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Jean Paul Friedrich Richter.
Und als Christus das reibende Gedrängeder Welten, den Fackeltanz der himmlischenIrrlichter und die Korallenbänke schlagenderHerzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugelum die andere ihre glimmenden Seelen auf dasLodtenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugelschwimmende Lichter auf die Wellen streuet:so hob er groß wie der höchste Endliche dieAugen empor gegen das Nichts und gegen dieleere Unermeßlichkeit und sagte: „starres, stum-mes Nichts! Kalte, ewige Nothwendigkeit!Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das untereuch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude undmich? — Zufall, weißt du selber, wenn du mitOrkanen durch das Sternen - Schneegestöberschreitest und eine Sonne um die andere aus-wehest, nnd wenn der funkelnde Thau der Ge-stirne ausklinkt, indem du vorübergehest? —
Wie ist jeder so allein in der weiten Leichen-gruft des Alls! Ich bin nur neben mir — 20O Baker! o Baker! wo ist deine unendlicheBrust, daß ich an ihr ruhe? - Ach wenn je-des Ich sein eigner Bater und Schöpfer ist,warum kann es nicht auch sein eigner Würg-engel sein?" ....
„Ist das neben mir noch ein Mensch? DuArmer! Euer kleines Leben ist der Seufzerder Natur oder nur sein Echo - ein Holspie-gel wirft seine Stralen in die Staubwolkenaus Todtenasche auf euere Erde hinab und dann 30entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. —Schaue hinunter in den Abgrund, über welchenAschenwolken ziehen - Nebel voll Welten stei-gen aus dem Lodtenmeer, die Zukunft ist einsteigender Nebel und die Gegenwart ist der 35fallende. - Erkennst du deine Erde? «
Hier schauele Christus hinab und sein Augewurde voll Thränen und er sagte: „ach, ichwar sonst auf ihr: da war ich noch glücklich,da hatt' ich noch meinen unendlichen Barer 40und blickte noch froh von den Bergen in denunermeßlichen Himmel und drückte die durch-stochne Brust an sein linderndes Bild und sagtenoch im herben Tode: Vater, ziehe deinenSohn aus der blutenden Hülle und heb' ihn 45an dein Herz.... Ach ihr überglücklichen Er-
denbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleichtgehet jetzt euere Sonne unter und ihr falletunter Blüten, Glanz und Thränen auf dieKnie und hebet die seligen Hände empor, und5 rufet unter tausend Freudenthränen zum auf-geschlossenen Himmel hinauf: auch mich kennstdu, Unendlicher, und alle meine Wunden, undnach dem Tode empfängst du mich und schlie-ßest sie alle. Ihr Unglücklichen, nach dem
10 Tode werden sie nicht geschloffen. Wenn derJammervolle sich mit wundem Rücken in dieErde legt, um einem schönern Morgen vollWahrheit, voll Lugend und Freude entgegenzu schlummern: so erwacht er im stürmischen15 Chaos, in der ewigen Mitternacht — und eskommt kein Morgen und keine heilende Handund kein unendlicher Bater! — Sterblicherneben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihnan: s«ist hast du Ihn auf ewig verloren."
Und als ich niederfiel und ins leuchtendeWeltgebäude blickte: sah ich die emporgehobe-nen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, diesich um das Weltcn-All gelagert halte, — unddie Ringe sielen nieder und sie umfaßte das25 All doppelt — dann.wand sie sich tausendfachum die Natur — und quetschte die Weltenaneinander — und drückte zermalmend den un-endlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirchezusammen — und alles wurde eng, düster,bang — und ein unermeßlich ausgedehnterGlockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit
schlagen und das Weltgebäude zersplittern-
als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, daß siewieder Gott anbeten konnte, — und die Freudeund das Weinen und der Glaube an ihn warendas Gebet. Und als ich aufstand, glimmte dieSonne lief hinter den vollen purpurnen Korn-ähren : und warf friedlich den Widerschein ihresAbcndrothes dem kleinen Monde zu, der ohneeine Aurora im Morgen aufstieg : und zwischendem Himmel und der Erde streckte eine frohevergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus undlebte, wie ich, vor dem unendlichen Bater; undvon der ganzen Natur um mich flössen friedlicheTöne aus, wie von fernen Abendglocken.
III. 8er doppelte
Heinrich war ein fünfzehnjähriger Jüng-ling, das heißt, voll guter Vorsätze, die erselten hielt und voll Fehler, die er täglich be-reuete; er hatte seinen Bater und seinen Leh-rer innig lieb, aber seine Bergnügungen oftstärker; er wollte gern das Leben für beideaufopfern, aber nicht seinen Willen: und seineaufbrennende Seele entriß denen, die er liebte,nicht mehr Thränen als ihm selber. So irrteschmerzlich sein Leben zwischen Bereuen undSündigen umher; und zuletzt nahm sein langerWechsel zwischen guten Entschlüssen und ver-derblichen Fehltritten seinen Freunden und so-gar ihm die Hoffnung der Besserung-^
Jetzt kam dem Grafen, seinem Bater, dieSorge nicht mehr aus dem zu oft verwunderenHerzen, daß Heinrich auf der Akademie und
Schwur der Besserung.
auf Reisen, wo die Irrwege des Lasters immerblumiger und abschüssiger werden und wohin55 keine zurückziehende Hand, keine zurückrufendeStimme des Vaters mehr reicht, von Schwächezu Schwäche sinken und endlich mit einer be-sudelten, entnervten Seele wiederkehren werde,die ihre reinen Schönheiten und alles verloren,60 sogar den Wiederschein der Tugend, die Reue.
Der Graf war zärtlich, sanft und fromm,aber kränklich und zu weich. Die Gruft seinerGemahlin stand gleichsam unter dem Fußbodenseines Lebens und unterhöhlte jedes Beet, wo65 er Blumen suchte. — Jetzt würd' er an seinemGeburttag und vielleicht durch diesen krank, sowenig ertrug die gelähmte Brust einen Tag,wo das Herz stärker an sie schlug. Da er vonOhnmacht in Ohnmacht sank: so ging der ae-