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Johann Wvlfgang von Göthe
mußten. Wie mancher wünschte nur einen Au-genblick Stillstand dem heranpraffelnden Feuer,nach der Möglichkeit einer Besinnung sich um-sehend, und er war mir aller seiner Habe schonergriffen; an der einen Seite brannte, glühte 5schon, was an der andern noch in finstrer Nachtstand. Hartnäckige Charaktere, WillenstarkeMenschen widersetzten sich grimmig dem grim-migen Feinde und retteten manches, mit Ver-lust ihrer Augenbraunen und Haare. Leider 10nun erneuerte sich vor dem schönen Geiste derFürstin der wüste Wirrwarr, nun schien derheitere morgendliche Gesichtskreis umnebelt, ihreAugen verdüstert, Wald und Wiese hatten einenwunderbaren bänglichen Anschein.
In das friedliche Thal cinreitend, seinerlabenden Kühle nicht achtend, waren sie kaumeinige Schritte von der lebhaften Quelle desnahen fließenden Baches herab, als die Fürstinganz unten im Gebüsche des Wiesenthals etwas 20Seltsames erblickte, das sie alsobald für denTiger erkannte; heranspringend, wie sie ihnvor kurzem gemalt gesehen, kam er entgegen;und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern,die sie so eben beschäftigten, machte den wun- 25dersamste» Eindruck. Flieht! gnädige Frau,rief Honorio, flieht! Sie wandte das Pferd um,dem steilen Berg zu, wo sie herabgekommenwaren. Der Jüngling aber, dem Unthier ent-gegen, zog die Pistole und schoß, als er sich 30nahe genug glaubte; leider jedoch war gefehlt,der Tiger sprang seitwärts, das Pferd stutzte,das ergrimmte Thier aber verfolgte seinen Weg,aufwärts unmittelbar der Fürstin nach. Siesprengte, was das Pferd vermochte, die steile, 38steinige Strecke hinan, kaum fürchtend, daß einzartes Geschöpf, solcher Anstrengung ungewohnt,sie nicht aushalten werde. Es übernahm sich,von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß amkleinen Gerölle des Hanges an und wieder an, 40und stürzte zuletzt nach heftigem Bestreben kraft-los zu Boden. Die schöne Dame, entschlossenund gewandt, verfehlte nicht, sich strack aufihre Füße z» stellen, auch das Pferd richtetesich auf, aber der Tiger nahte schon, obgleich 45nicht mit heftiger Schnelle; der ungleiche Bo-den, die scharfen Steine schienen seinen An-trieb zu hindern und nur daß Honorio unmit-telbar hinter ihm herflog, neben ihm gemäßigtHeraufritt, schien seine Kraft aufs neue anzu- 50spornen und zu reizen. Beide Renner erreich-ten zugleich den Ort, wo die Fürstin am Pferdestand, der Ritter beugte sich herab, schoß undtraf mir der zweiten Pistole das Ungeheuer durchden Kopf, daß es sogleich niederstürzte, und aus- 55gestreckt in seiner Länge erst recht die Machtund Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur nochdas Körperliche übrig geblieben da lag. Ho-norio war vom Pferde gesprungen und knieteschon auf dem Thiere, dämpfte seine letzten Be- 60wegungen und hielt den gezogenen Hirschfängerin der rechten Hand. Der Jüngling war schön,er war herangesprengt, wie ihn die Fürstin oftim Lanzen- und Ringelspiel gesehen hatte. Ebenso traf in der Reitbahn seine Kugel im Vor- 65beisprengcn den Türkcnkopf auf dem Pfahl,gerade unter dem Turban in die Stirne, ebenso spießte er, flüchtig heransprengend, mit demblanken Säbel das Mohrenhaupr vom Boden
auf. In allen solchen Künsten war er gewandtund glücklich, hier kam beides zu Statten.
Gebt ihm den Rest, sagte die Fürstin, ichfürchte er beschädigt Euch noch mit den Kral-len. — Verzeiht! erwiederte der Jüngling, erist schon todt genug, und ich mag das Fellnicht verderben , das nächste» Winter auf EuremSchlitten glänzen soll. — Frevelt nicht! sagtedie Fürstin; alles was von Frömmigkeit imriefen Herzen wohnt, entfaltet sich in solchemAugenblick. — Auch ich, rief Honorio, warnicht frömmer als jetzt eben, deßhalb aber denkeich ans Freudigste, ich blicke dieses Fell nuran, wie es Euch zur Lust begleiten kann. Es15 würde mich immer an diesen schrecklichen Au-genblick erinnern, versetzte sie. — Ist es doch,erwiderte der Jüngling mit glühnder Wange,ein unschuldigeres Triumphzeichen, als wenndie Waffen erschlagener Feinde vor dem Siegerher zur Schau getragen wurden. — Ich werdemich an Eure Kühnheit und Gewandtheit dabeierinnern, und darf nicht hinzusetzen, daß Ihrauf meinen Dank und auf die Gnade des Für-sten lebenslänglich rechnen könnt. Aber stehtauf; schon ist kein Leben mehr im Thiere, be-denken wir das weitere, vor allen Dingen stehtauf! — Da ich nun einmal kniee, versetzte derJüngling, da ich mich in einer Stellung be-finde, die mir auf jede andere Weise untersagtwäre, so laßt mich bitten von der Gunst, vonder Gnade, die ihr mir zuwendet, in diesemAugenblick versichert zu werden. Ich habe schonso oft Euren hohen Gemahl gebeten um Ur-laub und Vergünstigung einer weitern Reise.Wer das Glück hat an Eurer Tafel zu sitzen,wen Ihr beehrt Eure Gesellschaft unterhaltenzu dürfen, der muß die Welt gesehen haben.Reisende strömen von allen Orten her, undwenn von einer Stadt, von einem wichtigenPunkte irgend eines Welttheils gesprochen wird,ergeht an den Eurigen jedesmal die Frage, ober daselbst gewesen sei? Niemanden traut manVerstand zu, als wer das alles gesehen hat;es ist als wenn man sich nur für andere zuunterrichten hätte.
Steht auf! wiederholte die Fürstin, ich möchtenicht gern gegen die Ueberzeugung meines Ge-mahls irgend etwas wünschen und bitten, alleinwenn ich nicht irre, so ist die Ursache, warumer Euch bisher zurückhielt, bald gehoben. SeineAbsicht war, Euch zum selbstständigen Edel-mann herangereift zu sehen, der sich und ihmauch auswärts Ehre machte, wie bisher amHofe, und ich dächte Eure That wäre ein soempfehlender Reisepaß als ein junger Man»nur in die Welt mitnehmen kann.
Daß anstatt einer jugendlichen Freude eiMgewisse Trauer über sein Gesicht zog, hatte d>eFürstin nicht Zeit zu bemerken, noch er sem^Empfindung Raum zu geben, denn hastig deuBerg herauf, einen Knaben an der Hand, kameine Frau, geradezu auf die Gruppe los, o'wir kennen, und kaum war Honorio sich Qsinnend aufgestanden, als sie sich heulend u»schreiend über den Leichnam her warf, und odieser Handlung, so wie an einer, obgleich re> 'lich anständigen, doch bunten undKleidung sogleich errathen ließ, sie sei die Nccsterin und Wärterin dieses dahin gest"»