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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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499-500
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499 Johann Göttlich Fichre. ' 509

Blutes, aus der Botmäßigkeit deutsche» Ge-müths in 'eine andere koinmen sollte, was würdesodann nothwendig erfolgen müssen?

Hier ist der Ort, wo es der in unsrer erstenRede in Anspruch genommenen Geneigtheit, sichüber die eignen Angelegenheiten nicht täuschenzu wollen, und des Muthes, die Wahrheitsehen zu wollen, und sie sich zu gestehen, vor-züglich bedarf; auch ist es, so viel mir bekannt,noch immer erlaubt, in deutscher Sprache miteinander vom Baterlande zu reden, wenigstenszu seufzen, und wir würden, glaube ich, nichtwohl thun, wenn wir aus unsrer eignen Mitteheraus ein solches Verbot verfrühten, und demMuthe, der ohne Zweifel über das Wagnißschon vorher mit sich zu Rathe gegangen seynwird, die Fessel der Zaghaftigkeit Einzelner an-legen wollten.

Malen Sie sich also die vorausgesetzte neueGewalt so gütig; und so wohlwollend vor, alsSie irgend wollen, machen Sie sie gut, wieGott; werden Sie ihr auch göttlichen Verstandeinsetzen können? Mag sie alles Ernstes dashöchste Glück und Wohlseyn aller wollen, wirddas höchste Wohlseyn, das sie zu fassen vermag,wohl auch deutsches Wohlseyn seyn? So hoffeich über den Hauptpunkt, den ich Ihnen heutevorgetragen, von Ihnen recht wohl verstandenworden zu seyn, ich hoffe, daß mehrere Hiebeigedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deut-lich aus und spreche aus mit Worten, wie esIhnen von jeher im Gemüthe gelegen; ich hoffe,daß es auch mit den übrigen Deutschen, dieeinst dieses lesen werden, sich also verhaltenwerde: auch haben vor mir mehrere Deutschevhngefähr dasselbe gesagt; und dem immerfortbezeugten Widerstreben gegen eine bloß mecha-nische Einrichtung und Berechnung des Staats,hat dunkel jene Gesinnung zum Grunde gelegen.Und nun fordrc ich alle, die mit der neuenLiteratur des Auslandes bekannt sind, auf, mirnachzuweisen, welcher neuere Weise, Dichter,Gesetzgeber derselben eine diesem ähnliche Ahn-dung, die das Menschengeschlecht als ein ewigfortschreitendes betrachte, und alles sein Regenin der Zeit nur auf diesen Fortschritt beziehe,jemals verrathen habe; ob irgend einer, selbstin dem Zeitpunkte, als sie am kühnsten zu po-litischer Schöpfung sich emporschwangen, mehr,als nur nicht Ungleichheit, innern Frieden,äußern Nationalruhm, und, wo es aufs höchstegetrieben wurde, häusliche Glückseligkeit vomStaate gefordert habe? Ist, wie man ausallen diesen Anzeigen schließen muß, dieses ihrhöchstes, so werden sie auch uns keine höherenBedürfnisse, und keine höheren Forderungen an

das Leben beimessen, und, immer jene wohl-thätigen Gesinnungen gegen uns und die Ab-wesenheit alles Eigennutzes, und aller Suchtmehr seyn zu wollen denn wir, vorausgesetzt,5 trefflich für uns gesorgt zu haben glauben,wenn wir alles das finden, was sie allein alsbegehrungswürdig kennen; dasjenige aber, wa-rum der edlere unter uns allein leben mag, istsodann ausgetilgt aus dem öffentlichen Leben,10 und das Volk, das für die Anregungen desEdleren sich stets empfänglich gezeigt hat, undwelches man sogar nach seiner Mehrheit zujenem Adel emporzuheben hoffen durfte, ist, stwie es behandelt wird, wie jene behandelt seyn15 wollen, herabgesetzt unter seinen Rang, ent-würdigt, ausgetilgt aus der Reihe der Dinge,indem es zusammenfließt mit dem von niedererArt.

In wem nun jene höheren Anforderungen20 an das Leben, nebst dem Gefühle ihres gött-lichen Rechts, dennoch lebendig und kräftigbleiben, der fühlt mit tiefem Unwillen sich zu-rückgedrängt in jene ersten Zeiten des Christen-thums, zu denen gesagt ist: „Ihr sollt nickt25 „widerstreben dem Uebel, sondern, so dir jemand„einen Streich giebt auf den rechten Backen,„dem biete den andern auch dar, und so jemand„deinen Rock nehmen will, dem laß auch den„Mantel;" mit Recht das letzte, denn so lange30 er noch einen Mantel an dir sieht, sucht ereinen Handel an dich, um dir auch diesen zünehmen, erst wie du ganz nackend bist, ent-gehst du seiner Aufmerksamkeit un8 hast vorihm Ruhe. Eben sein höherer Sinn, der ihn35 ehrt, macht ihm die Erde zur Hölle und zuMEkel, er wünscht, nicht geboren zu seyn, erwünscht, daß sein Auge je eher je lieber sichdem Anblicke des Tages verschließe, unversieg-bare Trauer bis an das Grab erfaßt seine Tage;40 dem, was ihm lieb ist, kann er keine bessereGabe wünschen, denn einen dumpfen und ge-nügsamen Sinn, damit es mit weniger Schmerzeinem ewigen Leben jenseits des Grabes ent-gegen lebe.

45 Diese Vernichtung jeder etwa ins künftigeunter uns ausbrechenden ediern Regung, unddiese Heruntersetzung unsrer ganzen Nation,durch das einzige, nachdem die andern vergeb-lich angewendet worden sind, noch übrig dle>-50 bende Mittel zu verhindern, tragen Ihnen dieseReden an. Sie tragen Ihnen an die wahre undallmächtige Vaterlandsliebe, in der Erfassungunsers Volks als eines ewigen, und als Bürgenunsrer eignen Ewigkeit, durch die Erziehung55 in aller Gemüther recht, tief, und unauslösch-lich zu begründen.