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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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433-434
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Friedrich von Schiller.

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form halten muß, übersteigend und unbrauchbarwerden, macht sie zu einem desto treffender»Sinnbild für die reine Vernunft, die in ebendieser wilden Ungebundenheit der Natur ihreeigene Unabhängigkeit von Raturbedingungendargestellt findet. Denn wenn man einer Reihevon Dingen alle Verbindung unter sich nimmt,so hat man den Begriff der Jndependenz, dermit dem reinen Vernunflbegriff der Freyheitüberraschend zusammenstimmt. Unter dieser Ideeder Freyheit, welche sie aus ihrem eigenenMittel nimmt, faßt also die Vernunft in eineEinheit des Gedankens zusammen, was derVerstand in keine Einheit der Erkenntniß ver-binden kann, unterwirft sich durch diese Ideedas unendliche Spiel der Erscheinungen, undbehauptet also ihre Macht zugleich über denVerstand als sinnlich bedingtes Vermögen. Er-innert man sich nun, welchen Werth es für einVernunftwesen haben muß, sich seiner Jnde-pendenz von Naturgesetzen bewußt zu werden,so begreift man, wie es zugeht, daß Menschenvon erhabener Gemüthsstimmung durch dieseihnen dargebotene Idee der Freyheit sich fürallen Fehlschlag der Erkenntniß für entschädigthalten können. Die Freyheit in allen ihrenmoralischen Widersprüchen und physischen Ue-beln ist für edle Gemüther ein unendlich inte-ressanteres Schauspiel, als Wohlstand und Ord-nung ohne Freyheit, wo die Schafe geduldigdem Hirten folgen, und der selbstherrschendeWille sich zum dienstbaren Glied eines Uhrwerksherabsetzt. Das letzte machr den Menschen bloßzu einem geistreichen Produkt und glücklichenBürger der Natur; die Freykeit macht ihn zumBürger und Müherrscher eines höher» Systems,wo es unendlich ehrenvoller ist, den unterstenPlatz einzunehmen, als in der physischen Ord-nung den Reihen anzuführen.

Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, undnur aus diesem, ist mir die Weltgeschichte einerhabenes Objekt. Die Welt, als historischerGegenstand, ist im Grunde nichts Anderes, alsder Konflikt der Nalurkräsre unter einanderselbst und mit der Freyheit des Menschen, undden Erfolg dieses Kampfs berichtet uns die Ge-schichte. So weit die Geschichte bis jetzt gekom-men ist, hat sie von der Natur (zu der alleAffekte im Menschen gezählt werden müssen)weil größere Thaten zu erzählen, als von derselbstständigen Vernunft, und diese hat bloßdurch einzelne Ausnahmen vom Naturgesetz ineinem Kalo, Aristides, Phocion und ähnlichenMännern ihre Macht behaupten können. Nä-hert man sich nur der Geschichte mit großenErwartungen von Licht und Erkenntniß — wiesehr findet man sich da getäuscht! Alle wohlge-meinten Versuche der Philosophie, das, was dieMoralische Welt fordert, mit dem, was diewirkliche leistet, in Uebereinstimmung zu brin-gen , werden durch die Aussagen der Erfahrun-gen widerlegt, und so gefällig die Natur inihrem organitchen Reich sich nach den regulati-ven Grundsätzen der Beurtheilung richtet oder

richten scheint, so unbändig reißt sie iir^Reichver Fnybeir den Zügel ab, woran der Speku-larions-Geist sie gern gefangen führen möchte.

Wie ganz anders, wenn man daraus resig-"Ml, sie zu erklären, und diese ihre Unbegreif-Kurz, Pros. rit. II.

lichkeit selbst zum Standpunkt der Beurthei-lung macht. Eben der Umstand, daß die Na-tur, im Großen angesehen, aller Regeln, diewir durch unsern Verstand ihr vorschreiben,spottet, daß sie auf ihrem eigenwilligen freyenGang die Schöpfungen der Weisheit und desZufalls mit gleicher Achtlosigkeit in den Staubtritt, daß sie das Wichtige wie das Geringe,das Edle wie das Gemeine in Einem Unter-gang mit sich fortreißt, daß sie hier eine Amei-senwelt erhält, dort ihr herrlichstes Geschöpf,den Menschen, in ihre Riesenarme faßt und zer-schmettert, daß sie ihre mühsamsten Erwerbun-gen oft in einer leichtsinnigen Stunde verschwen-det und an einem Werk der Thorheit oft Jahr-hunderte lang baut — mit einem Wort —dieser Abfall der Natur im Großen von denErkenntnißregeln, denen sie in ihren einzelnenErscheinungen sich unterwirft, machr die abso-lute Unmöglichkeit sichtbar, durch Naturgesetzedie Natur selbst zu erklären, und von ihremReiche gelten zu lassen, was in ihrem Reichegilt, und das Gemüth wird also unwidersteh-lich aus der Welt der Erscheinungen heraus indie Ideenwelt, aus dem Bedingten ins Unbe-dingte getrieben.

Noch viel weiter als die sinnlich unendlicheführt uns die furchtbare und zerstörende Natur,so lange wir nämlich bloß freye Betrachter der-selben bleiben. Der sinnliche Mensch freylich,und die Sinnlichkeit in dem Vernünftigen, fürch-ten nichts so sehr, als mit dieser Macht zu zer-fallen, die über Wohlseyn und Existenz zu ge-bieten hat.

Das höchste Ideal, wornach wir ringen, ist,mit der physischen Welt, als der Bewahren»unserer Glückseligkeit, in gutem Vernehmen zubleiben, ohne darum genöthigt zu sein, mir dermoralischen zu brechen, die unsre Würde be-stimmt. Nun geht es aber bekanntermaßen nichtimmer an, beyden Herren zu dienen, und wennauch (ein fast unmöglicher Fall) die Pflicht mit >dem Bedürfnisse nie in Streit gerathen sollte;so geht doch die Naturnolhwendigkeit keine»Vertrag mit dem Menschen ein, und weder seineKraft noch seine Geschicklichkeil kann ihn gegendie Tücke der Verhängnisse sicher stellen. Wohlihm also, wenn er gelernt hat zu ertragen,was er nicht ändern kann, und preiszugebenmir Würbe, was er nicht retten kann! Fälle'können eintreten, wo das Schicksal alle Außen-werke ersteigt, auf die er seine Sicherheit grün-dete, und ihm nichts weiter übrig bleibt, alssich in die heilige Freyheit der Geister zu flüch-ten — wo es kein andres Mittel gibt, denLebenstrieb zu beruhigen, als es zu wollen -und kein anderes Mittel, der Macht der Naturzu widerstehen, als ihr zuvorzukommen und durcheine freye Aushebung alles sinnlichen Interesse,ehe noch eine phystlche Macht es thut, sich mo-ralisch zu entleiben.

Dazu nun starken rhn erhabene Rührungenund ein öfterer Umgang mit der zerstörendenNatur, sowohl da, wo sie ihm ihre verderblicheMacht bloß von ferne zeigt, als wo sie sie wirk-lich gegen seine Mitmenschen äußert. Das Pa-thetische ist ein künstliches Unglück, und, wiedas wahre Unglück, setzt es uns in unmittel-baren Verkehr mit dem Geistergesetz, das in un-28

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