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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
427-428
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Friedrich von Schiller.

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welchem er sich zeigt, und so lange also einBedürfniß auch nur nach schönem Schein vor-handen ist, bleibt ein Bedürfniß nach dem Da-seyn von Gegenstände» übrig, und unsre Zu-friedenheit ist folglich noch von der Natur als 5Macht abhängig, welche über alles Daseyn ge-bietet. Es ist nämlich etwas ganz Anderes, obwir ein Verlangen nach schonen und guten Ge-genständen fühlen, oder ob wir blos verlangen,daß die vorhandenen Gegenstände schön und gut 10seyen. Das letzte kann mit der höchsten Frey-heit des Gemüths bestehen, aber das erste nicht;daß das Vorhandene schön und gut sey, könnenwir fordern; daß das Schöne und Gute vor-handen sey, blos wünschen. Diejenige Stim- 15mung des Gemüths, welche gleichgültig ist, obdas Schöne und Gute und Vollkommene exi-stier, aber mit rigoristischer Strenge verlangt,daß das Eristirende gut und schön und voll-kommen sey, heißt vorzugsweise groß und er- 20haben, weil sie alle Realitäten des schönen Cha-rakters enthält, ohne seine Schranken zu theilen.

Es ist ein Kennzeichen guter und schöneraber jederzeit schwacher Seelen, immer unge-duldig aus Existenz ihrer moralischen Ideale zu 25dringen, und von den Hindernissen derselbenschmerzlich gerührt zu werden. Solche Men-schen setzen sich in eine traurige Abhängigkeitvon dem Zufall, und es ist immer mit Sicher-heit vorher zu sagen, daß sie der Materie in 30moralischen und ästhetischen Dingen zuviel ein-räumen und die höchste Charakter- und Ge-schmacks-Prvbe nicht bestehen werden. Das mo-ralisch Fehlerhafte soll uns nicht Leiden undSchmerz einflößen, welches immer mehr von 35einem unbefriedigten Bedürfniß als von einerunerfüllten Forderung zeugt. Diese muß einenrüstigern Affekt zum Begleiter haben, und dasGemüth eher stärken und in seiner Kraft befe-stigen , als kleinmüthig und unglücklich machen. 40Zwey Genien sind es, die uns die Naturzu Begleitern durchs Leben gab. Der Eine,gesellig und hold, verkürzt uns durch sein mun-teres Spiel die mühvolle Reise, macht uns dieFesseln der Nothwendigkeit leicht, und führt 45uns unter Freude und Scherz bis an die ge-fährlichen Stellen, wo wir als reine Geisterhandeln und alles Körperliche ablegen müssen,bis zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Aus-übung der Pflicht. Hier verläßt er uns, denn 50nur die Sinnenwelt ist sein Gebiet; über diesehinaus kann ihn sein irdischer Flügel nicht tra-gen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernstund schweigend, und mit starkem Arm trägt eruns über die schwindliche Tiefe. 55

2n dem ersten dieser Genien erkennt mandas Gefühl des Schönen, in dem zweyten dasGefühl des Erhabenen. Zwar ist schon dasSchöne ein Ausdruck der Freyheit, aber nichtderjenigen, welche uns über die Macht der Na- 60tur erhebt und von allem körperlichen Einflußentbindet, sondern derjenigen, welche wir inner-halb der Narur als Menschen genieße». Wirfühlen uns frey bey der Schönheit, weil diesinnlichen Triebe mit dem Gesetz der Vernunft 65harmoniren; wir fühlen uns frey beym Erha-benen , weil die sinnlichen Triebe auf die Ge-setzgebung der Vernunft keinen Einfluß haben,weil der Geist hier handelt, als ob er unter

keinen andern als seinen eigenen Gesetzenstünde.

Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemisch-tes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung vonWehseyn, das sich in seinem höchsten Grad alsein Schauer äußert, und vom Frohscyn, dasbis zum Entzücken steigen kann und ob es gleichnicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen allerLust doch weit vorgezogen wird. Diese Ver-bindung zweyer widersprechender Empfindungenin einem einzigen Gefühl beweist unsre mora-lische Selbstständigkeit aus eine unwiderleglicheWeise. Denn da es absolut unmöglich ist, daßder nämliche Gegenstand in zwey entgegenge-setzten Verhältnissen zu uns stehe, so folgt dar-aus, daß wir selbst in zwey verschiedenen Ver-hältnissen zu dem Gegenstand stehen, daß folg-lich zwey entgegengesetzte Naturen in uns ver-einigt seyn müssen, welche bey Vorstellung des-selben auf ganz entgegengesetzte Art intereffirtsind. Wir erfahren also durch das Gefühl desErhabenen, daß sich der Zustand unsers Geistesnicht nothwendig nach dem Zustand des Sinnesrichtet, daß die Gesetze der Natur nicht noth-wendig auch die unsrigen sind, und daß wirein selbstständiges Principien» in uns haben,welches von allen sinnlichen Rührungen unab-hängig ist.

Der erhabene Gegenstand ist von doppelterArt. Wir beziehen ihn entweder aüf unsre Fas-sungskraft und erliegen bey dem Versuch, unsein Bild oder einen Begriff von ihm zu bilden:oder wir beziehen ihn auf unsre Lebenskraft,und betrachten ihn als eine Macht, gegen welchedie unsrige in Nichts verschwindet. Aber obwir gleich in dem einen, wie in dem andernFall, durch seine Veranlagung das peinlicheGefühl unserer Grenzen erhallen, so fliehen wirihn doch nicht, sondern werden vielmehr mitunwiderstehlicher Gewalt von ihm angezogen.Würde dieses wohl möglich seyn, wenn die Gren-zen unserer Phantasie zugleich die Grenzen un-serer Fassungskraft wären? Würden wir wohlan die Allgewalt der Naturkräfte gern erinnertseyn wollen, wen» wir nicht noch etwas Ande-res im Rückhalt hätten, als was ihnen zumRaube werden kann? Wir ergötzen uns an demSinnlich-Unendlichen, weil wir denken können,was die Sinne nicht mehr fassen, und derVerstand nicht mehr begreift. Wir werden be-geistert von dem Furchtbaren, weil wir wollenkönnen, was die Triebe verabscheuen und ver-werfen, was sie begehren. Gern lassen wir dieImagination im Reich der Erscheinungen ihrenMeister finden, denn endlich ist es doch nureine sinnliche Kraft, die über eine andere sinn-liche triumphirt, aber an das absolut Großein uns selbst kann die Natur in ihrer ganzenGrenzenlosigkeit nicht reichen. Gern unterwer-fen wir der physischen Nothwendigkeit unserWohlseyn und unser Daseyn, denn das erin-nert uns eben, daß sie über unsere Grundsätzenicht zu gebieten hat. Der Mensch ist in ihrerHand, aber des Menschen Willen ist in derseinigen.

Und so hat die Natur sogar ein sinnlich^Mittel angewendet, uns zu lehren, daß wirmehr als bloß sinnlich sind, so wußte sie selbstEmpfindungen dazu zu benutzen, uns der