Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
383-384
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Friedrich von Schiller.

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auf alle Fälle noch einmal durchgearbeikei undabgeschrieben werden.

Wenn Sie dem Boten die Leisten mit zu-rückgeben können, so soll es mir angenehm seyn.

Ich habe in den nächsten zehn bis zwölfTagen manches in allerlei Geschäften nachzu-holen, mit denen ich wenigstens in Connerionbleiben muß; alsdann hoffe ich die Hören undden Almanach am besten zu bedenken.

Das Lied von Mignon habe ich, wie Siesehen werden, des Effects wegen doch einschal-' ten müssen ; es gibt aber vielleicht ein anderes,das im Almanach nachzubringen ist.

Leben Sie recht wohl; möge Sie diese Sen-dung recht gesund antreffen. Ich wünsche die-ses Buch nicht eher zurück, als bis ich ganzbey mir aufgeräumt habe. Ich hoffe bald vonIhnen zu hören.

Weimar, d. 26. Juni 1796. G.

12. (175.) Schiller an Göthe.

Erwarten Sie heute noch nichts Bestimm-tes von mir über den Eindruck, den das achteBuch aus mich gemacht. Ich bin beunruhigtund bin befriedigt Verlangen und Ruhe sindwunderbar gemischt. Aus der Masse der Ein-drücke, die ich empfangen, ragt mir in diesemAugenblick Mignons Bild am stärkste» hervor.Ob diese so stark interessirle Empfindung hiernoch mehr fordert, als ihr gegeben wurde, weißich jetzt noch nicht zu sagen. Es könnte anchzufällig seyn, denn bey'm Aufschlagen des Ma-nuskripts siel mein Blick zuerst auf das Lied,und dieß bewegte mich so rief, daß ich den Ein-druck nachher nicht mehr auslöschen konnte.

Das Merkwürdigste an dem Total-Eindruckscheint mir dieses zu sey», daß Ernst undSchmerz durchaus wie ein Schattenspiel ver-sinken , und der leichte Humor vollkommen dar-über Meister wird. Zum Theil ist mir diesesaus der leisen und leichten Behandlung erklär-lich ; ich glaube aber noch einen andern Grunddavon in der theatralischen und romantischenHerbeyführung und Stellung der Begebenheitenzu entdecken. Das Pathetische erinnert-an denRoman, alles übrige an die Wahrheit des Le-bens. Die schmerzhaftesten Schläge, die dasHirz bekommt, verlieren sich schnell wieder, sostark sie auch gefühlt werden, weil sie durch et-was Wunderbares herbeygeführt wurden, unddeßwegen schneller als alles andere an die Kunsterinnern. Wie es auch sey, so viel ist gewiß,daß der Ernst in dem Roman nur Spiel unddas Spiel in demselben der wahre und eigent-liche Ernst ist, daß der Schmerz der Scheinund die Ruhe die einzige Realität ist.

Der so weise aufgesparte Friedrich, der durchseine Turbulenz am Ende die reife Frucht vomBaume schüttelt und zusammenwehr was zu-sammen gehört, erscheint bey der Katastrophegerade so, wie einer der uns aus einem bäng-iichen Traum durch Lachen aufweckt. Der Traumflieht zu den ander» Schalten, aber sein Bildbleibt übrig, um l» die Gegenwart einen hö-her» Geist. >» die Ruhe und Heiterkeit einenpoetischen Gehalt, eine unendliche Tiefe zu le-gen. Diese Tiefe bey einer ruhigen Fläche, die.

überhaupt genommen, Ihnen so eigenthümlichist, ist ein vorzüglicher Charaktcrzng des gegen-wärtigen Romans.

Aber ich will mir heute nichts mehr darüber5 zu sagen erlauben, so sehr es mich auch drängt;ach könnte Ihnen doch jetzt nichts reifes geben-Könnten sie mir vielleicht das Concept vom sie-benten Buche, wovon die Abschrift für Ungerngemacht worden ist, schicken, so wäre nstr's sehr16 dienlich, das Ganze durch alle seine Details zubegleiten. Obgleich ich es noch im frischen Ge-dächtniß habe, so könnte mir doch manches klei-nere Glied der Verbindung entschlüpft seyn.

Wie trefflich sich dieses achte Buch an das15 sechste anschiießt und wie viel überhaupt durchdie Anticipatio» des letzten, gewonnen wordenist, sehe ich klar ein. Ich möchte durchaus keineandere Stellung der Geschichte als gerade diese-Man kennt die Familie schon so lange, ehe sie20 eigentlich kommt, man glaubt in eine ganz amfanglose Bekanntschaft zu blicken; es ist eineArt von optischem Kunstgriff, der eine treff-liche Wirkung macht.

Einen köstlichen Gebrauch haben Sie von25 des Großvaters Sammlung zu machen gewußt;sie ist ordentlich eine mitspielende Person, undrückt selbst an das Lebendige.

Doch genug für heute. Auf den Sonnabendhoffe ich Ihnen mehr zu sagen.

36 Hier der Rest der Leisten. Was heute folgt,ist wie Sie sehen noch nicht in dem gehörigenZusammenhang, und alle meine Versuche, dieverschiedenen Gruppen zusammen zu bringen,sind mir mißglückt. Vielleicht helfen Sie mir35 aus der Noth. Es wäre gar zu schön,, wennwir diese letzte Partie recht reich ausstattenkönnten.

Wenn ich den neuen Cellini in drey Wochenerhalte, so ist es gerade noch Zeit.

46 Leben Sie recht wohl. Herzliche Grüße vonmeiner Frau, die eben im Roman verlieft ist-

Vom Hesperus habe ich Ihnen noch nichtsgeschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefundenwie ich ihn erwartete; fremd, wie einer der45 aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willensund herzlich geneigt die Dinge außer sich z"sehen, nur nicht mir dem Organ, womit mansieht. Doch sprach ich ihn nur einmal undkann also noch wenig von ihm sagen.

50 Jena d. 28. Juni 1796. Sch-

13. 1178.) Schiller an Göthe.

5g Jena den 2. Juli 1796.

Ich habe nun alle acht Bücher des Romansaufs neue, obgleich nur sehr flüchtig, durästlaufen, und schon allein die Masse ist so stark-daß ich in zwey Tagen kaum damit fertig wer-60 den bin. Billig sollte ich also heute noch nicht"schreiben, denn die erstaunliche und unerhörtrMannigfaltigkeit, die darin, im eigentlichst^Sinne, versteckt ist, überwältigt mich. Ichstehc, daß ich bis jetzt zwar die Stäligkeit, aber65 noch nicht die Einheit recht gefaßt habe, obiEich keinen Augenblick zweifle, daß ich auch überdiese noch völlige Klarheit erhalten werde, wenäbey Produkten dieser Art die Srätigkeit »instschon mehr als die halbe Einheit ist.