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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
353-354
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Friedrich von Schiller.

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außerordentlichen Anblick. So weit das Augedem Strome folgen konnte ^ war Alles in Feuer,und die Brandcr warfen so starke Flammenaus, als ob sie selbst in Feuer aufgingen. Weithin leuchtete die Wasserfläche; die Dämme undBastenen längs dem Ufer, die Fahnen, Waffenund Rüstungen der Soldaten, welche sowohlhier als auf der Brücke in Parade standen,glänzten im Widerscheine. Mit einem gemisch-ten Gefühle von Grauen und Vergnügen be-trachtete der Soldat das seltsame Schauspiel,das eher einer Fete als einem feindlichen Ap-parate glich, aber gerade wegen dieses sonder-baren Kontrastes der äußern Erscheinung mitder innern Bestimmung die Gemüther mit ei-nem wunderbaren Schauer erfüllte. Als diese bren-nende Flotte der Brücke bis auf zweytausendSchritte nahe gekommen, zündeten ihre Führer dieLunte» an, trieben die zwey Minenschiffe in dieeigentliche Mitte des Stroms und überließendie übrigen dem Spiele der Wellen, indem sieselbst sich auf schon bereit gehaltenen Kähnenhurtig davon machten.

Jetzt verwirrte sich der Zug, und die füh-rerlosen Schiffe langten einzeln und zerstreutbey den schwimmenden Werken an, wo sie ent-weder hängen blieben, oder seitwärts an dasUfer prallten. Die »ordern Pulverschiffe, welchebestimmt gewesen waren, das schwimmende Werkzu entzünden, warf die Gewalt eines Sturm-windes, der sich in diesem Augenblicke erhob,an das flandrische Ufer; selbst der eine von denbeyden Brander», welcher das Glück hieß, ge-ricth unterwegs auf den Grund, ehe er nochdie Brücke erreichte, und todtere, indem er zer-sprang , etliche spanische Soldaten, die in einernah gelegenen Schanze arbeiteten. Wenig fehlte,daß der andere und größere Brander, die Hoff-nung genannt, nicht ein ähnliches Schicksal ge-habt hätte. Der Strom warf ihn an das schwim-mende Werk auf der flandrischen Seile, wo erhängen blieb; und härte er in diesem Augen-blicke sich entzündet, so war der beste Theilseiner Wirkung verloren. Bon den Flammengetäuscht, welche diese Maschine, gleich den üb-rigen Fahrzeugen, von sich warf, hielt man siebloß für einen gewöhnlichen Brandcr, der dieSchiffbrücke anzuzünden bestimmt se». Undwie man nun gar eins der Feuerschiffe nachdem andern ohne alle weitere Wirkung erlö-schen sah, so verlor sich endlich die Furcht, undMan sing an, über die Anstalten des Feindeszu spoiren, die sich so prahlerisch angekündigthatten und nun ein so lächerliches Ende »ah-men. Einige der Verwegenste» warfen sich so-ichr in den Strom, um den Brander in derNähe zu besehen und ihn auszulöschen, als der-selbe vermittelst seiner Schwere sich durchriß,das schwimmende Werk, das ihn aufgehalten,zersprengte, und mit einer Gewalt, welche Alleslurchlen ließ, auf die Schiffbrücke losdrang,-suf einmal kommt Alles in Bewegung, unddbr Herzog ruft den Matrosen zu, die Ma-schine mit Stangen aufzuhalten und die Flam-men zu löschen, ehe sie das Gebälke ergriffen.

Er befand sich in diesem bedenklichen Au-genblicke an dem äußersten Ende des linken Ge-lüstes, wo dasselbe eine Baste» im Wasserwrinirce und in die Schiffbrücke überging-

Kurz, vri>>. ki>. II.

Ihm zur Seite standen der Markgraf vonRysburg, General der Reitere» und Gpuver-^ neur der Provinz Artois, der sonst den Staa-ten gedient hatte, aber aus einem Vertheidi-5 ger der Republik ihn schlimmster Feind gewor-den war, der Freyherr von Billy, Gouverneurvon Friesland und Chef der deutschen Regi-menter, die Generale Cajetan und Guasto,nebst mehrern der vornehmsten Ofsiciere; alle10 ihrer besondern Gefahr vergessend und bloß mirAbwendung des allgemeinen Unglücks beschäf-tigt. Da nahte sich dem Herzoge von Parmaein spanischer Fähndrich, und beschwur ihn,sich von einem Orte hinwegzubcgeben, wo sei-15 nein Leben augenscheinlich Gefahr drohe. Erwiederholte diese Bitte noch dringender, als derHerzog nicht darauf merken wollte, und flehteihn zuletzt fußfällig, in diesem einzigen Stückevon seinem Diener Rath anzunehmen. Indem2g er dieß sagte, halte er den Herzog am Rockeergriffen, als wollte er ihn mit Gewalt vonder Stelle ziehen, und dieser, mehr von derKühnbcit dieses Mannes überrascht, als durchseine Gründe überredet, zog sich endlich, von25 Cajetan und Guasto begleitet, nach dem Uferzurück. Kaum hatte er Zeit gehabt, das FortSt. Maria am äußersten Ende der Brücke zuerreichen, so geschah hinter ihm ein Knall, nichtanders, als börste die Erde, und als stürzie das30 Gewölbe des Himmels ein. Wie todt siel derHerzog nieder, die ganze Armee mit ihm, undes dauerte mehrere Minuten, bis man wiederzur Besinnung erwachte.

Aber welch ein Anblick, als man jetzt wieder35 zu sich selber kam! Von dem Schlage des ent-zündeten Vulkans war die Scheide bis in ihreuntersten Tiefen gespalten und mit mauerhoherFluth über den Damm, der sie umgab, Hin-ausgetrieben worden, so daß alle Festungswerke40 am User mehrere Schuhe hoch im Wasser stan-den. Drey Meilen im Umkreise schlitterte dieErde. Beynahe das ganze linke Gerüste, anwelchem das Brandschiff sich angehängt hatte,war nebst einem Theile der Schiffbrücke aus-45 einandergesprengt, zerschmettert und mir Allem,was sich darauf befand, mit allen Mastbäu-men, Kanonen und Menschen in die Luft geführtworden. Selbst die ungeheuren Stcinmassen,welche die Mine bedeckten, hatte die Gewalt50 des Vulkans in die benachbarten Felder geschleu-dert, so, daß man nachher mehrere davon, tausendSchritte weit von der Brücke, aus dem Bodenherausgrub. Sechs Schiffe waren verbrannt,mehrere in Stücken gegangen- Aber schreckli-55 cher als alles dieß war die Niederlage, welchedas mörderische Werkzeug unter den Mensche»anrichtete. Fünfhundert, nach andern Berich-ten sogar achthundert Menschen wurden dasOpfer seiner Wuth; diejenigen nicht einmal60 gerechnet, welche mit verstümmelten oder sonstbeschädigten Gliedern davonkamen; und die ent-gegengesetztesten Todesartcn vereinigten sich indiesem entsetzlichen Augenblicke. Einige wur-den durch den Blitz des Vulkans, andre durch65 das kochende Gewässer des Stroms verbrannt,noch andere erstickte der giftige Schwefeldampf;jene wurden in den Fluthen, diese unter demHagel der geschleuderten Steine begraben, vielevon den Messern und Haken zerfleischt, oder23