547
Jean Paul Friedrich Richter.
548
Dasein Gottes so kaltblütig und kaltherzig er-wägen, als ob vom Dasein des Kraken undEinhorns die Rede wäre.
Für andere, die nicht so weit sind, wie einlesender Magistrand, merk' ich noch an, daß mit 5dem Glauben an den Atheismus sich ohne Wi-derspruch der Glaube an Unsterblichkeit ver-knüpfen lasse; denn dieselbe Nothwendigkeit,die in diesem Leben meinen lichten Thautropsenvon Ich in einen Blumenkelch und unter eine 10Sonne warf, kann es ja im zweiten wieder-holen; - ja noch leichter kann sie mich zumzweitenmale verkörpern, als zum erstenmale.
Wenn man in der Kindheit erzähle» hört,daß die Todten um Mitternacht, wo unserSchlaf nahe bis an die Seele reicht und selberdie Träume verfinstert, sich aus ihrem aufrich-ten . und daß sie in den Kirchen den Gottes- 20dienst der Lebendigen nachäffen: so schaudertman der Todten wegen vor dem Tode; undwendet in der nächtlichen Einsamkeit den Blickvon den langen Fenstern der stillen Kirche wegund fürchtet sich, ihrem Schillern nachzufor- 25schen, ob es wol vom Monde niederfalle.
Die Kindheit und noch mehr ihre Schreckenals ihre Entzückungen, nehmen im Traumewieder Flügel und Schimmer an und spielenwie Johanniswürmchen in der kleinen Nacht 30der Seele. Zerdrückt uns diese flatterndenFunke» nicht! — Lasset uns sogar die dunkelnpeinlichen Träume als hebende Halbschatten derWirklichkeit! — Und womit will man unsdie Träume ersetzen, die uns aus dem untern 35Getöse des Waffcrfalls wegtragen in die stilleHöhe der Kindheit, wo der Strom des Lebensnoch in seiner kleinen Ebene schweigend undals ein Spiegel des Himmels seinen Abgründenenlgegenzog? —
Ich lag einmal an einem Sommerabcndevor der Sonne auf einem Berge und entschicf.
Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottes-acker. Die abrollenden Räder auf der Thurm-uhr, die eilf Uhr schlug, hakten mich erweckt. 45Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmcl dieSonne, weil ich glaubte, eine Sonucnfinstcrnißverhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber wa-ren aufgelhan und die eisernen Thüren desGebeinhauses gingen unter unsichtbare» Hän- 50den auf und zu. An den Mauern flogenSchatten, die niemand warf, und andere Schat-ten gingen aufrecht in der bloßen Luft. Inden offenen Särgen schlief nichts mehr als dieKinder. Am Himmel hing in großen Falten 55blos ein grauer schwüler Siebe!, den ein Riesen-schatte wie ein Sieh, immer näher, enger undheißer herein zog. Ueber mir hört' ich denfernen Fall der Lawinen, unter mir den erstenTritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die 00Kirche schwankte auf und nieder von zwei un-aufhörlichen Mißtönen, die in ihr mit einanderkämpften und vergeblich zu einem Wohllautzusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte anihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, 65und unter dem Schimmer lief das Blei undEisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Ne-bels und die schwankende Erde rückten mich inden Tempel, vor dessen Thore in zwei Gift-
Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ichging durch unbekannte Schatten, denen alleJahrhunderte aufgedrückt waren. — Alle Schat-ten standen um den Altar und allen zitterteund schlug statt des Herzens die -Brust. Nurein Todter, der erst in die Kirche begrabenworden, lag noch auf seinen Kissen ohne einezitternde Brust, und auf seinem lächelnden An-gesicht stand ein glücklicher Traum. Aber daein Lebendiger hinein Irak, erwachte er undlächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehenddas schwere Augenlied auf, aber innen lag keinAuge und in der schlagenden Brust war stattdes Herzens eine Wunde. Er hob die Hände15 empor und faltete sie zu einem Gebete; aberdie Arme verlängerten sich und löseten sich abund die Hände fielen gefaltet hinweg. Obenam Kirchengewölbe stand das Zifferblatt derEwigkeit, auf dem keine Zahl erschien, unddas sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzerFinger zeigte darauf und die Todten wolltendie Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einemunvergänglichen Schmerz äus der Höhe aufden Altar hernieder und alle Todten riefen:„Christus! ist kein Gott?"
Er antwortete: „es ist keiner."
Der ganze Schalten jedes Todte» erbebte,nicht blos die Brust allein, und einer um denandern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: „Ich ging durch dieWellen, ich stieg in die Sonnen und flog mitden Milchstraßen durch die Wüsten des Him-mels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab,so weit das Sein seine Schatten wirft undschauete in den Abgrund und rief: Bater, wobist du? aber ich hörte nur den ewigen Sturm,den niemand regiert, und der schimmernde Re-genbogen aus Westen stand ohne eine Sonne,40 die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropftehinunter. Und als ich aufblickte zur unermeß-lichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrtesie mich mit einer leeren bodenlosen Augen-höhle an; und die Ewigkeit lag auf demChaos und zernagte es und wiederkäuet«: sich-— Schreiet .fort, Mißlöne, zerschreit die Schal-ten ; denn Er ist nicht!"
Die entfärbten Schatten zerflattertcn, wieweißer Dunst, den der Frost gestaltet, >wwarmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer-Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestor-benen Kinder, die im Gottesacker erwacht wa-ren, in den Tempel und warfen sich vor diehöbe Gestalt am Altare und sagten: „Jesus'haben wir keinen Baker?" — und er antwor-tete mit strömenden Thränen: „wir sind olleWaisen, ich und ihr, wir sind ohne Baker.
Da kreischten die Mißtöne heftiger — die ß"-
ternden Lempelmauern rückte» aus einander - un
der Tempel und dieKindersanken unter — und d>ganze Erde und die Sonne sanken nach undas ganze Weltgebäude sank mit seiner U»e -meßlichkeit vor uns vorbei — und oben uGipfel der unermeßlichen Natur stand
und schauete in das mit tausend Sonnen durw
brochne Weltgebäude herab, gleichsam >num die ewige Nacht gewühlte Bergwerk,dem die Sonnen wie Grubenlichrer unvMilchstraßen wie Silberadern gehen.