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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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523-524
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Jean Paul Friedrich Richter. 52 »

andern Bewegungen entbehrt, als die peristal-cischen. Zu wichtigen Aemtern muß der Staats-bürger erst gehänselt werden. Verdient dennaber bloß der katholische Novize zum Mönchgeprügelt, oder ein elender Ladenjunge in Bre-men zum Kaufmannsdiener geräuchert, oder einsittenloser Südamerikaner zum Kaziken durchbeides und durch mehre in meinen Exzerptenstehende Qualen appretirt und sublimiert zuwerden? Ist ein lutherischer Pfarrer nicht ebenso wichtig und sind seiner künftigen Bestimmungnicht eben so gut solche übende Martern nöthig?Zum Glück hat er sie, vielleicht mauerte dieVorwelt die Schulpforten, deren Konklavisteninsgesammt wahre Knechte der Knechte sind,bloß seinetwegen auf: denn andern Fakultätenist mit dieser Kreuzigung und Radbrechung desFleisches und Geistes zu wenig gedient- — Da-her ist auch das so oft getadelte Chor-, Gassen-und Leichensingen der Alumnen ein recht gutesMittel, protestantische Klostcrleute aus ihnenzu ziehen — und selbst ihr schwarzer Ueberzugund die kanonische Mohren-Enveloppe des Man-tels ist etwas ähnliches von der Mönchkutte.Daher schießen in Leipzig um die Thomasschü-ler, da doch einmal die Geistliche» die Perü-cken-Wammen anhängen müssen, wenigstens dieHerzblätter eines aufkapsenden Perückchens her-um, das wie ein Pultdach, oder wie halbeFlügeldecken sich auf dem Kopse umsieht. Inden alten Klöstern war die Gelehrsamkeit Strafe;nur Schuldige mußten da lateinische Psalmenauswendig lernen oder Autores abschreiben; -in gute» armen Schulen wird dieses Strafennicht vernachlässigt und sparsamer Unterrichtwird da stets als ein unschädliches Mittel an-geordnet, den armen Schüler damit zu züch-tigen und zu morlisizirrn.

Blos dem Schulmeisterlein hatte diese Kreuz-schule wenig an; den ganzen Lag freuete ersich auf oder über etwas. „Vor dem Aufstehen,sagt' er, freu' ich mich auf das Frühstück, denganzen Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesper-zeit aufs Vesperbrod und Abends aufs Nacht-brod — und so hat der Alumnus Wuz sichstets auf etwas zu spitzen." Trank er tief, sosagt er: „das hat meinem Wuz geschmeckt"und strich sich den Magen. Niesete er: so sagteer: „helf Dir Gott, Wuz!" - Im sieberfro-stigen Novemberwetter letzte er sich auf derGasse mit der Lormalung des warmen Ofensund mit der närrischen Freude, daß er eineHand um die andre unter seinem Mantel wiezu Hause stecken hatte. War der Tag gar zuroll und windig — es gibt für uns Wichte sol-che Hatztage, wo die ganze Erde ein Hatzhausist und wo die Plagen wie spaßhaft gehendeWasserkünste uns bei jedem Schritte ansprützcnund einfeuchten — so war das Meisterlein sopsilsig, daß es sich unter das Wetter hinsetzteund sich nichts darum schor; es war nicht Er-gebung, die das unvermeidliche Uebel aufnimmt,nicht Abhärtung, die das »»gefühlte trägt, nichtPhilosophie, die das verdünnte verdauet, oderReligion, die das belohnte verwindet: sondernder Gedanke ans warme Bett war's. „Abends,dacht' er, lieg ith auf alle Fälle, sie möge»mich den ganzen Lag zwicke» und hetzen wiesie wollen, unter memem warmen Zudeck und

drücke die Nase ruhig ans Kopfkissen, achtStunden lang." - Und kroch er endlich in derletzten Stunde eines solchen Leidcnstages untersein Oberbett: so schüttelte er sich darin,

5 kremple sich mit den Knien bis an den Nabelzusammen, und sagte zu sich: „Siehst Du,Wuz, es ist doch vorbei."

Ein anderer Paragrah aus der WuzischenKunst, stets fröhlich zu seyn, war sein zweiter10 Pfiff, stets fröhlich aufzuwachen — und umdies zu können, bedient' er sich eines drittenund hob immer vom Tage vorher etwas An-genehmes für den Morgen aus, entweder ge-backne Klöse oder eben so viel äußerst gefähr-15 liche Blätter aus dem Robinson, der ihm lieberwar als Homer — oder auch junge Bögel oderjunge Pflanzen, an denen er am Morgen nach-zusehen hatte, wie Nachts Federn und Blättergewachsen.

2» Den dritten und vielleicht durchdachtestenParagraphen seiner Kunst fröhlich zu sein, ar-beitete er erst aus, da er Sekundaner ward:er wurde verliebt. —

Eine solche Ausarbeitung wäre meine Sache-25 Aber da ich hier zum erstenmale in meinemLebe» mich mit meiner Reißkohle an das Blu-menstück gemalter Liebe mache: so muß auf derStelle abgebrochen werden, damit fortgerissenwerde Morgen um 6 Uhr bei weniger »ieder-30 gebranntem Feuer. -

Wenn Venedig, Rom und Wien und dieLuststädte-Bank sich zusammenthäten und michmit einem solchen Karneval beschenken wollten,das dem beikäme, welches mitten in der schwar-35 zen Kantors - Stube in Joditz war, wo wirKinder von 8 bis II forttanzten (so langewährte unsere Faschingzeit, in der wir denAppetit zur Fastnacht - Hirse vorsprangen) : somachten sich jene Residenzstädte zwar an etwas40 Unmögliches und Lächerliches — aber doch annichts so Unmögliches, wie dies wäre, wenn siedem Alumnus Wuz ikrn Fastnachtmorgen mitseinen Karnevallustbarkeiten wiedergebe» wollten,als er als unterer Sekundaner auf Besuch, in45 der'Tanz- und Schulstube seines Vaters amMorgen gegen 10 Uhr ordentlich verliebt wurde.Eine solche Faschinglustbarkeit — trautes Schul-meisterlein, wo denkst Du hin? — Aber erdachte an nichts hin als zu Justin», die ich50 selten, oder niemals wie die Auenthaler Justelnennen werde. Da der Alumnus unter demTanzen (wenige Gymnasiasten hätten mikge-tanzt, aber Wuz war nie stolz und immer citeljden Augenblick weghatte, was — ihn nicht cin-55 mal eingerechnet — an der Justel wäre, daßsie ein hübsches gelenkiges Ding und schon si"Brie/schreiben und in der Regel Detri in Brü-chen und die Palhin der Frau Seniorin undin einem Alter von 15 Jahre» und nur als60 eine Gast-Tänzerin mit in der Stube sei: !othat der Gast-Tänzer seines Orts, was in sel-chen Fällen zu thun ist; er wurde wie gesagtverliebt — schon beim ersten Schleifer flog'swie Fieberhitze an ihn — unter dem Ordnen85 zum zweiten, wo er stillstehend die warme Zu-lage seiner rechten Hand bedachte und besühlle-stieg's unverhältnißmäßig — er tanzte sich augen-scheinlich in die Liebe und in ihre Garne hu">U'- Als sie noch dazu die rothen Haubenbände