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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
431-432
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Friedrich von Schiller.

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Natur bringt es mit sich, daß wir der Schön-heit zuerst entgegeneilen, wenn wir noch vordem Erhabenen fliehen; denn die Schönheit istunsre Wärterin im kindischen Alter, und solluns ja aus dem rohen Naturstand zur Verfei-nerung führen. Aber ob sie gleich unsere ersteLiebe ist, und unsere Empfindungssähigkeit fürdieselbe zuerst sich entfaltet, so hat die Naturdoch dafür gesorgt, daß sie langsam reif wird,und zu ihrer völligen Entwicklung erst die Aus-bildung des Verstandes und Herzens abwartet.Erreichte der Geschmack seine völlige Reife, eheWahrheit und Sittlichkeit auf einen bessern Weg,als durch ihn geschehen kann, in unser Herzgepflanzt wären, so würde die Sinnenwelt ewigdie Grenze unserer Bestrebungen bleiben. Wirwürden weder in unsern Begriffen, noch in un-sern Gesinnungen über sie hinaus gehen, undwas die Einbildungskraft nicht darstellen kann,würde auch keine Realität für uns haben. Aberglücklicherweise liegt es schon in der Einrichtungder Natur, daß der Geschmack, obgleich er zu-erst blüht, doch zuletzt unter allen Fähigkeitendes Gemüths seine Zeitigung erhält. In dieserZwischenzeit wird Frist genug gewonnen, einenReichthum von Begriffen in dem Kopf und einenSchatz von Grundsätzen in der Brust anzupflan-zen, und dann besondere- auch die Empfindungs-fähigkeic für das Große und Erhabene aus derVernunft zu entwickeln.

So lange der Mensäh bloß Sklave der phy-sischen Nothwendigkeit war, aus dem engenKreis der Bedürfnisse noch keinen Ausgang ge-funden hatte, und die hohe dämonische Frey?heil in seiner Brust noch nicht ahnte, so konnteihn die unfaßbare Natur nur an die Schran-ken seiner Vorstellungskraft und die verderbendeNatur nur an seine physische Ohnmacht erin-nern. Er mußte also die erste mit Kleinmut!)vorübergehen, und sich von der andern mit Ent-setzen abwenden. Kaum aber macht ihm diefreye Betrachtung gegen den blinden Andrangder Naturkräfte Raum, und kaum entdeckt erin dieser Fluth von Erscheinungen etwas Blei-bendes in seinem eignen VLesen, so fangen diewilden Naturmassen um ihn herum an, eineganz andere Sprache zu seinem Herzen zu reden:und das relativ Große außer ihm ist der Spie-gel, worin er das absolut Große in ihm selbsterblickt. Furchtlos und mit schauerlicher Lustnähert er sich jetzt diesen Schreckbildern seinerEinbildungskraft, und bietet absichtlich die ganzeKraft dieses Vermögens auf, das Sinnlich-Un-endliche darzustellen, um, wenn es bey diesemVersuche dennoch erliegt, die Ueberlegenheit sei-ner Ideen über das Höchste, was die Sinnlich-keit leisten kann, desto lebhafter zu empfinden-Der Anblick unbegrenzter Fernen und unabseh-barer Höhen, der weite Ocean zu seinen Füßen,und der größere Ocean über ihm entreißen sei-nen Geist der engen Sphäre des Wirklichenund der drückenden Gefangenschaft des physischenLebens. Ein größerer Maßstab der Schätzungwird ihm von der simpcln Majestät der Narurvorgehalten, und, von ihren großen Gestaltenumgeben, erträgt er das Kleine in seiner Denk-art nicht wehr. Wer weiß, wie manchen Licht-gedanken oder Heldenentschluß, den kein Stu-dierkerker und kein Gesellschafrssaal zur Welt

gebracht haben möchte, nicht schon dieser wü-thige Streit des Gemüths mit dem großen Na-turgeist auf einem Spaziergang gebar — werweiß, ob es nicht dem seltner» Verkehr mit5 diesem großen Genius zum Theil zuzuschreibenist, daß der Charakter der Städter sich so gernzum Kleinlichen wendet, verkrüppelt und welkt,wen» der Sinn des Nomaden offen und frN!bleibt, wie das Firmament, unter dem er sich1<1 lagert.

Aber nicht blos das Unerreichbare für dieEinbildungskraft, das Erhabene der Quantität,auch das Unfaßbare für den Verstand, die Ver-wirrung kann, sobald sie ins Große geht, und15 sich als Werk der Natur ankündigt (denn sonstist sie verächtlich), zu einer Darstellung desUebersinnlichen dienen, und dem Gemüth einenSchwung geben. Wer verweilt nicht lieber be»der geistreichen Unordnung einer natürlichen20 Landschaft, als bey der geistlosen Regelmäßig-keit eines französischen Gartens? Wer bestauntnicht lieber den wunderbaren Kampf zwischenFruchtbarkeit und Zerstörung in SicilienS Flu-ren, weidet sein Auge nicht lieber an Schott-25 lands wilden Katarakten und Nebelgebirgen,Ossians großer Natur, als daß er in deinschnurgerechtcn Holland den sauren Sieg derGeduld über das trotzigste der Elemente bewun-' derl? Niemand wird läugnen, daß in Bata-30 viens Triften für den physischen Menschen bessergesorgt ist, als unter dem tückischen Krater desVesuv, und daß der Verstand, der begreifenund ordnen will, bey einem regulären Wirlh-schaftsgarten weit mehr als bey einer wilden35 Naturlandschaft seine Rechnung findet. Aberder Mensch hat noch ein Bedürfniß mehr, alszu leben und sich wohl seyn zu lassen, und auchnoch eine andere Bestimmung, als die Erschei-nungen um ihn herum zu begreifen.

40 Was dem Reisenden von Empfindung diewilde Bizarrerie in der physischen Schöpfungso anziehend macht, eben das eröffnet eineinbegeisterungsfähigen Gemüth, selbst in der be-denklichen Anarchie der moralischen Welt, die45 Quelle eines ganz eigenen Vergnügens. Werfreylich die große Haushaltung der Natur mitder dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet,und immer nur darauf ausgeht, ihre kühneUnordnung in Harmonie aufzulösen, der kann50 sich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr derrolle Zufall als ein weiser Plan zu regierenscheint, und bey Weitem in den mehrstcn FällenVerdienst und Glück mit einander im Wider-sprüche stehn. Er will haben, daß in dem gru-55 ßen Weltlaufe Alles wie in einer guten Wirth-schaft geordnet sey, und vermißt er, wie es nichtwohl anders seyn kann, diese Gesetzmäßigkeit, sdbleibt ihm nichts Anders übrig, als von eint?künftigen Existenz und von einer ander» Natur00 die Befriedigung zu erwarten, die ihm die iss*genwärtige und vergangene schuldig bleibt. WeM'er es hingegen gutwillig aufgibt, dieses gesetzlosChaos von Erscheinungen unter eine Einheitder Erkenntniß bringen zu wollen, so gen»»»05 er von einer andern Seite reichlich, was ervon dieser verloren gibt. Gerade dieser gähi'liche Mangel einer Zweckverbindung unter die-sem Gedränge von Erscheinungen, wodurch ssfür den Verstand, der sich an diese Verbindung«'