491
Johann Gottlieb Fichte.
492
das, was man den National-Charakter einesVolks genannt hat: jenes Gesetz der Entwick-lung des ursprünglichen, und göttlichen. Esist aus dem letzter» klar, daß Menschen, welcheso wie wir bisher die Ausländern beschriebenhaben, an ein ursprüngliches, und an eine Fort-entwicklung desselben gar nicht glauben, sondernbloß an einen ewigen Kreislauf des scheinbarenLebens, und welche durch ihren Glauben wer-den, wie sie glauben, im höher» Sinne garkein Volk sind, und da sie in der That eigent-lich auch nicht da sind, eben so wenig einenNational-Charaktcr zu haben vermögen.
Der Glaube des edle» Menschen an dieewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch aufdieser Erde, gründet sich demnach auf die Hoff-nung der ewigen Fortdauer des Volks, ausdem er selber sich entwickelt hat, und der Ei-genthümlichkeit desselben, nach jenem verbor-genen Gesetze; ohne Einmischung und Verdre-hung durch irgend ein fremdes, und in dasGanze dieser Gesetzgebung nicht gehöriges. DieseEigenthümlichkeit ist das ewige, dem er dieEwigkeit seiner selbst und seines Fortwirkensanvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, indie er sein ewiges legt; ihre Fortdauer muß erwollen, denn sie allein ist ihm das entbindendeMittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebenshienieden zu fortdauerndem Leben hienieden aus-gedehnt wird. Sein Glaube, und sein Streben,unvergängliches zu pflanze», sein Begriff, inwelchem er sein eignes Leben als ein ewigesLeben erfaßt, ist das Band, welches zunächstseipe Nation, und vermittelst ihrer das ganzeMenschengeschlecht, innigst mit ihm selber ver-knüpft, und ihrer aller Bedürfnisse, bis an.sEnde der Tage, einführt in sein erweitertesHerz. Dies ist seine Liebe zu seinem Volke,zuförderst achtend, vertrauend, desselben sichfreuend, mit der Abstammung daraus sich eh-rend. Es ist göttliches in ihm erschienen, unddas ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es zuseiner Hülle, und zu seinem unmittelbaren Ler-flößungsmittel in die Welt zu machen; es wirddarum auch ferner göttliches aus ihm hervor-brechen. Sodann thätig, wirksam, sich auf-opfernd für dasselbe. Das Leben, bloß alsLeben, als Fortsetzen des wechselnden Daseyns,hat für ihn ja ohne dies nie Werth gehabt, erhat es nur gewollt als Quelle des dauernden:aber diese Dauer verspricht ihm allein die selbst-ständige Fortdauer seiner Nation; um diese zuretten, muß er sogar sterben wollen, damitdiese lebe, und er in ihr lebe das einzige Lebe»,das er von je gemocht hat.
So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebes«), und nicht bloß eine vorübergehende Begehr-lichkeit, haftet nie auf vergänzlichcm, sondernsie erwacht, und entzündet sich, und ruht alleinin dem ewigen. Richt einmal sich selbst vermagder Mensch zu lieben, es sey den», daß er sichals ewiges erfasse; außerdem vermag er sichsogar nicht zu achten, noch zu billigen. Rochweniger vermag er etwas außer sich zu lieben,außer also, daß er es aufnehme in die Ewig-keit seines Glaubens und seines Gemüths, undes anknüpfe an diese. Wer nicht zuförderst sichals ewig erblickt, der hat überhaupt keine Liebe,und kann auch nicht lieben ein Vaterland, der-
gleichen es für ihn nicht giebt. Wer zwar viel-leicht sein unsichtbares Lebe», nicht aber ebenalso sein sichtbares Leben, als ewig erblickt, dermag wohl einen Himmel haben, und in diesem5 sein Vaterland, aber hienieden hat er kein Va-terland, denn auch dieses wird nur unter demBilde der Ewigkeit, und zwar der sichtbaren,und vcrsinnlichten Ewigkeit erblickt, und ervermag daher auch nicht sein Vaterland zu10 lieben. Ist einem solchen kcins überliefert wor-den, so ist er zu beklagen; wem Eins über-liefert worden ist, und in wessen Gemüthe Him-mel und Erde, unsichtbares, und sichtbares sichdurchdringen, und so erst einen wahren und15 gediegenen Himmel erschaffen, der kämpft bisauf den letzten Blutstropfen, um den theurenBesitz ungeschmälert wiederum zu überliefern andie Folgezeit.
So ist es auch von jeher gewesen, ohner-2» achtel es nicht von jeher mit dieser Allgemein-heit, und mit dieser Klarheit ausgesprochenworden. Was begeisterte die edlen unter denRömern, deren Gesinnungen und Denkweisenoch in ihren Denkmalen unter uns leben, und25 athmen, zu Mühen und Aufopferungen, zun>Dulden und Tragen fürs Vaterland? Sie spre-chen es selbst oft und deutlich aus. Ihr fester,Glaube war es an die ewige Fortdauer ihrerRoma, und ihre zuversichtliche Aussicht, in50 dieser Ewigkeit selber ewig mit fortzuleben imStrome der Zeit. Inwiefern dieser GlaubeGrund hatte, und sie selbst, wenn sie in sichselber vollkommen klar gewesen wären, denselbengefaßt haben würden, hat er sie auch nicht ge-35 täuscht. Bis auf diesen Lag lebet das, was. , wirklich ewig war in ihrer ewigen Roma, und'sie'mir iremselbe», in unsrer Mitte fort, undwirck^in seinen Folgen fortleben bis aus Ende,der,Tag^ ...
-10 Volk und Vaterland in dieser Bedeutung/als Träger, und Unterpfand der irdischen Ewig-keit, und als dasjenige, was hienieden ewigseyn kann, liegt weit hinaus über den Staat,im gewöhnlichen Sinne des Worts, — über die45 gesellschaftliche Ordnung, wie dieselbe im bloße»klaren Begriffe erfaßt. und nach Anleitungdieses Begriffs errichtet und erhalten wird-Dieser will gewisses Recht, innerlichen Frieden,und daß jeder durch Fleiß seinen Unterhalt,50 und die Fristung seines sinnlichen Daseyns finde,so lange Gott sie ihm gewähren will. Diesealles ist nur Mittet, Bedingung, und Geruldessen, was die Vaterlandsliebe eigentlich wfl,des Ausblühenö des ewigen, und göttliche» >»55 der Welt, immer reiner, vollkommner und ge'kroffener im unendlichen Fortgauge. Eben darun^muß diese Vaterlandsliebe den Staat selbstgieren, als durchaus oberste, letzte, und una -hängige Behörde, zuförderst, indem sie ih» '60 schränkt in der Wahl der Mittel für st'»nächsten Zweck, den innerlichen Frieden- vdiesen Zweck muß freilich die natürlichedes Einzelnen auf mancherlei Weise
werden, und wen» man gar keine andere RU'
65 ficht und Absicht mir ihnen hätte, denn dl l^so würde man wohl thun, dieselbe sv rng,immer möglich, zu beschränke», alle ih^ -gungen unter eine einförmige Regel zu bn»g^und sie unter immerwährender Aufsicht zu