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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
529-530
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Jean Paul Friedrich Richter. 530

Schulhalter und thaten das Ihrige gern.

Die Gemeinden lasen für ihre Lehrstühlelauter solche pädagogische Steiße aus, die schonauf Weber-, Schneider-, Schuster-Schemeln seß-haft waren und von denen also etwas zu er- 5warten war — Und allerdings setzen solche Män-ner, indem sie vor dem aufmerksamen InstituteRöcke, Stiefel, Fischreusen und alles machen,die Rominalschule leicht in eine Realschule um,wo man Fabrikate kennen lernt. Der Schul- 10meistcr treibt's noch weiter und sinnt Lagund Nacht auf Real-Schulhalten; es gibt we-nige Arbeiten eines erwachsenen Hausvaters oderseines Gesindes, in denen er seine Dorf-Stoanicht beschäftigt und übt und den ganzen Mor- 15gen sieht man das expedierende Seminariumhinaus und hinein jagen. Holz spalten undWasser tragen u. s. w., so daß er außer derRealschule fast gar keine andre hält und sichsein Bischen Brod sauer im Schweiße seines — 20

Schulhaufts verdient. Man braucht mir

nicht zu sagen, daß es auch schlechte und ver-säumte Landschulen gebe; genug wenn nur diegrößere Zahl alle die Borzüge wirklich auswei-set, die ich ihr jetzt zugeschrieben. 25

Ich mag meine Fixstern-Abirrung mit kei-nem Wort entschuldigen, das eine neue wäre.Herr von Ebern hätte seinen Koch zum Schul-meister investieret, wenn ein geschickter Nach-fahrer des Kochs wäre zu haben gewesen; es 30war aber keiner aufzutreiben, und da der Guts-herr dachte, es sei vielleicht gar eine Neuerung,wenn er die Küche und die Schule durch EinSubjekt versehen ließe — wiewohl vielmehr dieTrennung und Verdopplung der Schul- und 35der Herrendiener eine viel größere und älterewar; — denn im neunten Säkulum mußte so-gar der Pfarrer der Patronatkirche zugleich demKirchenschiff- Patron als Bedienter aufwartenund satteln rc. und beide Aemter wurden erst 40nachher, wie mehre von einander abgerissen —so behielt er den Koch und vozierte den Alum-nus, der bisher so gescheidt gewesen, daß erverliebt geblieben.

Ich steuere mich ganz auf die rühmlichen 45Zeugnisse, die ich in Händen habe und die Wuzvom Superintendenten auswirkte, weil seinExamen vielleicht eines der rigorösesten undglücklichsten war, wovon ich in neueren Zeitennoch gehöret. Mußte nicht Wuz das griechische 50Vater unser verbeten, indeß das Examinations-Koliegium seine sammtnen Hosen mir einerGlasbürste auskämmte; — und hernach das la-teinische di^mbolum Atlianssii? Konnte derExaminandus nicht die Bücher der Bibel richtig 55und Mann für Mann vorzählen, ohne überdie gemalten Blumen und Tassen auf demKaffeebrete seines frühstückenden Examinatorszu stolpern? Mußt' er nicht einen Betteljun-gen, der blos auf einen Pfennig aufsah, herum 60katechesieren, obgleich der Junge gar nicht wiesein Unter-Examinator, bestand, sondern wieein wahres Stückchen Vieh? Mußt' er nichtseine Fingerspitzen in fünf Töpfe warmes Wassertunken und d en Topf aussuchen, dessen Wasser 65warm und kalt genug für den Kopf eines Täuf-lings war? Und mußt' er nicht zuletzt dreiGulden und 36 Kreuzer erlegen?

Am 13ten Mai ging er als Alumnus aus

Kurz, xros. Vt. II.

dem Alumncum heraus und als öffentlicher Leh-rer in sein Haus hinein und aus der zerspreng-ten schwarzen Alumnus-Puppe brach ein bunterSchmetterling von Kantor ins Freie hinaus.

Am Oten Julius stand er vor dem Auen-thaler Altar und wurde kopuliert mit der Justel.

Aber der elysaische Zwischcnraum zwischendem 13ten Mai und dem Oken Julius! — Fürkeinen Sterblichen säur ein solches goldnes Altervon 8 Wochen, wieder vom Himmel, blos fürdas Meisterlein funkelte der ganze niederge-thauete Himmel auf gestirnten Auen derErde. - Du wieglest im Aether Dich und sahestdurch die durchsichtige Erde Dich rund mit Him-mel und Sonne umzogen und hattest keineSchwere mehr; aber uns Alumnen der Naturfallen nie acht solche Wochen zu, nicht eine,kaum Ein ganzer Tag, wo der Himmel überund in uns sein reines Blau mit nichts be-malt, als mit Abend - und Morgenroth — wowir über das Leben wegfliegen und alles unshebt wie ein freudiger Traum — wo der un-bändige stürzende Strom der Dinge uns nichtauf seinen Katarakten und Strudeln zerstößetund schüttelt und rädert, sondern auf blinken-den Wellen uns wiegt und unter hineingebognenBlumen vorüberträgt — Ein Tag, zu dem wirden Bruder vergeblich unter den verlebten suchenund von dem wir am Ende jedes andern kla-gen , seit ihm war keiner wieder so.

Es wird uns allen sanft thun, wenn ichdiese acht Wonne-Wochen oder zwei Wonne-Monate weitläuftig beschreibe. Sie bestandenaus lauter ähnlichen Tagen. Keine einzige Wolkezog hinter den Häusern herauf. Die ganze Nachtstand die rückende Abendröthe unten am Him-mel , an welchem die untergehende Sonne alle-mal wie eine Rose glühend abgeblühet hatte.Um 1 Uhr schlugen schon die Lerchen und dieNatur spielte und phantasierte die ganze Nachtauf der Nachtigallen - Harmonika. In seineTräume tönten die äußern Melodiken hineinund in ihnen flog er über Blüten-Bäume, denendie wahren vor feinem offnen Fenster ihrenBlumen-Athem liehen. Der tagende Traumrückte ihn sanft, wie die lispelnde Mutter dasKind, aus dem Schlaf ins Erwachen über under trat mit trinkender Brust in den Lärm derNatur hinaus, wo die Sonne die Erde vonneuem erschuf und wo beide sich zu einem brau-senden Wollust-Weltmeer in einander ergossen.Aus dieser Morgen-Flut des Lebens und Freuenskehrte er in sein schwarzes Stäbchen zurück undsuchte die Kräfte in kleinern Freuden wieder.Er war da über Alles froh, über jedes be-schienene und »»beschienene Fenster, über dieausgefegte Stube, über das Frühstück, das mitseinen Amt-Revenüen besteckten wurde, über 7Uhr, weil er nicht in die Sekunda mußte, überseine Mutter, die alle Morgen froh war, daßer Schulmeister geworden, und sie nicht ausdem vertrauten Hause fort gemußt.

Unter dem Kaffee schnitt er sich, außer denSemmeln , die Federn zur Messiade, die er da-mals , die drei letzten Gesänge ausgenommen,gar aussang. Seine größte Sorgfalt verwandteer darauf, daß er die epischen Federn falschschnitt, entweder wie Pfähle oder ohne Spaltoder mit einem zweiten Ertraspalt, der hinaus3,