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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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503-504
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Friedrich Marimilian von Klingcr.

Lebens umsonst verloren haben. Er wollte nunden Grund des moralischen Uebels, das Ver-hältniß des Menschen ^mit dem Ewigen erfor-schen. Wollte wissen, ob er es sey, der dasMenschengeschlecht leite, und wenn? — woherdie ihn plagenden Widersprüche entständen? Erwollte die Finsterniß erleuchten, die ibm die Be-stimmung des Menschen zu umhüllen schien.Ja, er faßte selbst den verwegenen Gedanken,den erforschen zu wollen, dessen Seyn uns sounbegreiflich, und dessen Wirken uns so klarist. Die Hoffnung, mir diesen wichtigen Kennt-nissen ausgerüstet, die Welt in Erstaunen zusetzen, und als ein Geist erster Größe unter dieMenschen zu treten, versüßte eine Zeitlang seinefruchtlose, peinliche Anstrengung. Da aber seineLage immer trauriger ward, die Menschen, dieihm so viel zu danken hatten, sich immer mehrvon ihm entfernten, und all sein Streben, Lichtin diese Finsterniß zu bringen, nur dazu diente,sie noch schwärzer und quälender zu machen,so senkte sich bald der Gedanke tief in seineSeele: nur ein Geist der andern Welt könnteseinem Elend abhelfen, und ihm Licht über dieseGegenstände geben. Zwar schlummerte dieserGedanke noch in seinem Busen, aber seine Be-gierden, sein Unmuth brauchte» nur einen neuen,äußern Reiz, um ihn über die Grenzen zutreiben, gegen die er so wild anstieß.

In dieser düstern Stimmung wanderte Faustvon Mainz nach einer benachbarten Reichsstadt,dem Hochweisen Magistrat derselben eine vonihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen,um seine hungrigen Kinder von dem gelöstenGelde zu sättigen. In seiner Vaterstadt harteer darum nichts ausrichten können, weil da-mals der Erzbischof mit seinem Kapitul in einengroßen Krieg verwickelt war, und sich ganzMainz in der größten Verwirrung befand.

In der Reichsstadt nun, dem stillen Sitzeder Musen, dem Schutzort der Wissenschaften,hoffte Faust besseres Glück. Er bot dem er-lauchten Rath seine Bibel für zweihundert Gold-gulden an; da man aber vor einigen Wochenfünf Fässer Rheinwein in den Ralhskeller ge-kauft hatte, so fand sein Gesuch so leicht nichtstatt. Er hofirte dem Schöppen, dem Schult-heiß«, den Senatoren, vom stolzen Patrizierbis zu dem noch stolzer» Ralhsherrn der Schuh-macherzunft. Man versprach ihm überall Huld,Schutz und Gnade. Zuletzt hielt er sich vor-züglich an den regierenden Bürgermeister, wo-bei er aber bisher weiter nichts gewann, alsdaß die Frau Bürgermeisterin eine gewaltigeFlamme in seinem leichtfangenden Busen an-zündete. Eines Abends versicherte ihn der Bür-gerkneister, daß man ersten Tages einen Raths-schluß fassen würde, vermöge welchem die ge-sammte Judenschaft gehalten sein sollte, Mannfür Mann, die Summe für die Bibel herzu-schießen. Da Faust bemerkt hatte, daß seineKinder Hungers sterben könnten, bevor eineso aufgeklärte Versammlung einstimmig würde,so ging er ohne Hoffnung, voller Liebe undGrimm, auf seine einsame Stube. In diesemMißmuth nahm er seine Zauberformeln vor.Der Gedanke etwas Kühnes zu wagen undUnabhängigkeit von den Mensche» durch dieVerbindung mit dem Teufet zu suchen, schoß

jetzt feuriger als je durch sein Gehirn. Nocherschütterte ihn die Vorstellung davon. Mitheftigen Schritten, wüthenden Gebehrden, unterfürchterlichen Ausrufungen, ging er in seinem5 Zimmer auf und ab, und kämpfte mit seineninnern, aufrührerischen Kräften. Kühn streb-ten diese das Dunkel zu durchbrechen, dasuns'umhüllt; noch schaudert sein Geist vordemEntschluß; aber nun wägt der Lüsterne die10 Befyjedigung der unersättlichen Begierden seinesHerzens, die längst gewünschten Genüsse derganzen Natur, gegen die Vorurtheile der Ju-gend, die Armuth und die Verachtung derMenschen. — Schon schwankt die Zunge der15 Wage. — Die Glocke schlägt eilf auf dem na-hen gothischen Thurme. Schwarze Nacht liegtauf der Erde. Der Sturm heult aus Norden,die Wolken verhüllen den vollen Mond, dieNatur ist in Aufruhr. Eine herrliche Nacht,20 die empörte Einbildungskraft zu verwildern. —Noch schwankt die Zunge der Wage. In dieserSchaale tanzen leicht Religion und ihre Stütze,die Furcht vor der Zukunft. Die Geqenschaaleschlägt sie hinauf; Durst nach Unabhängigkeil25 und Wissen, Stolz, Wollust, Groll und Bit-terkeit füllen sie. Ewigkeit und Lerdammnißschallen nur dumpf in seiner Seele. So strau-chelt die Jungfrau, welche die glühenden Küssedes Geliebten auf dem Busen fühlt, zwischen50 den Lehren der Mutter und dem Zuge der Na-tur. So schwankt der Philosoph zwischen zweiSätzen, dieser ist wahr, jener glänzend undführt zu dem Ruhme; welchen wird er wählen?

Run zog Faust, nach der Vorschrift der35 Magie, den fürchterlichen Kreis, der ihn aufewig der Ob- und Vorsicht des Höchsten undden süßen Banden der Menschheit entreißensollte. Seine Augen glühten, sein Herz schlug,seine Haare stiegen auf seinem Haupt empor-40 In diesem Augenblick glaubte er seinen altenVater, sein junges Weib und seine Kinder zusehe», die in Verzweiflung die Hände rangen-Dann sah er sie aus die Knie falle», und fürihn zu dem beten, dem er eben entsagen wollte-45 „Es ist der Mangel, mein Elend, das sieVerzweiflung stürzt;- schrie er wild,stampfte mit dem Fuße auf den Boden, iseinstolzer Geist zürnte der Schwäche seineszens. Er drang abermals nach dem Kreist,50 der Sturm raffelte an seinen Fenstern,Grundfeste des Hauses zitterte. Eine edlestatt trat vor ihn, und rief ihm zu:

- „Faust! Faust!- ' .

Faust. Wer bist Du, der Du mein kuy55 nes Werk unterbrichst?

Gestalt. Ich bin der Genius der Mon>u^heil, und will Dich retten, wenn Du noch °retten bist.

Faust. Was kannst Du mir geben, ^00 nen Durst istich Wissen, meinen Drang "Genuß und Freyheit zu stillen?

Gestalt. Demuth, Unterwerfungden, Gnügsamkeit und hohes Gefühl »u . ^Selbsts; sanften Tod und Licht nach °»l

Leben. meiner

Faust. Verschwinde, Traumbild >>> ^erhitzten Phantasie, ich erkenne dich an de ^womit Du die Elende» täuschest, die »a ^Gewalt unterworfen hast. Gaukle vor