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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
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Jean Paul Friedrich Richter.

auscinanderfallen und sie ungcmein nachlässigum den nackten Hals zurückflattern ließ: sovernahm er die Baßgeige nicht mehr — undals sie endlich gar mit einem rothen Schnupf-tuch sich Kühlung vorwedclte und es hinter und 5vor ihm fliegen ließ: so war ihm nicht mehrzu helfen, und hätten die vier großen und die12 kleinen Propheten zum Fenster hineinge-predigt. Denn einem Schnupftuch in einerweiblichen Hand erlag er stets auf der Stelle 10ohne weitere Gegenwehr, wie der Löwe dem ge-drehten Wagenrade und der Elephant der Maus.Dorfkoketten machen sich aus dem Schnupftuchdie nämliche Feldschlange und Kriegmaschine,die sich die Stadtkoketten aus dem Fächer ma- 15chen; aber die Wellen eines Tuches sind gefäl-liger, als das knackende Trulhahns-Radschlagender bunten Streitkolbe des Fächers.

Auf alle Fälle kann unser Wuz sich damitentschuldigen, daß seines Wissens die Ocrtcr 20öffentlicher Freude das Herz für alle Empfin-dungen, die viel Platz bedürfen, für Aufopferung,für Muth und auch für Liebe weiter machen;freilich in den engen Amt- und Arbcilstuben,auf Rathhäusern, in geheimen Kabinetten liegen 25unsre Herzen wie auf eben so vielen Welkbodenund Darrofen und runzeln ein.

Wuz trug seinen mit dem Gas der Liebeaufgefüllten und emporgetriebnen Hcrzballonfreudig ins Alumneum zurück, ohne jemand eine 30Silbe zu melden, am wenigsten der Schnuvf-tuch-Fahnenjunkcrin selber — nicht aus Scheu,sondern weil er nie mehr begebrtc als die Ge-genwart, er war nur froh, daß er selber ver-liebt war und dachte an weiter nichts. ... 35

Warum ließ der Himmel gerade in die Ju-gend das Lustrum der Liebe fallen? Vielleichtweil man gerade da in Alumneen, Schreibstu-ben und andern Gifthütten keucht: da steigtdie Liebe wie aufblühendes Gesträuch an den 40Fenstern jener Marterkammern empor und zeigtin schwankenden Schalten den großen Frühlingvon außen. Denn Er und ich, mein Herr Prä-fektus und auch Sie, verdiente Schuldiener desAlumneums, wir wollen mit einander wetten, 45Sie sollen über den vergnügten Wuz ein Hären-hemd ziehen (im Grund, hat er eines an) -Sie sollen ihn Jxions Rad und Sisyphus Steinder Weisen und den Laufwagen Ihres Kindesbewegen lassen — Sie sollen ihn halb todt 50hungern oder prügeln lassen — Sie sollen einerso elenden Wette wegen (welches ich Ihnen nichtzugetraut hätte) gegen ihn ganz des Teufelssein: Wuz bleibt doch Wuz und praktizirt sich«inner sein Bischen verliebter Freude ins Herz, 55vollends in den Hundstagen! —

Seine Kanikularferien sind aber' vielleichtnirgends deutlicher beschrieben als in seinen-iWerthers Freuden", die seine Lcbensbcschrcibcrnur abzuschreiben brauchen. — Er ging da <ioSonntags nach der Abendkirche heim nach Aucn-shal und Harte mit den Leuten in allen GassenMitleiden, daß sie da bleiben mußten. Drau-°°« dehnte sich seine Brust mit dem ausgebaue-sv« Himmel vor ihm aus und halbtrunken im 65?v°nzertsaal aller Böge! horcht' er doppelseligald auf die gefiederten Sopranistin, bald aufPhantasien, um nur seine über die Uferschlagende Lebenskräfte abzuleiten, galoppierte

er oft eine halbe Viertelstunde lang, Da erimmer kurz vor und nach Sonnen - Untergangei» gewisses wollüstiges trunkenes Sehnen em-pfunden hatte — die Nacht aber macht wie einiängerer Tod den Menschen erhaben und nimmtihm die Erde: — so zauderte er mit seiner Lan-dung in Auenthal so lang', bis die zerfließendeSonne durch die letzten Kornfelder vor demDorfe mit Goldfäden, die sie gerade über dieAehren zog, sein blaues Röckchen stickte und bissein Schatten an den Berg über den Fluß wieein Riese wandelte. Dann schwankte er, unterdem wie aus der Vergangenheit herübcrklingcn-dcn Abendläuten ins Dorf hinein und war allenMenschen gut, selbst dem Präfektus. Ging erdann um seines Vaters Haus und sah amobern Kappfenster den Widerschein des Mondsund durch ein Parterre-Fenster seine Justina,die da alle Sonntage einen ordentlichen Briefsetzen lernte.... o wenn er dann in dieser pa-radiesischen Viertelstunde seines Lebens auf fünf-zig Schritte die Stube und die Briefe und dasDorf von sich hätte wegsprcngen und um sichund um die Briefstellerin blos ein einsamesdämmerndes Tempe-Lhal hätte ziehen können— wenn er in diesem Lhale mit seiner trunk-nen Seele, die unterweges um alle Wesen ihreArme schlug, auch an sein schönstes Wesen hättefallen dürfen und er und- sie und Himmel undErde zurückgesunken und zerflossen wären voreinem flammenden Augenblick und Brennpunktemenschlicher Entzückung.

Indessen that er's wenigstens Nachts umcilf Uhr; und vorher ging's auch nicht schlecht.Er erzählte dem Vater, aber im Grunde Ju-stinen seinen Studienplan und seinen politischenEinfluß; er setzte sich dem Tadel, womit seinVater ihre Briefe korrigirte, mit demjenigenGewicht entgegen, das ein solcher Kunstrichterhat und er war, da er gerade warm aus derStadt kam, mehr als einmal mit Witz beider Hand — kurz, unter dem Einschlafen hörteer in seiner tanzenden taumelnden Phantasienichts als Sphären-Musik.

— Freilich Du, mein Wuz, kannst Wer-thcrs Freuden aufsetzen, da allemal Deine äußereund Deine innere Welt sich wie zwei Muschel-schalen an einander löthen und Dich als ihrSchalthier einfassen; aber bei uns armen Schel-men, die wir hier am Ofen sitzen, ist die Außen-welt selten der Ripienist. und Chorist unsrerinnern fröhlichen Stimmung; — höchstens dann,wenn an uns der ganze Scimmstock umgefallenund wir knarren und brummen; oder in einerandern Metapher: wenn wir eine verstopfteNase haben, so setzt sich ein ganzes mit Blu-men überwölbtes Eden vor uns hin und wirmögen nicht hineinriechcn.

Mit jedem Besuche machte das Schulmei-sterlein seiner Johanna - Therese - Charlotte-Mariana-Klarissa-Heloise - Justel auch ein Ge-schenk mit einem Pfefferkuchen und einem Po-tentaten: ich >vtll über beide ganz befriedigendsein.

Die Potentaten hatt' er in seinem eignenVerlage; aber wenn die Reichshofrathskanzleiihre Fürsten und Grafen aus ein wenig Dinte,Pergament und Wachs macht: so verfertigteer seine Potentaten viel kostbarer aus Ruß,