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Friedrich Heinrich Jacobi.
Stelle. — Mir bricht über diese Verlegenheitenallemal der Angstschweiß aus; ich sehe was ihrleidet, und begreife es. Narürlichcr Weise, jemehr an der einen Seite Nebenfluß und Prachtam Lage liegt, desto auffallender wird an der 5andern Seite Spärlichkeit und Mangel. Ihrmüßt in dergleichen Augenblicken euch so klein,so nichrswürdig fühlen! denn ikr habt nach et-was Geringschätzigem mühsam gestrebt, und esüber eure Kräfte gefunden. Die vornehmen 18Herren und Damen, die ihr bewirthet, sind nunin der That so viel mehr als ihr, wirklich übereuch erhaben: sie müsse» auf euch, als Gerin-gere herabsehen, die sie durch ihre Gegenwartbeehren und demüthigen.
„Daß ihr euch so wegwerfen mögt! so imniedrigsten Wettstreit Beschimpfung ernten, daihr in jedem edleren Ruhm zu erwerben ge-wohnt seyd.«
Dorenburg mit seiner Frau singen zuerst 28an, eine aufrichtige Sinnesänderung durch dieThat zu beweisen. Biderihal und Luise folgtenmit verdoppelten Schritten, und setzten durchihren schnellen Fortgang Woldemarn in Er-staunen.
Je mehr sie sich losrissen, desto größer wurdeihr Eifer. Nie hatten sie so tief empfunden,daß ein unzerstreutes, gefaßtes, friedliches Le-ben das einzige sey, was den Menschen rechteigentlich seine Lust am Menschen haben lasse; !I8daß im Gedränge der Gesellschaften, wo derMensch den Menschen nur als Hinderniß oderkahles Werkzeug betrachtet, das Herz todt blei-ben müsse für Angelegenheiten des Herzens.Ueberhaupt fanden sie ihre Erwartungen bey der 35Probe eines eingezogenen Lebens so weit über-troffe», daß sie jetzt noch mehr versäumt, nochmehr verloren zu haben meinten, als wirklichgeschehen war.
Wohl jeder gute Mensch hat sich einmal in 48einem ähnlichen Falle befunden, und ihm wirdungefähr eben so zu Muthe gewesen seyn. Wirselbst, als wir aus jenem Rausche — aus ir-gend Einem! gesund erwachte», wie segnetenwir nicht die stille Morgendämmerung, das sanft 45anbrechende Licht? An Geräusch und Schwärmkonnten wir nur mir Ekel denken. Die Ein-samkeit sogen wir an uns, wie die Wiese er-frischenden Thau. — Ich weiß nicht, ob EinZustand an Süßigkeit einer solchen Erholung 58der Seele zu vergleichen ist. Gelagert in dieMitte ihres Daseyns, ganz Besinnung, bey sich,bey allen ihren Kräften, fühlt sie sich mächtigund frey, alles was sie ist, und fühlt es okneStolz. — Jede Tugend scheint ihr so natürlich 55und leicht, jede Gabe des Lasters so verächtlich!
Sie hat ihre Lust an der Welt im Geiste desSchöpfers. — Hier, um diese Höhe wölbet undschließt sich der Gesichtskreis des Wahren. Je-des Ding steht in seiner eigenen Gestalt vor 88dem Menschen da — vor ihm da wie es ist:gut oder böse, .Wesen oder Dunst, werth oderunwerth seiner Seufzer oder Tbränen- Fälsch-lich soll ihn von nun an nichts mehr wederreizen »och sthrEn- er sieht eine Straße des 85Friedens sich vor ihn, hinziehen: der will ernachwandeln - siehe dir höchste irdische Glück-seligkeit, sieht das Ziel ^r Weisheit ihmso nah!
Aber dieses Ziel, wer hat es je erreicht?Alles kann der Mensch eher, als Maß halten,als in der Mitte bleiben.
Doppelt schwer war es bey dieser Gelegen-heit für die Hornichschen, da sie dem Beyspieleines Mannes folgten, der, wenn er auch fürseine Person mit Weisheit handelte, andernleicht ein Irrlicht wurde. Woldcmar sah hie-von häufige Wirkungen, ohne sich die Ursacheklar zu machen; fühlte sich ewig getäuscht! -Und dieß vermehrte in ihm jene Schwermuth,die an Menschenhaß zu grenzen schien, ohnedarin übergehe» zu können. Anstatt in Bitter-keit, lösten seine schmerzlichen Gefühle gewöhn-15 lieh sich in Wehmuth, in allgemeines Mitleidenauf. Er jammerte am meisten, seufzte am tief-sten darüber, daß Gutes und Schönes die Men-schen überall so reizte, ohne sich ihnen wahr-haft mitzutheilen: daß was sie davon annäh-men , sie gewöhnlich nur zu Mißgeburten machte,zu Wechselbälgen, — und an ihnen das ange-larvte Gute und Schöne zu Gegenständen derVerachtung und des Ekels. — Wie das zu-ging, begriff er genug; war darum auch so25 geneigt, jedem seinen Gang zu lassen, und nurEinfalt, Wahrheit — Selbstheit zu empfehlen.— „Es ist wie mit den Blumen", sagte Wol-demar, „die beim Fortpflanzen ihre Art ver-lieren. Man senkt die herrlichste Brüt in dieErde, und anstatt einer gluriu rubrorum kommtein falbes unkenntliches Ding zum Vorschein,ein Ding ohne Namen, dadurch bezeichnet, daßSchönheit in ihm entstellt ist.
Bey der Verwandlung, die in dem Innernseiner Familie gegenwärtig vorging, etwas ähn-iiches zu besorgen, war ihm nicht in den Sinngekommen; er dachte nur an Rückfall, etwa anAusschweifung auf Nebenwege; nicht an Ueber-treibung.
Genau und Schritt vor Schritt die Wir-kungen, die er hervorbrachte, zu beobachten,sie zu wägen und zu schätzen, war nicht in sei-ner Art; und in feiner gegenwärtigen Stim-mung, bei so ganz geöffneter Seele, wenigerals jemals von ihm zu erwarten; es konnteihn nicht befremden, seine Freunde endlich z»seine» Gesinnungen übergehen zu sehen. Sieselbst fanden eben so wenig außerordentlichesdabey, und wunderten sich nur und begriffe»nicht, wie sie je hallen anders denken, empsi»*den und wähle» können.
Indem sie ihr Erstaunen hierüber sich ^nander mittheilten, wurde ihr Enthusiast»»immer feuriger. Sie gingen weiter. Das wü-stem ihres Vorbildes that ihnen nicht »"»Genüge; es beuchte ihnen, Woldemar blll ^auf halbem Wege stehe». Sie wollten ans E»'dc, wollten eine höchste, allerhöchste Simpü^'tät jetzt überall sich anschaffen; eine durch» ^reine ungezwungene — bloß natürliche,ill»i»^Kurz, sie liefen jetzt hinter sich ohngefäh»eben die Art, wie sie ehmals waren vor Igelaufen. > ^
Woldcmar achtete lange nicht darauswurde es kaum gewahr. Hie und da einnig Uebertreibung hatte er mit Fleiß üi>erss.^weil er wohl wußte, daß nichts in de'»sogleich ganz und rein werdet, kann.die viel früher gemerkt hatte, wo es v