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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
161-162
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Friedrich Heinrich Jacobi.

wollte, begnügte sich, seine Aufmerksamkeit nurdurch zufällige Anmerkungen zu reizen. Mitihren Schwestern und Schwagern aber wurdesie desto deutlicher. Es käme ihr vor, sagtesie, als führten sie den guten Woldemar undsich selbst nur hinter das Licht. Ihr nicht mehrglänzen wollen, machte sie eitler als vorher,da sie es geradezu gewesen wären. Schlimmerals chmals mit der gesuchtesten Pracht, prunk-ten sie jetzt mit einer gewissen angenommenenSimplicität; prahlten mit freiwilliger Beschrän-kung ; trügen Verborgenheit zur Schau, undböten Innigkeit durch die Gassen. Ihr Natur-betrieb wäre die ärgste aller Zierereien; wäreeine gezwungene Ungezwungenheit; ein ausge-sucht verkehrtes Wesen. Diese Thorheit könntesich übrigens auf keine Weise erhalten, sie hättegeschwinder ausgeschwärmt als irgend eine an-dere; aber, leider! bereitete sie den Uebergangzu einem Zustande voll Gefahren.

Es wurden diese Vorwürfe — welche nurnicht ganz so trocken, wie sie hier auf dem Blattestehen, vorgetragen wurden — ohne alle Ent-rüstung angehört, und in Gelassenheit mit we-nigen Worten abgewiesen.

Henrictte beschloß hierauf, still eine weitereEntwickelung abzuwarten. Die andern mein-ten nun, sie käme allmählig ihnen näher, undvoll Freude darüber gaben sie ihr häufig nach,ließen öfter ihre Meinung gelten, und bequem-ten sich nach ihr. Mit Henriette half auchHornich, durch sein bloßes Dasein, die Sacheneinigermaßen im Gleise zu erhalten. Aber dieseHülfe war nicht von Bedeutung, weil dem Al-ten jede Einschränkung, welchen Grund oderBorwand sie auch haben mochte, als Fleiß undGewinn vermehrend im Herzen wohlgesiel, undsich ihm aus aller Gewohnheit empfahl. Hiezukam, daß er um diese Zeit sehr kränklich wur-de, wenig Gesellschaft mehr in seinem Hausesah, und selten ausging. So mußte Woldemardoch bald ins Mittel treten, welches auf dieWeise, die jetzt erzählt werden soll, noch ebentu rechter Zeit geschah.

Dorcnburg und Biderthal besaßen schöne,große Landgüter. Auf dem Dorcnburgischenhalte das Gebäude mitten einen großen Saal,dsr in den Garten vorsprang, und den Haupt-eingang dazu machte: sechs Abstufungen längsden vorspringenden Seiten, eine Terrasse mitPonieranzbäumen besetzt, die sich zu beidenSeiten an den Flügeln hinzog: so gings hinab,unten verbreitete sich ein großes Parterr miteinem Springbrunnen, und Sitzen und Gän-von Bindwerk, welches die feinsten GewächseUrchflochlxn, — Flor an Flor auf den Beeten,°tr welche die Laudgcwvlbe sich hinab neigten7" aus großen Körbe» von Latten ein Waldhochwuchernden Blumen, — lieblich be-Mrnite Amphitheater von Aurikeln und Nel-— prächtige Stauden, — Urnen undasaulen — und von allerhand fremdem Ge-rü-r> ^ niedlichsten Arten. Es war ein ent-?^uendcr Platz, sinnreich angelegt, um das Auge°une», und ihm von dem hohen Buschwerkstank Alleen des Gartens den rechten Ab-Stü-»^ geben. — Nun sollte dieses herrlichea» e' ,°"6gerortct werden. — Woldemar, da erwem schönen Herbsttage mir seinen Freun-K-rz.Not. rin I>.

den draußen war, erfuhr es zufällig vom Gärt-ner, und lief hastig zu Dorenburg, um ihndarüber zur Rede zu stellen. Dieser gestandherzhaft die Wahrheit. Aber Woldemar sollte5 nun kommen; es wäre die höchste Zeit zu demabgeredeten Spaziergange in den Wald; Caro-line hätte schon Erfrischungen hinbringen lassen:dort wollte er seine Gründe vortragen.

Die Gesellschaft machte sich auf. Es war10 nur eine halbe Stunde Wegs. Man wandelteeinen großen fruchtbaren Hügel hinan; danngings unmerklich hinab; und nun ein sanftesweites Thal, von den mannichfaltigen Eingän-gen in den Wald aus das herrlichste gebildet!15 — Wie ein Vorhof lag an der einen Seite eingrüner Platz mit zerstreuten himmelhohen Ei-chen, der bald so, bald anders die schauendenBlicke verschlang; für jede Eiche ein kleinerHügel oder ein kleines Thal, und die Hügel20 und Thäler allmählich in einander laufend undauf und ab; dazwischen kurzstämmige, dicht undhoch hinauf gekrönte Buchen, — hier einzeln,dort in Haufen und engen Reihen; Eschen,Pappeln und Weiden; — und um und um ein25 Zauber von tausendfältigem Licht und tausend-fältigem Dunkel. Schwebend in diesem Zauberkleine Heerden von Kühen und Lämmern, undeine Schaar dahlender Knaben und Mädchen.Nahe bey in dickem Gebüsch, zwischen erhabe-30 neu Ulmenwänden, die lustigen Häuserchen,wohinein dies alles gehörte, mit ihren Gärten

und Acckern.-Woldemar hatte oft ganze

Tage hier zugebracht. Besonders war eineStelle von schauervoller Majestät, dicht an einem35 der Eingänge des Waldes, sein bekannter Lieb-lingsplatz. — Sie kamen an diese Stelle undDorenburg hub an: „Lieber Woldemar! ich bitte,laß dir doch jetzt einmal mein schönes Parterreinfallen, mit dem feinen Bindwerk und den40 Körben von Latten, und den mancherlei Blu-men und Bäumchen; und sage mir — sagemir hier einmal: es sei schön! Ich bin gewiß,der Gedanke muß dir widrig und ekelhaft sein!"

Woldemar stutzte, antwortete aber den Au-45 genblick, und gab Dorenburgen Recht. Nurfügte er hinzu: Dorcnburgs Ulmen-Alleen,seine schönsten Linden, Platanen, Tulpenbäume;sein gesammtes Baum-, Busch- und Garten-werk, wäre ihm in diesem Augenblick nicht50 weniger zuwider, als das Parterr: „Ist dirnun beständig so, fuhr er fort , wie mir in die-sem Augenblick; so muß ich dir rathen, daß duganz und gar deinen Garten abschaffest. —Lieber Bruder Dorcnburg, das läßt sich nicht55 in Mauern ziehen oder mit Zäunen einschließen,was uns hier so mächtig ergreift. Die fünfEichen dort allein, mit ihrem erhabenen Ge-wölbe, würden deinen halben Garten zu nichteschalten. Und überhaupt auf einem solchen60 Platze was wär' es. Dergleichen Scene willdie offene weite Welt zum Gerüst. Ich kennenichts armseligeres, als die nachgemachte, intausend Fesseln sich windende freie Natur. Ge-wiß weiß der gar nicht was er will, wer so65 etwas aus die Welt setzt. Wo Nachahmungist, da muß sich Kunst zeigen, schaffende Men-schenhand : da muß wenigstens von Einer Seilegethan seyn, was kunstlose Natur nicht vermag;denn was kunstlose Natur ganz und allein ver-11