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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
517-518
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Jean Paul Friedrich Richter.

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Jean Paul Friedrich Richter.

I. Leben des vergnügten Schulmeistertem Maria Uluz. Eine Art Idylle.

Wie war Dein Leben und Sterben so sanftund ineerstille, Du vergnügtes SchulmeistertemWuz! Der stille laue Himmel eines Nachsom-mers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duftum Dein Leben herum: Deine Epochen warendie Schwankungen und Dein Sterben war dasUmlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehendeBlumen flattern — und schon außer dem Grabeschliefest Du sanft!

Jetzt aber, meine Freunde, müssen vor allenDingen die Stühle um den Ofen, der Schenk-tisch mit dem Lrinkwasser an unsre Knie ge-rückt und die Vorhänge zugezogen und dieSchlafmützen aufgesetzt werden und an die granämoucks über der Gasse drüben und ans pataisroz-al muß keiner von uns denken, bloß weilich die ruhige Geschichte des vergnügten Schul-meisterlein erzähle — und Du, mein lieberChristian, der Du eine cinaihmende Brust fürdie einzigen feuerbeständigen Freuden des Lebens,für die häuslichen hast, setze Dich aus den Armdes Großvaterstuhls, aus dem ich heraus er-zähle und lehne Dich zuweilen ein wenig anmich! Du machst mich gar nicht irre.

Seit der Schwedcnzcit waren die WuzeSchulmeister in Auenthal und ich glaube nicht,daß Einer vom Pfarrer oder von seiner Ge-meinde verklagt wurde. Allemal acht oder neunJahre nach der Hochzeit versahen Wuz undSohn das Amt mit Verstand — unser MariaWuz dozierte unter seinem Vater schon in d^rWoche das Abc, in der er das Buchstabierenerlernte, das nichts taugt. Der Charakter un-sers Wuz hatte, wie der Unterricht andererSchullcute, etwas Spielendes und Kindisches;aber nicht im Kummer, sondern in der Freude.

Schon in der Kindheit war er ein wenigkindisch. Denn es giebt zweierlei Kinderspiele,kindische und ernsthafte. — Die ernsthaftensind Nachahmungen der Erwachsenen, das Kauf-mann-, Soldaten-, Handwerker-Spielen — diekindischen sind Nachäffungen der Thiere. Wuzwar beim Spielen nie etwas anders als ein Hase,eine Turteltaube oder das Junge derselben, einBär, ein Pferd oder gar her Wagen daran.Glaubt mir! ein Seraph findet auch in unsernKollegien und Hörsälen keine Geschäfke, sondernnur Spiele und, wenn er's hoch treibt, jenezweierlei Spiele.

Indeß hatt' er auch, wie alle Philosophen,leine ernsthaftesten Geschäfte und Stunden. Setzteer nicht schon längst — ehe die brandenbur-Sischen erwachsenen Geistlichen nur fünf Fädennon buntem Ueberzug umthaten — sich dadurchnder große Vorurtheile weg, daß er eine blaueSchürze, die seltner der Geistliche Ornat als°er in ein Amt tragende »r. Fausts MantelJuter Kandidaten ist, Vormittags über sich warf

und in diesem Himmelfarbigen Meßgewand derMagd seines Vaters die vielen Sünden vor-hielt, die sie um Himmel und Hölle bringen15 konnten? — Ja er griff seinen eignen Vateran, aber Nachmittags; denn wen» er diesemKobers Kabinetsprediger vorlas, war's seineinnige Freude, dann und wann zwei, dreiWorte oder gar Zeilen aus eignen Ideen ein-20 zuschalten und diese Jnterpolazion mit weg zulesen, als spräche Herr Kober selbst mir seinemVater. Ich denke, ich werfe durch diese Per-sonalst vieles Licht auf ihn und einen Spaß,den er später auf der Kanzel trieb, als er25 auch Nachmittags den Kirchgängcrn die Postillean Pfarrers Statt vorlas, aber mit so vielhineingespielten eignen Verlagsarlikeln und Fab-rikaten, daß er dem Teufel Schaden that unddessen Diener rührte. „Justel, sagt' er nach-30 her um 4 Uhr zu seiner Frau, was weißt Duunten in Deinem Stuhl, wie prächtig es einemoben ist, zumal unter dem Kanzelliede?"

Wir können's leicht bei seinen ältern Jah-ren erfragen, wie er in seinen Flegeljahrcn war.35 Im Dezember von jenen ließ er allemal dasLicht eine Stunde später bringen, weil er indieser Stunde seine Kindheit — jeden Tag nahmer einen andern Tag vor — rekapitulirte. In-dem der Wind seine Fenster mit Schnee-Dor-40 hängen verfinsterte und indem ihn aus den Ofen-Fugen das Feuer anblinkte: drückte er die Au-gen zu und ließ auf die gesrornen Wiesen denlängst vermoderten Frühling niederthauen; dabauete er sich mit der Schwester in den Heu-45 schober ein und fuhr auf dem architektonisch ge-wölbten Heu - Gebirge des Wagens heim undrieth droben mit geschlossenen Augen, wo siewohl nun führen. In der Abendkühle unterdem Schwalben - Scharmuzieren über sich, schoß50 er, froh über die untere Entkleidung und dasDeshabillö der Beine, als schreiende Schwalbeherum und mauerte sich für sein Junges —ein hölzerner Weihnachlhahn mit angepichtenFedern war's — eine Koth-Rolunda mit einem55 Schnabel von Holz und trug hernach Bett-stroh und Bettfedern zu Nest. Für eine anderepalingenesierende Winter-Ahendstunde wurde einprächtiger Trinitatis (ich wollt' es gäbe 305Lrinitatiss aufgehoben, wo er am Morgen in60 tönenden Lenz um ihn und in ihm, mit läu-tendem Schlüssel-Bund durch das Dorf in denGarten stolzirte, sich im Thau abkühlte und dasglühende Gesicht durch die tropfende Johannis-beer-Staude drängte, sich mit dem hocbstämmi-65 gen Grase maß und mit zwei schwachen Fin-gern die Rosen für den Herrn Senior und seinKanzelpult abdrehte. An eben diesem Lrinita-tis — das war die zweite Schüssel an demnämlichen Dezember-Abend - quetschte er, mit