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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
519-520
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Iran Paul Friedrich Richter.

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dem Sonnenschein auf dem Rücken, den Orgel-rasten den Choral: „Gort in der Höh' sei Ehr/ein oder ab (mehr kann er doch nichr) undstreckte die kurzen Beine mir vergeblichen Nähe-rungen zur Parterre - Testatur hinunter undder Barer riß für ihn die richtigen Registerheraus. — Er würde die ungleichartigsten Dingezusammenschütten, wenn er sich in den gedach-ten beiden Abendstunden erinnerte, was er imKindheil-Dezember vornahm; aber er war soklug, daß er sich erst in einer dritten daraufbesann, wie er sonst Abends sich auf das Zukeltender Fensterladen frevele, weil er nun ganz ge-sichert vor allem in der lichten Stube hockte,daher er nicht gern lange in die von abspiegeln-den Fensterscheiben über die Laden hinausgela-gerle Stube hineinsah; wie er und seine Ge-schwister die abendliche Kocherei der Mutterausspionierten, unterstützten und unterbrachen,und wie er und sie mir zugedrückten Augenund zwischen den Brustwehr-Schenkeln des Ba-kers auf das Blenden des kommenden Talg-lichts sich spitzte» und wie sie, in dem aus demunabsehlichen Gewölbe des Universums heraus-geschnittenen oder hineingebauten Kloset ihrerStube so beschirmt waren, so warm, so satt,

so wohl.Und alle Jahre, so oft er diese

Rekourfuhre seiner Kindheit und des Wolfmo-nais darin, veranstaltete, vergaß und erstaunt''er — sobald das Licht angezündet wurde — daßin der Stube, die er sich wie ein Loretto-HäuS-chrn aus dem Kindheit - Kanaa herüberholle,er ja gerade jetzt säße. — So beschreibt er we-nigstens selber diese Erinnerungshohen Opernin feinen Rousseauischen Spazicrgängen, dieich da vor mich lege, um nicht zu lügen ....

Allein ich schnüre mir den Fuß mit lauterWurzelngeflecht und Dickigt ein, wenn ich'Snicht dadurch wegreiße, daß ich einen gewissen,äußerst wichtigen Umstand aus seinem männli-chen Alter herausschneide und sogleich jetzo auf-setze , nachher aber soll ordentlich s priori an-gefangen und mit dem Schulmeisterlein lang-sam in den drei aufsteigenden Zeichen der Alter-stufen hinauf und aus der andern Seile in dendrei niedersteigenden wieder hinab gegangenwerden — bis Wuz am Fuße der tiefsten Stufevor uns ins Grab fallt.

Ich wollte, ich hätte dieses Glcichniß nichtgenommen. So oft ich in Lavaters Fragmen-ten oder in <»oii,e„ji orbis piolus oder aneiner Wand das Blut- und Trauergerüste dersieben Lebens-Stalionen besah — so oft ich zu-schauete, wie das gemalte Geschöpf, sich ver-längernd und ausstreckend, die Ameisen-Ppra-mide aufklcttert, drei Minuten droben sich um-blickt und einkriechend aus der andern Seiteniederfähet und abgekürzt umkugelt auf die umdiese Schädelstätle liegende Borwelt — und sooft ich vor das athmende Roscngesicht voll Früh-linge und voll Durst, einen Himmel auszutrin-ken, trete und bedenke, daß nicht Jahrtausende,sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zu-sammen geronnene zerknüllte Gesicht voll über-lebter Hoffnungen ausgedörret haben.

Hb-r indem ich über andere mich betrübe, he-ben und senken mich die Srufe» selber und wirwollen einander nicht so ernsthaft machen!

Der wichtige Umstand, bei dem uns, wieman behauptet, so viel daran gelegen ist, ihnvoraus zu hören, ist nämlich der, daß Wuzeine ganze Bibliothek — wie hätte der Mann5 sich eine kaufen können — sich eigenhändig schrieb.Sein Schreibzeug war seine Taschendruckerei;jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das Mei-sterlein ansichtig wurde, war nun so gut alsgeschrieben oder gekauft: denn es setzte sich soIN gleich hin und machte das Produkt und schenkt'es seiner ansehnlichen Büchersammlunq, die,wie die heidnischen, aus lauter Handschriftenbestand. Z. B. kaum waren die pkuisiognomi-schen Fragmente von Lavater da: so ließ WuzIN diesem fruchtbaren Kopfe dadurch wenig vor-aus, daß er sein Konzeptpapier in Quartobrach und drei Wochen lang nicht vom Sesselwegging, sondern an seinem eignen Kopse solange zog, bis er den physiognomischen Fötus20 heraus gebracht — (er bettete den Fötus aufsBücherbrct hin — j und bis er sich den Schwei-zer nachgeschrieben hattei Diese Wuzische Frag-mente überticelte er die Lavaterschen und merktean: „er hätte nichts gegen die gedruckten; aber25 seine Hand sei hoffentlich eben so leserlich, wennnicht besser als irgend ein Mittel FrakturDruck." Er war kein verdammter Nachdrucket,der das Original hinlegt und oft das Meistedaraus abdruckt: sondern er nahm gar keines50 zur Hand. Daraus sind zwei Thatsachen vor-trefflich zu erklären: erstlich die, daß es manch-mal mir ihm haperte und daß er z. B. imganzen Federschen Traktat über Raum undZeit von nichts handelte, als vom Schiffs-Raum35 und der Zeit, die man bei Weibern

nennt. Die zweite Thatsache ist seine Glaubens-sachc: da.er einige Jahre sein Bücherbrec aufdiese Art vollgeschrieben und durchstudieret hatte,so nahm er die Meinung an, seine Schreibbü-ro cher wären eigentlich die kanonischen Urkunden,und die gedruckten wären bloß Rachstiche seinergeschriebnen; nur das, klagt' er, könn' er -und böten die Leute ihm Balleien dafür annicht herauskriegen, wienach und warum der45 Buchführer das Gedruckte allezeit so sehr ver-fälsche und umsetze, daß man wahrhaftig schwö-ren sollte, das Gedruckte und das Geschriebenehätten doppelte Verfasser, wüßte man eS nickstsonst.

50 ES war einfältig, wenn etwa ihm zumPossen ein Autor sein Werk gründlich schrieb,nämlich in Querfolio — oder witzig, nämlichin Sedez: denn sein Mitmeister Wuz sprangden Augenblick herbei und legte seinen Bogen55 in die Quere hin, oder kremple ihn in Sede-zimo ein.

Nur Ein Buch ließ er in sein Ha'ch, be>>

Meßkatalog; denn die besten Jnvencarienstuck

desselben mußte der Senior am Rande mir eine60 schwarzen Hand bestempeln, damit er sie b". ^genug schreiben konnte, um daS Ostermeß-4"in die Panse des Bücherschranks hineinzum 'hen, eh' das Michaelis-Grummet herausschoßIch möchte, seine Meisterstücke nicht65 Den größten Schaden hatte der Mann da- Berstopfung zu halben Wochen und Schpfen auf der andern Seite - wenn der ^nior lsein Friedrich Nikolai) zu viel Gutes, ^er zu schreiben hatte, anstrich und seine P