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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

Geschöpfes, wie denn der schwarzäugige, schwarz-lockige Knabe, der eine Flore in der Hand hielt,gleich der Mutter weinend, weniger deftig aberrief gerührt, neben ihr kniete.

Den gewallsamen Ausbrüchen der Leiden- 5schasc dieses unglücklichen Weibes folgte, zwarunterbrochen stoßweise, ein Strom von Worten,wie ein Bach sich in Absätzen von Felsen zuFelsen stürzt. Eine natürliche Sprache, kurzund abgebrochen, machte sich eindringlich und 1l)rührend; vergebens würde man sie in unsernMundarten übersetzen wollen, den ungefähre»Inhalt dürfen wir nicht verfehlen. Sie habendich ermordet, armes Thier! ermordet ohneNoth! Du warst zahm und hättest dich gern 15ruhig niedergelassen und auf uns gewartet;denn deine Fußballcn schmerzten dich, und deineKrallen hatten keine Kraft mehr! Die heißeSonne fehlte dir, sie zu reifen. Du warst derSchönste deines Gleichen; wer hat je einen kö- 2l)niglichen Tiger so herrlich ausgestreckt imSchlafe gesehen, wie du nun hier liegst, todtum nicht wieder aufzustehen. Wenn du desMorgens aufwachtest beim frühen Lagschein und'den Rachen aufsperrtest, ausstreckend die rothe 25Zunge, so schienst du uns zu lächeln, und, wennschon brüllend, nahmst du doch spielend deinFutter aus den Händen einer Frau, von denFingern eines Kindes! Wie lange begleitetenwir dich auf deinen Fahrten, wie lange war 30deine Gesellschaft uns wichtig und fruchtbar!Uns! uns, ganz eigentlich kam die Speise vonden Fressern, und süße Labung von den Star-ken. So wird es nicht mehr sein! Wehe!Wehe! 35

Sie hatte nicht ausgeklagt, als über diemittlere Höhe des Bergs am Schlosse herabReiter heransprengten, die alsobald für dasJagdgefolge des Fürsten erkannt wurden, erselbst voran. Sie hatten, in den Hintern Ge- 4gbergen jagend, die Brandwolken aufsteigen sehenund durch Thäler und Schluchten, wie auf ge-waltsam hetzender Jagd, den geraden Weg nachbiesem traurigen Zeichen genommen. Ueber diesteinige Blöße einhersprengend stutzten und starr- 45Un sie, nun die unerwartete Gruppe gewahrwerdend, die sich auf der leeren Fläche merk-würdig auszeichnete.. Nach dem ersten Erken-uen verstummte man, und nach einigem Erho-bn ward, was der Anblick nicht selbst ergab, 50b>it wenigen Worten erläutert. So stand der8ürst vor dem seltsamen unerhörten Ereigniß,^Men Kreis umher von Reitern und Nacheilen-zu Fuße. Unschlüssig war man nicht wasthun sei; anzuordnen, auszuführen war der 55Fürst beschäftigt, als ein Mann sich in denKrttz drängle, groß von Gestalt, bunt undwunderlich gekleidet wie Frau und Kind. Und,,br> gab die Familie zusammen Schmerz undÜberraschung ß" erkennen. Der Mann aber 60besaßt, stand in ehrfurchtsvoller Entfernungor dr,u Fürsten und sagte; Es ist nicht Kla-o Atit; ach mein Herr und mächtiger Jäger,ch der Löwe ist los, auch hier nach dem Ge-her^ hin, aber schont ihn, habt Barm- 65Thftr ^ rr nicht umkomme, wie dieß gute

Ev^r" Löwe? sagte der Fürst, hast du seine^ — Ja Herr! Ein Bauer dort unten,

der sich ohne Roth auf einen Baum gerettethatte, wies mich weiter hier links hinauf, aberich sah den großen Trupp Menschen und Pferdevor mir, neugierig und hülfsbedürftig eilt' ichhierher. „Also, — beorderte der Fürst — mußdie Jagd sich auf diese Seite ziehen; ihr ladetEure Gewehre, geht sachte zu Werk, es ist keinUnglück, wenn ihr ih„ in die tiefen Wäldertreibt; aber am Ende, guter Mann, werdenwir Euer Geschöpf nicht schonen können; wa-rum wart ihr unvorsichtig genug sie entkommenzu lassen?" — Das Feuer brach aus, versetztelener, wir hielten uns still und gespannt, esverbreitete sich schnell, aber fern von uns, wirharren Wasser genug zu unserer Vertheidigung,aber ein Pulverschlag flog auf, und warf dieBrände bis an uns heran, Über uns weg; wirübereilten uns und sind nun unglückliche Leute.

Noch war der Fürst mif Anordnungen be-schäftigt, aber einen Augenblick schien alles zustocken, als oben vom alten Schloß herab, eiligein Mann heranspringend gesehen ward, denman bald für den angestellten Wächter erkannte,der die Werkstätte des Malers bewachte, indemer darin seine Wohnung nahm und die Arbei-ter beaufsichtigte. Er kam außer Athem sprin-gend, doch halte er bald mit wenigen Wortenangezeigt: oben hinter der höher» Ringmauerhabe sich der Löwe im Sonnenschein gelagert,am Fuße einer hundertjährigen Buche und ver-halte sich ganz ruhig. Aergerlich aber schloßder Mann: warum habe ich gestern meine Büchsein die Stadt getragen um sie ausputzen zulassen, er wäre nicht wieder aufgestanden, dasFell wäre doch mein gewesen, und ich hättemich dessen, wie billig, zeitlebens gebrüstet.

Der Fürst, dem seine militärischen Erfah-rungen auch hier zu Statten kamen, da er sichwohl schon in Fällen gefunden hatte, wo vonmehrern Seiten unvermeidliches Uebel heran-drohte, sagte hierauf: welche Bürgschaft gebtihr mir, daß wenn wir eures Löwen schonen,er nicht im Lande unter den Meinigen Verder-ben anrichtet?

Hier diese Frau und dieses Kind, erwiederteder Vater hastig, erbieten sich ihn zu zähmen,ihn ruhig zu erhalten, bis ich den beschlagenenKasten herausschaffe, da wir ihn denn unschäd-lich und unbeschädigt wieder zurückbringenwerden.

Der Knabe schien seine Flöte versuchen zuwollen, ein Instrument von der Art, das mansonst die sanfte, süße Flöte zu nennen pflegte;sie war kurz geschnäbelt wie die Pfeifen; wereS verstand wußte die anmuthigsten Töne daraushervorzulocken. Indeß hatte der Fürst denWärtel gefragt, wie der Löwe hinaufgekommen.Dieser aber versetzte: durch den Hohlweg, der,auf beiden Seiten vermauert, von jeher dereinzige Zugang, war, und der einzige bleibensoll; zwei Fußpfade, dce noch hinaufführten,haben wir dergestalt entstellt, daß niemand alsdurch jenen ersten engen Anweg zu dem Zau-berschlosse gelangen könne, wozu es Fürst Fried-richs Geist und Geschmack ausbilden will.

Stach einigem Nachdenken, wobei sich derFürst nach dem Kinde umsah, das immer sanftgleichsam zu präludiren fortgefahren hatte, wen-dete er sich zu Honorio und sagte; du hast heute