489
Johann Gottlieb Fichte.
490
die Sklaverei stemme, und. so man es verhin-dern kann. die Religion nicht bis zum bloßenTroste der Gefangenen herabsinkcn lasse. DemTyrannen steht es wohl an, religiöse Ergebungzu predigen, und die. denen er auf Erden keinPlätzchen verstatten will, an den Himmel zuverweisen: mir andern müssen weniger eilen,diese von ihm empfohlene Ansicht der Religionuns anzueignen, und. falls wir können, ver-hindern, daß man die Erde zur Hölle mache,um eine desto größere Sehnsucht nach dem Him-mel zu erregen.
Der natürliche, nur im wahre» Falle derRoth aufzugebende Trieb des Menschen ist der,den Himmel schon aus dieser Erde zu finden,und ewig dauerndes zu verstoße» in sein irdi-sches Tagewerk; das unvergängliche im zeitlichenselbst zu pflanzen, und zu erziehen, — nichtbloß auf eine unbegreifliche Weise, und alleindurch die, sterblichen Augen undurchdringbareKluft mit dem ewigen zusammenhängend, son-dern auf eine dem sterblichen Auge selbst sicht-bare Weise.
Daß ich bei diesem gemeinfaßlichen Bei-spiele anhebe: Welcher Edeldenkende will nicht,und wünscht nicht, in seinen Kindern und wie-derum in den Kindern dieser, sein eigenes Lebenvon neuem, auf eine verbesserte Weise, zu wie-derholen, und in dem Leben derselben veredelt,und vervollkommnet, auch auf dieser Erde,noch fortzuleben, nachdem er längst gestorbenist; den Geist, den Sinn, und die Sitte, mitdenen er vielleicht in seinen Tagen abschreckendwar für die Verkehrtheit, und das Verderben,befestigend die Rechtschaffenheit, aufmunternddie Trägheit, erhebend die Niedergeschlagenheit,der Sterblichkeit zu entreißen, und sie, als seinbestes Bermächtniß an die Nachwelt, niederzu-legen in den Gemüthern seiner Hinterlassenen,.-,damit auch diese sie einst eben also, verschönertund vermehrt, wieder niederlegen? WelcherEdeldenkcnde will nicht durch Thun oder Denken,ein Saamenkorn streue» zu unendlicher immer-fortgehcnder Vollkommnunq seines Geschlechts,etwas neues, und vorher nie da gewesenes hin-einwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe, undnie versiegende Quelle werde neuer Schöpfun-gen; seinen Platz auf dieser Erde, und die ihmverliehene kurze Spanne Zeit bezahlen mir einemauch hienieden ewig dauernden, so, daß er, alsdieser Einzelne, wenn auch nicht genannt durchdie Geschichte idenn Durst „ach Nachruhm isteine verächtliche Eitelkeitl dennoch in seinemeignen Bewußtseyn und seinem Glauben offen-bare, Denkmale hinterlasse, daß auch Er dagewesen sey? Welcher Edeldcnkende will dasnicht, sagte ich; aber nur nach den Bedürfnisse»«der also denkenden, als der Regel, wie alle seynsollten, ist die Welt zu betrachten einzurichtenund um ihrer willen allein ist eine Welt da. Siesind der Kern derselben, und die anders den-kenden sind, als selbst nur ein Theil der ver-gänglichen Well, so lange sie also denken, auchhur um ihrer willen da, und müssen sich nachchnen bequemen, so lange, bis sie gewordensind, wie sie.
Was könnte es nun seyn, daß dieser Anf-orderung und diesem Glauben des Edlen an dieEwigkeit und Unvergänglichkeil seines Werkes,
die Gewähr zu leisten vermöchte? Offenbar nureine Ordnung der Dinge, die er für selbst ewig,und für fähig, ewiges in sich aufzunehmen,-anzuerkennen vermöchte. Eine solche Ordnungaber ist die, freilich in keinem Begriffe zu er-fassende, aber dennoch wahrhaft vorhandne, be-sondere geistige Natur der menschlichen Umge-bung, aus welcher er selbst mit allem seinenDenken, und Thun, und mit feinem Glaubenan die Ewigkeit desselben hervorgegangen ist,das Volk, von welchem er abstammt, und unterwelchem er gebildet wurde, und zu dem, waser jetzt ist, herauswuchs. Denn so unbezweifeltes auch wahr ist, daß sein Werk, wenn er mirRecht Anspruch macht auf dessen Ewigkeit, kei-nesweges der bloße Erfolg des geistigen Natur-gesetzes seiner Nation ist, und mit diesem Er-folge rein aufgeht, sondern daß es ein Mehrcresist, denn das, und insofern unmittelbar aus-strömt aus dem ursprünglichen und göttlichenLeben; so ist es dennoch eben so wahr, daßjenes mehrere, sogleich bei seiner ersten Gestal-tung zu einer sichtbaren Erscheinung, unterjenes besondere geistige Naturgesetz sich gefügt,und nur nach demselben sich einen sinnlichenAusdruck gebildet hat. Unter dasselbe Natur-gesetz nun werden, so lange dieses Volk besteht,auch alle fernere Offenbarungen des göttlichenin demselben eintreten, und in ihm sich ge-stalten. Dadurch aber, daß auch er da war,und so wirkte, ist selbst dieses Gesetz weiter be-stimmt, und seine Wirksamkeit ist ein stehenderBestandtheil desselben geworden. Auch hiernachwird alles folgende sich fügen, und an dasselbesich anschließen müssen. Und so ist er dennsicher, daß die durch ihn errungene Ausbildungbleibt in seinem Volke, so lange dieses selbstbleibt, und fortdauernder Bestimmungsgrundwird aller fernern Entwicklung desselben.
Dies nun ist in höherer vom Standpunkteder Ansicht einer geistigen Welt überhaupt ge-nommener Bedeutung des Worts, ein Volk:das Ganze der in Gesellschaft mit einander fort-lebenden, und sich aus sich selbst immerfort na-türlich und geistig erzeugenden Menschen, dasinsgesammt unter einem gewissen besondernGesetze der Entwicklung des göttlichen aus ihmsteht. Die Gemeinsamkeit dieses besondern Ge-setzes ist es, was in der ewigen Welt, Undeben darum auch in der zeitlichen, diese Mengezu einem natürlichen, und von sich selbst durch-drungenen Ganzen verbindet. Dieses Gesetz selbstseinem Jnhalre nach, kann wohl im Ganzen er-faßt werden, so wie wir es an den Deutschen,als einem Urvolke, ersaßt haben; es kann sogardurch Erwägung der Erscheinungen eines sol-chen Kolkes noch näher in manchen seiner wei-ter» Bestimmungen begriffen werden; aber eskann niemals von irgend einem, der ja selbstimmerfort unter desselben ihm unbewußten Ein-flüsse bleibt, ganz mit dem Begriffe durchdrun-gen werden; obwohl, im Allgemeinen klar ein-gesehen werden kann, daß es ein solches Gesetzgebe. Es ist dieses Gesetz ein Mehr der Bild-lichkeit, das mit dem Mehr der . unbildlichenUrsprünglichkeit, in der Erscheinung unmittel-bar verschmilzt; und so sind denn, in der Er-scheinung eben, beide nicht wieder zu trennen.Jenes Gesetz bestimmt durchaus und vollendet
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
65