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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
395-396
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Friedrich von Schiller.

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bleibt, und alles btcibl, was die Form betrifft,in den Gränzen der Natur; nur das Resultatist mehr, als die bloße sich selbst überlasseneNatur härte lcisten^können.

Bey dem allem aber hätte ich doch gewünscht,daß Sie das Bedeutende dieser Maschinerie,die notbwendige Beziehung derselben auf dasinnere Wesen, dem Leser ein wenig näher ge-legt hätten. Dieser sollte doch immer klar indie Oekonomie des Ganzen blicken, wenn diesegleich den handelnden Personen verborgen blei-ben muß. Biele Leser, fürchte ich, werden injenem geheimen Einfluß bloß ein theatralischesSpiel und einen Kunstgriff zu finden glauben,um die Lerwicklung zu vermehren, Überra-schungen zu erregen u. dgl. Das achte Buchgibt nun zwar einen historischen Aufschluß überalle einzelnen Ereignisse, die durch jene Ma-schinerie gewirkt wurden, aber den ästhetischenAufschluß über den innern Geist, über die poe-tische Nothwendigkeit jener Anstalten gibt sienicht befriedigend genug; auch ich selbst habemich erst bey dem zweyten und drillen Lesendavon überzeugen können.

Wenn ich überhaupt an dem Ganzen nochetwas auszustellen hätte, so wäre es dieses:„daß bey dem großen und tiefen Ernste, der inallem Einzelnen herrscht und durch den es somächtig wirkt, die Einbildungskraft zu freymit dem Ganzen zu spielen scheint." — Mirbaucht, daß Sie hier die freye Grazie der Be-wegung etwas weiter getrieben haben, als sichmit dem poetischen Ernste verträgt, daß Sieüber dem gerechten Abscheu vor allem Schwer-fälligen, Methodischen und Steifen sich demandern Extrem genähert haben. Ich glaubezu bemerken, daß eine gewisse Condescendenzgegen die schwache Seite des Publikums Sie ver-leitet hat, einen mehr theatralischen Zweck unddurch mehr theatralische Mittel, als bey einemRoman nöthig und billig ist, zu verfolgen.

Wenn je eine poetische Erzählung der Hülfedes Wunderbaren und Uebercaschenden entbeh-ren konnte, so ist es Ihr Roman; und gar leichtkann einem solchen Werke schaden, was ihmnicht nützt. Es kann geschehen, daß die Auf-merksamkeit mehr auf das Zufällige geheftetwird, und daß das Interesse des Lesers sichconsumirt, Räthsel aufzulösen, da es auf deninnern Geist concentrirt bleiben sollte. Es kanngeschehen, sage ich, und wissen wir nicht beyde,daß es wirklich schon geschehen ist?

Es wäre also die Frage, ob jenem Fehler,wenn es einer ist, nicht noch im achten Buchezu begegnen wäre. Ohnehin träfe er nur dieDarstellung der Idee; an der Idee selbst bleibtgar nichts zu wünschen übrig. Es wäre alsobloß nöthig, dem Leser dasjenige etwas bedeu-tender zu machen, was er bis jetzt zu frivol be-handelte, und jene theatralischen Borfälle, dieer nur als ein Spiel der Imagination ansehenmochte, durch eine deutlicher ausgesprochene Be-ziehung auf den höchsten Ernst des Gedichtesauch vor der Bernunft zu legitimiren, wie eswohl implicite aber nicht explieilu geschehe»ist. Der Abbe scheint mir diese» Auftrag rechtgut besorgen zu können, und er wird dadurchauch sich selbst mehr z>, empfehlen Gelegenheithabe». Vielleicht wäre es nicht überflüssig, wenn

noch im achten Buch der nähern Veranlassungerwähnt würde, die Wilhelmen zu einem Ge-genstand von des Abbv pädagogischen Planenmachte. Diese Plane bekämen dadurch eine5 speciellere Beziehung, und Wilhelms Indivi-duum würde für die Gesellschaft auch bedeuten-der erscheinen.

Sie haben in dem achten Buche verschiedeneWinke hingeworfen, was Sie unter den Lehr-st) jähren und unter der Meisterschaft gedacht wis-sen wollen. Da der Jdeen-Jnhalt eines Dichl-werks, vollends bei einem Publikum wie daSunsrige, so vorzüglich in Betrachtung kommtund oft das einzige ist. dessen man sich nachher15 noch erinnert, so ist es von Bedeutung, daßSie hier völlig begriffen werden. Die Winkesind sehr schön, nur nicht hinreichend scheinensie mir. Sie wollten freylich den Leser mehrselbst finden lassen, als ihn geradezu belehren:20 aber eben weil Sie doch etwas heraussagen, soglaubt man dieses sey nun auch alles, und sohaben Sie Ihre Idee enger beschränkt, als wennSie es dem Leser ganz und gar überlassen hät-ten , sie herauszusuchen.

25 Wenn ich das Ziel, bey welchem Wilhelmnach einer langen Reihe von Berirrungen end-lich anlangt, mit dürren Worten auszusprechenhätte, so würde ich sagen: „er tritt von einemleeren und unbestimmten Ideal in ein bestimm-l!t) teS thätiges Leben, aber ohne die idealisirendeKraft dabey einzubüßen." Die zwey entgegen-gesetzten Abwege von diesem glücklichen Zustandsind in dem Roman dargestellt, und zwar in allenmöglichen Nuancen und Stufen. Bon jener55 unglücklichen Expedition an, wo er ein Schau-spiel aufführen will, ohne an den Inhalt ge-dacht zu haben ^ bis auf den Augenblick, woer - Lheresen zu seiner Gattin wählt, hat ergleichsam den ganzen Kreis der Menschheit ein-40 festig durchlaufen; jene zwey Extreme sind diebeyden höchsten Gegensätze, deren ein Charakterwie der seinige nur fähig ist. Daß er nun, un-ter der schönen und heitern Führung der Naturlducch Felix) von dem Jdealischen zum Reellen,45 von einem regen Streben zum Handeln undzur Erkenntniß des Wirklichen übergeht, ohnedoch dasjenige dabey einzubüßen, was in jenemersten strebenden Zustand Reales war, daß erBestimmtheit erlangt, ohne die schöne Bestimm-50 backest zu verlieren, daß er sich begränzen lernt,aber in dieser Bcqränzung selbst, durch die Form,wieder den Durchgang zum Unendlichen findetu. s. f. — dieses nenne ich die Krise seines Le-bens, das Ende seiner Lehrjahre und dazu55 scheinen sich mir alle Anstalten in dem Werkauf das vollkommenste zu vereinigen. Das schöneNaturverhältniß zu seinem Kinde, und die 'Ber-bindung mit Nalaliens edler Weiblichkeit go-rantiren diesen Zustand der geistige» Gesund'00 heit, und wir sehen ihn, wir scheiden von iht"auf einem Wege, der zu einer endlosen Voll-kommenheit führt.

Die Art nun, wie Sie sich über den Be-griff der Lehrjahre und der Meisterschaft erklä-65 ren, scheint beyden eine engere Gränze zu setzemSie verstehen unter den ersten bloß den Irr-thum, dasjenige außer sich zu suchen, was betinnere Mensch selbst hervorbringen muß; unterder zweyten die Ueberzeugung von der InniS'