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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
571-572
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Jean Paul Friedrich Richter.

dige Handgranaten auf die Käuzen heraus, sodaß der Kern des hungrigen Heers, davon durch-brochen, sich umher strcuete, um die auf sie gefeuer-ten Würste aufzulesen und aufzuessen, mit welchender Rauchfang, kein Hungerthurm, sondern ein 5Füllhorn, kaum auf sie zu spielen nachließ.Kein Kugelregen hätte die magern Trödler soaufgehalten, als es der Mannarcgen von Ein-schjebcffen that; daher die Mannschaft, ob siegleich dem Feinde schon drei falsche Zöpfe ab- tOgenommen hatte, doch so spät am Galgenbergeanlangte, daß sie ihn von den Großlausauernschon in solchen Stellungen besetzt antrafen, beiwelchen wohl mehr als einem Käuzen der Muthsank, weil mit dem Galaen gerade die Haupt- 15sestung verloren ging. Noch dazu hatten dieGroßlausauer - wahrscheinlich durch Beste-chung - sich den Stadtschlüssel des Pförtchenszum Galgen, nämlich zur Ringmauer, die dessenBeine ziemlich hoch umgab, zu verschaffen gc- 20wußt, so daß sie im Notbfall den Rückzug indie -Festungskascmalten offen behielten; dennstanden sie einmal alle unter dem Galgen, undmitten von diesem runden Mauerverhack hochumschlossen, so war ihnen nichts anzuhaben, 25und alle Schneider konnten durch das Galgen-pförtchen, wie in einem engen Termopylä-Paffe,spartisch heraus fechten.

Der Operationsplan war, wie es scheint,mit Verstand entworfen. Inzwischen drangen 30dennoch die Trödler unter Anführung des tollseienden Premierlieutenants gegen den furcht-baren Berg vor und daran auf. — Beide Ge-nerallissimi der Heere fochten von Weitem aufdem rechten Flügel; — mit Erdklößen wurde 35ein böses Erdfeuer gemacht; und es wurde so-gar ein Frauenschneider in der Hitze des Ge-fechtes an den Beinen wie ein Schlitten her-abgezogen. Zuletzt- mußten die Großlausauerder Uebermacht weichen, da der wahrhaft grim- 40mige Prcmierlieutenant mit gefälltem Bajonett,nämlich mit gefälltem Flintenkolben auf jedeneindrang; denn die Kauzner Uebermacht bestandnicht in Menschen — obwol nach dem altenKriegglaubcn der Belagerer zehn Mal mehre 45sein müssen, als der Belagerten — sondern inKräften und Muth.

Wirklich erstürmten die Käuzen den Berg;aber hier erwartete sie jener marianische Krieg-verstand, welcher schon lange vorher den Gal- 50genschlüssel zur Januspforte sich in die Händezu spielen gewußt; der ganze rechte Schneider-Flügel zog sich durch das Pförlchcn hinter festeMauern zurück, entschlossen, aus demselben,Schneider für Schneider, auszufallen. 55

Dennoch trat wieder der Tolle als ihr Un-glückvogcl auf. Gegen ein fürchterliches Knall-feuer und eine aufgepflanzte Batterie von Flin-tenkolben drang er allein vor das Galgcnpfört- 00chen, faßte den Drücker an, schlug dasselbe zu,und zog den Schlüssel ab. Der Kern der hal-ben Armee war nun eingeschlossen vom Galgen,denn die Ringmauer dieses Nolhstalls war vielzu hoch, als daß, sogar Meister auf Gesellen 05gestellt, sie hätten auf den Wall heraus steige»können, um etwa von da aus etwas hinab zuthun. Anfangs schrie der ganze halbe Flügel:„aufgemacht unsere Festung! Ist das Kriegge-

brauch und Revüengebrauch? Den Schlüssel hin-ein, ihr Galgendiebe!" —

Dieser Name war den Trödlern nicht gleich-gültig; mehre warfen - um vielleicht Artig-keit und Liebe mit Krieg zu vereinen — unge-heure Steine, womit das erste Griechenlandgrade die Liebe und die Grazien (nach Winkel-mannj darstellte, in das I'arlerre noblo hin-ein, welches, so dicht gedrängt, am Kopfe viellitt. Aus Muth feuerten wieder die Konkla-vistcn ihre Ladstocke in die Luft, und schössenihren Gehenkten beinahe wie einen Fahnen- undSchützen-Adler ab, ohne den Feind draußen an-ders zu verwunden als an Ehre durch Schim-pfen. Jetzo aber flogen nicht nur Verbalinju-rien und Spitznamen, sondern auch die cinge-flogenen Steine aus dem Bergkessel, und diesewieder gegenseitig in diesen Festungzraben zu-rück, ja es ist erwiesen, daß einige Großlau-sauer aus Mangel an Gelassenheit und an Lad-stöcken zuletzt selber Flinten hinauswarfen, umdamit, statt zu erschießen, doch zu crwersen.

Es ist in der That ein trauriges Amt, Kriegebeschreiben zu müssen, worin Feindseligkeitenvorfallen, welche für Gesundheit, ja Leben derKrieger so leicht von ernsten Folgen sind- Eineeinzige Galgcnleiler hätte das GroßlausauerHeer errettet und gehoben; dasselbe wäre daranauf die Mauer gestiegen, und hätte sich von daunter die Feinde hinabgestürzt. Jetzo aber sie- ,ßen die Käuzen gar vollends die ganze Gewerk-schaft und Besatzung in dieser la j-ranüi! sorcodes Galgens verhaftet zurück, und zogen davon,um zum Flügel des Fürsten Tiberius als Ver-stärkung zu stoßen.

Hier, wo die Fürsten selber kommandierten,halte in der Thal lange der Sieg geschwankt,ja Maria Puer hatte durch Mehrzahl die Zungeder Wage auf seine Seite gezogen, als der Kau-zenflügel gerade vom Galgen kam; und dieWagzungc ziemlich in die Mitte richtete, biswieder das Tibcrische Affenkontingcnt, das nachnachgemachten Gefechte» dürstete, den FürstenMaria so mit Pfoten und Prügeln umringte,daß er in Gefahr kam, von ihnen, da sie schlu-gen und sprangen und kratzten, und nichts nachFürsten und Heerschauen fragten, gefangen ge-nommen zu werden, — wär- ihm nicht zumgroßen Glücke gegen das Auriliar-Vieh seineSchneider - Schecren - Flotte vom Galgenbcrgeher zu Hülfe geflogen.

Diese machten ihn frei, und die Mächtewieder gleich gewichtig, und führten leicht denWaffenstillstand, der zum Essen nöthig war,herbei, so daß beide Fürsten in Einem königli-chen Zelte ganz friedlich speiseten.

Viertes Kapitel,

worin der Krieg eine ernsthaftere Wendungannimmt.

Wie der Schneider-Flügel aus dem GalgemGewahrsam und Gehorsam gekommen, ist balderzählt; nämlich der wackere Flügel, dem esam Ende lästig wurde, über sich als Flügel-mann oder Adlcrflügel nur den Gehenkten ösehen, "»d welchen nach Ehre dürstete, unnach Essen hungerte, sprengte zuletzt das M"-