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Friedrich von Schiller.
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Da Sie, unter diesen Umständen, nichtwohl etwas ganz genuglhuendes von mir er-warten können, und doch etwas zu hören wün-schen, so nehmen Sie mir einzelnen Bemerkun-gen vorlieb, die auch nicht ganz ohne Werthsind, da sie ei» unmittelbares Gefühl ausspre-chen werden. Dafür verspreche ich Ihnen, daßdiesen ganzen Monat über die Unterhaltungüber den Roman nie versiegen soll. Eine wür-dige und wahrhaft ästhetische Schätzung desganzen Kunstwerks ist eine große Unternehmung.Ich werde ihr die nächsten vier Monate ganzwidmen, und mir Freuden. Ohnehin gehört eszu dem schönsten Glück meines Daseyns, daßich die Vollendung dieses Produkts erlebte, daßsie noch in die Periode meiner strebenden Kräftefällt, daß ich aus dieser reinen Quelle nochschöpfen kann; und das schöne Verhältniß, dasunter uns ist, macht es mir zu einer gewissenReligion, Ihre Sache hierin zu der meinigenzu machen, alles was in mir Realität ist, zudem reinsten Spiegel des Geistes auszubilden,der in dieser Hülle lebt, und so, in einem hö-heren Sinne des Worts, den Namen IhresFreundes zu verdienen. Wie lebhaft habe ichbei dieser Gelegenheit erfahren, baß das Vor-treffliche eine Macht ist, daß es auf selbstsüch-tige Gemüther auch nur als eine Macht wirkenkann, daß es dem Vortrefflichen gegenüber keineFreyheit gibt als die Liebe-
Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehrmich die Wahrheit, das schöne Leben, die ein-fache Fülle dieses Werks beengte. Die Bewe-gung ist zwar noch unruhiger als sie seyn wird,wenn ich mich desselben ganz bemächtiget habe,und das wird dann eine wichtige Krise meinesGeistes seyn; sie ist aber doch der Effect desSchönen, nur des Schönen, und die Unruherührt bloß davon her, weil der Verstand dieEmpfindung noch nicht hat einholen könne».Ich verstehe Sie nun ganz, wenn Sie sagten,baß es eigentlich das Schöne, das Wahre sey,was Sie, oft bis zu Thränen, rühren könne.Ruhig und tief, klar und doch unbegreiflich wiedie Natur, so wirkt es und so steht es da, undalles, auch das kleinste Nebenwcrk, zeigt dieschöne Klarheit, Gleichheit des Gemüths, auswelchem alles geflossen ist.
Aber ich kann diesen Eindrücken noch keineSprache geben, auch will ich jetzt nur bey demachten Buche stehen bleiben. Wie ist es Ihnengelungen, den großen soweit aus einander ge-worfenen Kreis und Schauplatz von Personenund Begebenheiten wieder so eng zusammen zurückezi! Es steht da wie ein schönes Planeten-system; alles gehört zusammen, und nur dieItalienischen Figuren knüpfen, wie Kometen-Gestallen, und auch so schauerlich wie diese, dasSystem an ein entferntes und größeres an. Auchlaufen alle diese Gestalten, so wie auch MarianeUnd Aurelie, völlig wieder aus dem Systemeheraus, und lösen sich als fremdartige Wesendavon ab, nachdem sie bloß dazu gedient haben,eine poetische Bewegung darin hervor zu brin-gen. Wie schön gedacht ist es, daß Sie daspraktisch Ungeheure, das furchtbar Pathetischeim Schicksal Mignons und des Harfenspielersvon dem theoretisch Ungeheuern, von den Miß-geburten des Verstandes ableiten, so daß der
Sturz, Pros. t!it. II.
reinen und gesunden Natur nichts dadurch auf-gebürdet wird. Nur im Schoos des dummenAberglaubens werden diese monströsen Schicksaleausgeheckt, die Mignon und den Harfenspielerverfolgen. Selbst Aurelie wird nur durch ihreUnnatur, durch ihre Mannweiblichkeir zerstört.Gegen Marionen allein möchte ich Sie einespoetischen Eigennutzes beschuldigen. Fast möchteich sagen, daß sie dem Roman zum Opfer ge-worden, da sie der Natur »ach zu retten war.Um sie werden daher immer „och bittere Thrä-nen fließen, wenn man sich bey den drey an-dern gern von dem Individuum ab zu der Ideedes Ganzen wendet.
Wilhelms Verirrung zu Theresen ist treff-lich gedacht, molivirt, behandelt und noch treff-licher benutzt. Manchen Leser wird sie anfangsrecht erschrecken, denn Theresen verspreche ichwenig Gönner; desto schöner reißen Sie ihnaus seiner Unruhe. Ich wüßte nicht, wie die-ses falsche Verhältniß zarter, feiner, edler hättegelöst werden können. Wie würden sich dieRichardsons und alle andere gefallen haben, eineScene daraus zu machen, und über dem Aus-kramen von delicalen Sentiments recht unde-licat gewesen seyn. Nur ein kleines Bedenkenhab' ich dabey: Theresens muthige und ent-schlossene Widersetzlichkeit gegen die' Partey,welche ihr ihren Bräutigam rauben will, selbstbey der erneuerten Möglichkeit Lotharn zu be-sitzen , ist ganz in der Natur und trefflich;auch daß Wilhelm einen tiefen Unwille» undeinen gewissen Schmerz über die Neckerey derMenschen und des Schicksals zeigt, finde ich sehrgegründet — nur, däucht mir, sollte er denVerlust eines Glücks weniger beklagen, dasschon angefangen hatte keines mehr für ihn zuseyn. In Nataliens Nähe müßte ihm, scheintmir, seine wieder erlangte Freyheit ein höheresGut seyn als er zeigt. Ich fühle wohl dieComplication dieses Zustandes und was die De-likatesse forderte, aber auf der andern Seitebeleidigt es einigermaßen die Delikatesse gegenNatalien, daß er noch im Stand ist, ihr ge-genüber den Verlust einer Therese zu beklagen.
Eins, was ich in der Verknüpfung der Be-gebenheiten auch besonders bewundere, ist oergroße Vortheil, den Sie von jenem falschenVerhältniß Wilhelms zu Theresen zu ziehengewußt haben, um das wahre und gewünschteZiel, Nataliens und Wilhelms Verbindung, zubeschleunigen. Auf keinem andern Weg hättedieß so schön und natürlich geschehen können,als gerade auf dem eingeschlagenen, der davonzu entfernen drokte- Jetzt kann es mir höch-ster Unschuld und Reinheit ausgesprochen wer-den, daß Wilhelm und Natalie für einandergehören, und die Briefe Theresens an Nata-licn leiten es auf das schönste ein. Solche Er-findungen sind von der ersten Schönheit, dennsie vereinigen alles was nur gewünscht werdenkann, ja was ganz unvereinbar scheint; sieverwickeln und enthalten schon die Auflösungin sich, sie beunruhigen und führen zur Ruhe,sie erreichen das Ziel, indem sie davon mit Ge-walt zu entfernen scheinen.
Mignons Tod, so vorbereitet er ist, wirktsehr gewaltig und tief, ja so tief, daß es man-chen vorkommen wird, Sie verlassen denselben25
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