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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Friedrich von Schiller

von den Kugeln zermalm!, welche aus deinBauche der Maschine sprangen. Einige, dieman ohne alle sichtbare Verletzung entseelt fand,mußte schon die bloße Lusterschütterung gelödtethaben- Der Anblick, der sich unmittelbar nachEntzündung der Mine darbot, war fürchter-lich- Einige staken zwischen dem Pfahlwerk derBrücke, Andere arbeiteten sich unter den Stein-massen hervor, noch andere waren in den Schiff-seilen hängen geblieben; von allen Orten und 10Enden her erhub sich ein herzzerschneidendesGeschrey nach Hülfe, welches aber, weil Jedergenug mit sich selbst zu thun hatte, nur durchein ohnmächtiges Wimmern deant,„ortet wurde-Von den Ueberlebenden sahen sich Viele durch 15ein wunderähnliches Schicksal gerettet. EinenOssicier, mir Namen Tucci, hob der Windwir-bel wie eine Feder in die Luft, hielt ihn eineZeitlang schwebend in der Höhe, und ließ ihndann gemach in den Strom Herabsinken, wo er 20sich durch Schwimmen rettete. Einen Andernergriff die Gewalt des Schusses auf dem flan-drischen User und setzte ihn aus dem brabanli-schen ab, wo er mit einer leichten Quetschungan der Schulter wieder aufstand, und es war 25ihm, wie er nachher aussagte, auf dieser schnel-len Luftreise nicht anders zu Muthe, als ober aus einer Kanone geschossen würde. DerHerzog von Parma selbst war dem Tode nieso nahe gewesen, als in diesem Augenblicke, 3 »denn nur der Unterschied einer halben Minuteentschied über sein Leben. Kaum hatte er denFuß in das Fort St. Maria gesetzt, so hob esihn auf, wie ein Sturmwind, und ein Balken,der ihn am Haupte und an der Schulter traf, 35riß ihn sinnlos zur Erde. Eine Zeitlang glaubteman ihn auch wirklich todt, weil sich Vieleerinnerten, ihn wenige Minuten vor dem tödt-lichen Schlage noch auf der Brücke gesehen zuhaben. Endlich fand man ihn, die Hand an 40dem Degen, zwischen seinen Begleitern Caje-tan und Äuasto sich aufrichtend,, eine Zeitung,die dem ganzen Heere das Leben wieder gab.Aber umsonst würde man versuchen, seinen Ge-müthszustand zu beschreiben, als er nun die 45Verwüstung übersah, die ein einziger Augen-blick in dem Werke so vieler Monate ange-richtet halle. Zerrissen war die Brücke, aufder seine ganze Hoffnung berühre, aufgeriebenein großer Theil seines Heers, ein anderer ver- 50stümmelt und für viele Tage unbrauchbar ge-macht, mehrere seiner besten Offiziere gelobtet;und als ob es an diesem öffentlichen Unglückenoch nicht genug wäre, mußte er noch dieschmerzliche Nachricht hören, daß der Mark- 55gras von Ryeburg, den er unter allen seinenOffizieren vorzüglich werth hielt, nirgends auf-zufinden sey. Und doch stand das AUerschlimmstenoch bevor, denn jeden Augenblick mußte manvon Antwerpen und Lillo aus die feindlichen 60Flotten erwarten, welche bey dieser schrecklichenVerfassung des Heers durchaus keinen Wider-stand würden gesunden haben. Die Brücke warauseinandergesprengt, und nichts hinderte diefeeländischen schiffe, mit vollen Segeln hin- 65durchzuziehen; dabey war die Verwirrung derTruppen in diesen erste,, Augenblicken so großund allgemein, baß es unmöglich gewesen wäre.Befehle auszutheilen und zu befolgen, da viele

Corps ihre Befehlshaber, viele Befehlshaberihre Korps vermißten, und selbst der Posten,wo man gestanden, in dem allgemeinen Ruinkaum mehr zu erkennen war. Dazu kam, daß5 alle Schanzen am Ufer im Wasser standen, daßmehrere Kanonen versenkt, daß die Lunten feucht,daß die Pulvervorcäthe vom Wasser zu Grundegerichtet waren. Welch ein Moment für dieFeinde, wenn sie es verstanden hätten, ihn zubenutzen!

Kaum wird man es dem Geschichtschreiberglauben, daß dieser über alle Erwartung ge-lungene Erfolg bloß darum für Antwerpen ver-loren ging, weil — man nichts davon wußte.Zwar schickte St. Aldegonde. sobald man denKnall des Vulkans in der Stadt vernommenhatte, mehrere Galeeren gegen die Brücke aus,mit dem Befehle, Feuerkugeln und brennendePfeile steigen zu lassen, sobald sie glücklich hin-durchpaffirt seyn würden, und dann mir dieserNachricht geradenwegs nach Lillo weiter zu se-geln, um die seeländische Hülfsflotte unver-züglich in Bewegung zu bringen. Zugleichwurde der Admiral von Antwerpen beordert,auf jenes gegebene Zeichen sogleich mit denSchiffen aufzubrechen, und in der ersten Ver-wirrung den Feind anzugreifen. Aber obgleichden auf Kundschaft ausgesandten Schiffen eineansehnliche Belohnung versprochen worden, stwagten sie sich doch nicht in die Nähe des Fein-des, sondern kehrten unverrichteter Sache zu-rück, mit der Botschaft, daß die Schiffbrückeunversehrt und das Feuerschiff ohne Wirkunggeblieben sey- Auch noch am folgenden Tagewurden keine bessern Anstalten gemacht, denwahren Zustand der Brücke in Erfahrung i"bringen: und da man die Flotte bey Lillo, desgünstigen Windes ungeachtet, gar keine Bewe-gung machen sah, so bestärkte man sich in derVermuthung, daß die Brander nichts ausge-richtet härten. Niemand siel es ein, daß ebendiese Unrhätigkeit der Bundesgenossen, welchedie Antwerper irre führte, auch die Seeländkrbey Lillo zurückhalten könnte, wie es sich auwin der That verhielt. Einer so ungeheuern »;U°konsequenz konnte sich nur eine Regierung sck^,'dig machen, die ohne alles Ansehen und auSelbstständigkeit Rath bey der Menge holt, übewelche sie herrschen sollte. Je unthätiger n>asich indessen gegen den Feind verhielt, desto he>tiger ließ man seine Wuth gegen Gianibeaus, den der rasende Pöbel in Stücken reißwollte. Zwey Tage schwebte dieser Kunst ^in der augenscheinlichsten Lebensgefahr, bis eulich am drillen Morgen ei» Bore von >stu -

der unter der Brücke hindurchgeschwoniwe -von der wirklichen Zerstörung der Brücke, °gleich aber auch von der völligen Wstdervstellung derselben bestimmten Bericht abstal ^Diese schleunige Ausbesserung der B^iiwar ein wahres Wunderwerk des HerzogsParma. Kaum halte sich dieser von ,Schlage erholt, der alle seine Entwürfe ..niederzustürzen schien, so wußte er "übewundernswürdigen Gegenwart desallen schlimmen Folgen desselben zuvorzu ^men. Das Ausbleiben der feindlichenin diesem entscheidenden Augenblicke belebNeue seine Hoffnung- Noch schien der sck>