: Seht hin!Sehr hin! auf dem Markte fängt es an zubrennen. Sie sahen hin und bemerkten weni-5 gen Rauch, die Flamme dämpfte der Tag. DasFeuer greift weiter um sich! rief man, immerdurch die Gläser schauend; auch wurde das Un-heil den guten unbewaffneten Augen der Für-stin bemerklich; von Zeit zu Zeit erkannte man10 eine rothe Flammengluth, der Dampf stieg em-por und Fürst Oheim sprach: Laßt uns zurück-kehren, das ist nicht gut, ich fürchtete immerdas Unglück zum zweitenmale zu erleben. Alssie, herabzekommen, den Pferden wieder zugin-15 gen, sagte die Fürstin zu dem alten Herrn:Reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne denReitknecht, lassen Sie mir Honorio, wir folgensogleich. Der Oheim fühlte das Vernünftige,ja das Nothwendige dieser Worte und ritt so20 eilig als der Boden erlaubte, den wüsten steini-gen Hang hinunter.

Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio, rei-ten Ew. Durchlaucht, ich bitte, langsam! inder Stadt wie auf dem Schloß sind die Feuer-25 anstauen in bester Ordnung, man wird sichdurch einen so unerwartet außerordentlichenFall nicht irre machen lassen. Hier aber istein böser Boden, kleine Steine und kurzes Gras,schnelles Reiten ist unsicher, ohnehin, bis wir30 hineinkommen, wird das Feuer schon nieder sein.Die Fürstin glaubte nicht daran, sie sah denRauch sich verbreiten, sie glaubte einen auf-flammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehörtzu haben und nun bewegten sich in ihrer Ein-35 bildungskrafr alle die Schreckbilder, welche destrefflichen Oheims wiederholte Erzählung vondem erlebten Jahrmarkts-Brand- leider nurzu lief eingesenkt hatte.

Fürchterlich wohl war jener Fall, überra-40 schend und eindringlich genug, um zeitlebenseine Ahnung und Vorstellung wiederkehrendenUnglücks ängstlich zurückzulassen, als zur Nacht-zeit auf dem großen budenreichen Marktraumein plötzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen45 hatte, ehe noch die in und an diesen leichtenHütten Schlafenden aus tiefen Träumen ge-schüttelt wurden; der Fürst selbst als ein er-müdet angelangter erst eingcschlafener Fremderans Fenster sprang, alles fürchterlich erleuchtet50 sah, Flamme nach Flamme, rechts und linkssich überspringend, ihm entgegen züngelte. DieHäuser des Marktes, vom Widerschein gcröthet,schienen schon zu glühen, drohend sich jedenAugenblick zu entzünden und in Flammen auf-55 zuschlagen: unten wüthete das Element unauf-haltsam, die Bretter prasselten, die Latten knack-ten , Leinwand flog auf und ihre düstern an denEnden flammend ausgezackten Fetzen trieben inder Höhe sich umher, als wenn die bösen Gei-60 ster in ihrem Elemente um und um gestaltetsich muthwillig tanzend verzehren, und da unddort aus'den Gluthen wieder auftauchen woll-ten. Dann aber mit kreischendem Geheul ret-tete jeder was zur Hand lag; Diener und65 Knechte mit den Herren bemühten sich vonFlammen ergriffene Ballen fortzuschleppen, vondem brennenden Gestell noch einiges wegzureißen,um es in die Kiste zu packen, die sie denn dochzuletzt den eilenden Flammen zum Raube lassen