545
Jean Paul Friedrich Richter. 546
genröthen und über rauchende Blumenfelderweggezogen — die Sonne hätte mit einemweißen Mädchen-Angesicht ihn angelächelt undangeleuchtet und wäre endlich in Gestalt einesvon Siralen umflognen Mädchens seiner Wolke 5zugesunken und er hätte sich geängstigt, daß erden linken gelähmten Arm nicht um und ansie bringen können- — — Darüber würd' erwach aus seinem letzten oder vielmehr vorletztenTraum: denn auf den langen Traum des Le- 10bens sind die kleinen bunten Träume der Nachtwie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet.
Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurdeimmer schneller und breiter: er glaubte immerwieder verjüngt zu sein; den Mond hielt er 15für die bewölkte Sonne; es kam ihm vor, essei ein fliegender Taufengel, unter einem Re-genbogen an eine Dotterblumen-Kette aufge-hangen, im unendlichen Bogen auf- und nieder-wogend, von der vierjährigen Ringgeberin über 20Abgründe zur Sonne aufgeschaukelt.... Gegen4 Uhr Morgens konnte er uns nicht mehrsehen, obgleich die Morgenröthe schon in derStube war — die Augen blickten versteinertvor sich hin — eine Gesichtszuckung kam auf 25die andre — den Mund zog eine Entzückungimmer lächelnder auseinander — Frühlings-Phanlasicn, die weder dieses Leben erfahren,noch jenes haben wird, spielten mit der sinken-den Seele — endlich stürzte der Todesengel 50den blaffen Leichcnschleier auf sein Angesichtund hob hinter ihm die blühende Seele mitihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichenLreibkasten voll organisierter Erde.... DasSterben ist erhaben: hinter schwarzen Bor- 35hängen thut der einsame Tod das stille Wun-der und arbeitet für die andre Welt und dieSterblichen stehen da mit nassen, aber stumpfenAugen neben der überirdischen Szene....
„Du guter Vater, sagte seine Witwe, wenn 40Dir's jemand vor 43 Jahren hätte sagen sollen,
daß man Dich am löten Mai, wo Deine Acht-wochen angingen, hinaustragen würde." —„Seine Achtwochen, sagt' ich, gehen wieder an,dauern aber länger."
Als ich um uhr fortging, war mir dieErde gleichsam heilig und Todte schienen mirneben mir zu gehen; ich sah auf zum Himmel,als könnt' ich im endlosen Aether nur in einerRichtung den Gestorbnen suchen; und als ichoben auf dem Berge, wo man nach Auenthalhinein schauet, mich »och einmal nach demLeidenstheater umsah und als ich unter denrauchenden Häusern blos das Trauerhaus un-bewölket dastehen und den Todtengräber obenauf dem Gottesacker das Grab aushauen sah,und als ich das Leichenläuten seinetwegen hörteund daran dachte, wie die Witwe im stummenKirchthurm mit rinnenden Augen das Seilunten reiße: so fühlt' ich unser aller Nichtsund schwur, ein so unbedeutendes Leben zuverachten, zu verdienen und zu genießen. —
Wohl Dir, lieber Wuz, daß ich - wennich nach Auenthal gehe und Dein verrasetesGrab aussuche und mich darüber kümmere, daßdie in Dein Grab beerdigte Puppe des,Nacht-schmetterlings mit Flügeln daraus kriecht, daßDein Grab ein Lustlager bohrender Regen-würmer, rückender Schnecken, wirbelnder Amei-sen und nagender Räupchen ist, indeß Du tiefunter allen diesen mit unverrücktem Haupteauf Deinen Hobelspähnen liegst und keine lieb-kosende Sonne durch Deine Breter und Deinemit Leinwand zugeleimken Augen bricht —wohl Dir, daß ich dann sagen kann: „als ernoch das Leben-hatte, genoß er's fröhlicher wiewir alle."
Es ist genug, meine Freunde — es ist 12Uhr, der Monatzeiger sprang auf einen neuenTag und erinnerte uns an den doppelten Schlaf,an den Schlaf der kurzen und an den Schlafder langen Nacht....
II. Rede -es todlkn Christus vom Weltgcbäude herab, daß kein Gott sei.
D o r b e r i ch t.
Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschritt wird durch die Hand des Atheismus zersprengtdigung ihrer Kühnheit. Die Menschen leugnen 50 und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punktemit ebenso wenig Gefühl das -göttliche Dasein von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen
als die meisten es annehmen. Sogar in unsere und auseinander fliehen, ohne Einheit und Be-wahren Systeme sammeln wir immer nur stand. Niemand ist im All so sehr allein, als ein
Wörter, Spielmarken und Medaillen ein, wie Gottesleugner — er trauert mit einem verwai-
Geizige Münzkabinetter; — und erst spät setzen 55 seten Herzen, das den größten Vater verloren,wir die Worte in Gefühle um, die Münzen in neben dem unermeßlichen Leichnam der Natur
Genüsse. Man kann zwanzig Jahre lang die den kein Weltgeist regt und zusammenhält, und
Unsterblichkeit der Seele glauben-erst im der im Grabe wächset; und er trauert solange,
ein und zwanzigsten, in einer großen Minute bis er sich selber abbröckelt von der Leiche. Die
erstaunt man über den reichen Inhalt dieses «0 ganze Welt ruhet vor ihm, wie die große halbGlaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle. im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein;
Eben so erschrak ich über den giftigen Dampf, und das All ist die kalte eiserne Maske der ge-
der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in stalllosen Ewigkeit.
das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend ent- ^ . Auch hab ich die Absicht, mit meiner Dich-gegenzieht. Ich will mit geringern Schmerzen 65 tung einige lesende oder gelesene Magister indie Unsterblichkeit als die Gottheit leugnen; dort Furcht zu setzen, da wahrlich diese Leute jetzo,
verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte seitdem ste als Baugcfangne beim Wasserbau
22elt, hier verlier' ich die gegenwärtige, nämlich und der Grubenzimmerung der kritischen Phi-
die Sonne derselben; das ganze geistige Universum losophic ,n Lagelohn genommen worden, das
Kurz, rros. Lir. II. 35