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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
393-394
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Friedrich von Schiller.

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auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Aberwas ich für eine offenbare Schönheit halte,werden Sie schwerlich allgemein gebilligt sehen.Manchem wird es wunderbar vorkommen, daßein Roman, der so gar nichts „Sanscülottisches" 5hat, vielmehr an manchen Stellen der Aristo-kratie das Wort zu reden scheint, mit drey Hei-rathen endigt, die alle drey Mißheirathen sind.

Da ich an der Entwicklung selbst nichts anderswünsche als es ist, und doch den wahren Geist igdes Werkes auch in Kleinigkeiten und Zufällig-keiten nicht gerne verkannt sehe, so gebe ichIhnen zu bedenken, ob der falschen Beurthei-lung nicht noch durch ein Parr Worte „in Lo-thario's Munde" zu begegnen wäre. Ich sage 15in Lothario's Munde, denn dieser ist der ari-stokratische Charakter. Er findet bey den Le-sern aus seiner Klaffe am meisten Glauben;bey ihm fällt die Mesalliance auch am stärkstenauf. Zugleich gäbe dieses eine Gelegenheit, die 20nicht so oft vorkommt, Lothario's vollendetenCharakter zu zeigen. Ich meine auch nicht,daß dieses bey der Gelegenheit selbst geschehensollte, auf welche der Leser es anzuwenden hat;desto besser vielmehr, wenn es unabhängig von >5jeder Anwendung und nicht als Regel für eineneinzelnen Fall, aus seiner Natur heraus gespro-chen wird.

Was Lothario betrifft, so könnte zwar ge-sagt werden, daß Theresias illegitime und bür- zgZerliche Herkunft ein Familiengeheimniß sey;aber desto schlimmer, dürften einige sagen, sowuß er die Welt hintergehen, um seinen Kin-dern die Vortheile seines Standes zuzuwenden.

Sie werden selbst am besten wissen, wie viel 35«der wie wenig Rücksicht auf diese Armseligkei-ten zu nehmen seyn möchte. «

Für heute nichts weiter. Sie haben nunallerley durcheinander von mir gehört und wer-den noch manches hören, wie ich voraussehe. 4yMöchte etwas darunter seyn was Ihnen dien-lich ist!

Leben Sie wohl und heiter. Sch.

Sollten Sie den Vieilleville in den nächstenacht Lagen entbehren können, so bittet meine 45Frau darum, und auch ich wünschte eine Nacht-lektüre darin zu finden.

1«». (181.) Göthe an Schiller. 50

Gleich, nachdem ich Ihren ersten Brief er-halten hatte, sing ich an, Ihnen etwas daraufsagen; nun überraschen mich, in meinenwahrhaft irdischen Geschäften, Ihre zwey fol- 55Lenden Briefe, wahrhaft als Stimmen aust>ner andern Welt, auf die ich nur horchenkann. Fahre» Sie fort mich zu erquicken undaufzumuntern ! Durch Ihre Bedenken setzen Sie"uch in den Stand, das achte Buch, sobald ich es 60wieder angreife, zu vollenden. Ich habe schonfür alle Jbre Desideria eine Auskunft, durchsich selbst in meinem Geiste das Ganze auchan diesen Puncten mehr verbindet, wahrand lieblicher wird. Werden Sie nicht müde 65durchaus Ihre Meinung zu sage» und be-halten Sie das Buch noch diese acht Tage bey>ch. Was Sie von Cellini bedürfen, bringech indeß vorwärts: ich schreibe Ihnen nur sum-

marisch was ich am achten Buche noch zu ar-beiten gedenke, und also soll die letzte AbschriftAnfang August aus unsern Händen seyn.

Ihre Briefe sind jetzt meine einzige Unter-haltung, und wie dankbar ich Ihnen sey, daßSie mir so auf einmal über so vieles hinweg-helfen, werden Sie fühlen. Leben Sie rechtwohl und grüßen Sie die liebe Frau.

Weimar den 5- Juli 1796. G.

17. (183.) Schiller an Gö(he.

Jena den 8. Juli 1796.

Da Sie mir das achte Buch noch eine Wochelassen können, so will ich mich in meinen Be-merkungen vor der, Hand besonders auf diesesBuch einschränken; ist dann das Ganze einmalaus Ihren Händen in die weite Welt, so kön-nen wir uns mehr über die Form des Ganzenunterhalten, und Sie erweisen mir dann denGegendienst, mein Urtheil zu rectisiciren.

Vorzüglich sind es zwey Puncte, die ichIhnen vor der gänzlichen Abschließung des Bu-ches noch empfehlen möchte.

Der Roman, so wie er da ist, nähert sichin mehrern Stücken der Epopee, unter andernauch darin, daß er Maschinen hat, die in ge-wissem Sinne die Götter oder das regierendeSchicksal darin vorstellen. Der Gegenstand for-derte dieses.

Meisters Lehrjahre sind keine bloße blindeWirkung der Natur, sie sind eine Art von Ex-periment. Ein verborgen wirkender höhererVerstand, die Mächte des Thurms, begleitenihn mit ihrer Aufmerksamkeit, und ohne dieNatur in ihrem freyen Gange zu stören, beob-achten, leiten sie ihn von ferne und zu einemZwecke, davon er selbst keine Ahnung hat, nochhaben darf. So leise und locker auch dieserEinfluß von außen ist, so ist er doch wirklichda und zu Erreichung des poetischen Zweckswar er unentbehrlich. Lehrjahre sind ein Ler-hältnißbegriff, sie fordern ihr Correlatum, dieMeisterschaft, und zwar muß die Idee von die-ser letzten jene erst erklären und begründen.Run kann aber diese Idee der Meisterschaft,die nur das Werk jenep gereiften und vollen-deten Erfahrung ist, den Helden des Romansnicht selbst leiten; sie kann und darf nicht alssein Zweck und sein Ziel vor ihm stehen, dennsobald er das Ziel sich dächte, so hätte er esvo ip8v auch erreicht; sie muß also als Füh-rerin hinter ihm stehen. Auf diese Art erhältdas Ganze eine schöne Zweckmäßigkeit, ohne daßder Held einen Zweck hätte; der Verstand findetalso ein Geschäft ausgeführt, indeß die Ein-bildungskraft völlig ihre Freyheit behauptet.

Daß Sie aber auch selbst bey diesem Ge-schäfte, diesem Zweck, dem einzigen in dem gan-zen Roman, der wirklich ausgesprochen wird,selbst bey dieser geheimen Führung Wilhelmsdurch Jarno und den Abbe, alles Schwere undStrenge vermieden, und die Motive dazu eheraus einer Grelle, einer Menschlichkeit, als ausmoralischen Quellen hergenommen haben, isteine von den Ihnen eigensten Schönheiten. DerBegriff einer Maschinerie wird dadurch wiederaufgehoben, indem doch die Wirkung davon