145
Johann Wolfgang von Göthc.
146
mit Wenigen sich eiligst, die Fürstin folgte lang-samer mit dem übrige» Gefolge; Mutter aberund Sohn stiegen, von dem Wärtel, der sicheines Gewehrs bemächtigt hatte, steiler gegenden Berg hinan.
Vor dem Eintritt in den Hohlweg, der denZugang zu dem Schloß eröffnete, fanden sie dieJäger beschäftigt dürres Reisig zu häufen, da-mit sie auf jeden Fall ein großes Feuer anzün-den könnten. — Es ist nicht Noth, sagte dieFrau, es wird ohne das alles in Güte geschehen-
Weiterhin, auf einem Mauerstückc sitzend,erblickten sie Honorio, seine Doppelbüchse inden Schooß gelegt, auf einem Posten als wiezu jedem Ereigniß gefaßt. Aber die Heran-kommenden schien er kaum zu bemerken, er saßwie in riefen Gedanken versunken, er sah um-her wie zerstreut. Die Frau sprach ihn an mitder Bitte, das Feuer nicht anzünden zu lassen,er schien jedoch ihrer Rede wenig Aufmerksam-keit zu schenken; sie redete lebhaft fort undrief: „Schöner junger Mann, du hast meinenTiger erschlagen, ich fluche dir nicht, schonemeinen Löwen, guter junger Mann, ich segnedich."
Honorio schaute gerad vor sich hin, dorthinwo die Sonne auf ihrer Bahn sich zu senkenbegann — Du schaust nach Abend, rief dieFrau, du thust wohl daran, dort gibt's vielzu thun; eile nur, säume nicht, du wirst über-winden. Aber zuerst überwinde dich selbst.Hierauf schien er zu lächeln, die Frau stiegweiter, konnte sich aber nicht enthalten nachdem Zurückbleibenden nochmals umzublicken;eine rölhliche Sonne' überschien sein Gesicht, sieglaubte nie einen schönern Jüngling gesehen zuhaben.
Wenn euer Kind, sagte nunmehr der Wär-kel, flötend und singend, wie ihr überzeugtseid, den Löwen anlocken und beruhigen kann,so werden wir uns desselben sehr leicht bemei-stern, da sich das gewaltige Thier ganz nah andie durchbrochenen Gewölbe hingelagert hat,durch die wir, da das Haupilhor verschüttettst, einen Eingang in den Schloßdof gewonnenhaben. Lockt ihn das Kind hinein, sä kann ichdie Oeffnung mit leichter Mühe schließen, undder Knabe, wenn es ihm gut däucht, durch eineder kleinen Wendeltreppen, die er in der Ecke1>eht, dem Thiere entschlüpfen. Wir wollenuns verbergen, aber ich werde mich so stellen,uaß meine Kugel jeden Augenblick dem Kindeiu Hülfe kommen kann.
Die Umstände sind nicht alle nöthig, GottUnd Kunst, Frömmigkeit und Glück müssen das.^e thun. Es sei, versetzte der Wärtel, aberch kenne meine Pflichten. Erst führ' ich euchUrch einen beschwerlichen Stieg auf das Gc-auer hinauf, gerade dem Eingang gegenüber,tn ich erwähnt habe, das Kind mag hinabstei-um/ gleichsam in die Arena des Schauspielsdd das besänftigte Thier dort hereinlocken.
geschah; Wärtel und Mutter sahen ver-bell oben herab, wie das Kind die Wen-»ei f^pon hinunter in dem klaren Hofraum sich»ern^ düstern Oeffnung gegenüber
U^Hss>a»d, aber sogleich seinen Flötenton hörenverll ^ nach und nach verlor und endlichunimte. Die Pause war ahnungsvoll ge-
K»rz, prvs. rit. II.
nug, den alten mit Gefahr bekannten Jägerbeengte der seltene menschliche Fall. Er sagtesich, daß er lieber persönlich dem gefährlichenThiere entgegen ginge; die Mutter jedoch, mitheiterem Gesicht, übcrgebogen horchend, ließnicht die mindeste Unruhe bemerken.
Endlich hörte man die Flöte wieder, dasKind trat aus der Hohle hervor mit glänzendbefriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein,aber langsam und wie es schien mit einigerBeschwerde. Er zeigte hie „nd da Lust sichniederzulegen, doch der Knabe führte ihn imHalbkreise durch die wenig entblätterten, bunt-belaubten Bäume, bis er sich endlich in denletzten Strahlen der Sonne, die sie durch eineRuinenlücke hereinsandte, wie verklärt nieder-setzte und sein beschwichtigendes Lied abermalsbegann, dessen Wiederholung wir uns auch nichtentziehen können.
Aus den Gruben, hier im Graben,
Hör' ich des Propheten Sang;
Engel schweben ihn zu laben,
Wäre da dem Guten bang?
Löw' und Löwin, hin und wieder,Schmiegen sich um ihn heran;
Ja, die sanften frommen LiederHaben's ihnen angethan!
Indessen hatte sich der Löwe ganz knapp andas Kind hingelegt und ihm die schwere rechteBordertatze auf den Schooß gehoben, die derKnabe forlsingend anmuthig streichelte, aber garbald bemerkte, daß ein scharfer Dornzwcig zwi-schen die Ballen eingestochen war. Sorgfältigzog er die verletzende Spitze hervor, nahm lä-chelnd sein buntseidenes Halstuch vom Nacken,und verband die gräuliche Tatze des Unlhiers,so daß die Mutter sich vor Freuden mit aus-gestreckten Armen zurückbog und vielleicht an-gewöhnter Weise Beifall gerufen und geklatschthätte, ivüre sie nicht durch einen derben Faust-griff des Wärtels erinnert worden, daß die Ge-fahr nicht vorüber sei.
Glorreich sang das Kind weiter, nachdemes mit wenigen Tönen vorgespielt hatte:
Denn der Ew'ge herrscht auf Erden,Ueber Meere herrscht sein Blick;
Löwen sollen Lämmer werden,
Und die Welle schwankt zurück.
Blankes Schwert erstarrt im Hiebe;Glaub' und Hoffnung sind erfüllt;Wunderthätig ist die Liebe,
Die sich im Gebet enthüllt.
Ist es möglich zu denken, daß man in denZügen eines so grimmigen Geschöpfs des Tv-rannen der Wälder, des Despoten des Thier-reichs einen Ausdruck von Freundlichkeit, vondankbarer Zufriedenheit habe spüren können, sogeschah es hier. und wirklich sah das Kind inseiner Bcrklarung aus wie ein mächtiger sieg-reicher Ueberwinder, jener zwar nicht wie derUederwundene, denn seine Kraft blieb in ihmverborgen, aber doch wie der Gezähmte wieder dem eigenen friedlichen Willen anheimgege-bene. Das Kind flötete und sang so weiter,nach seiner Art die Zeilen verschränkend undneue hinzufügend:
>0
5
10
15
20
25
30
35
4 »
45
50
55
60
65