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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
583-584
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Jean Paul Friedrich Richter.

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Es wäre zu weitläufig, noch aus demDienstag-, Mittwoch-, Donnerstag-, Freitag-,Sonnabendblatte auszuziehen; genug er ärgertedamit ihren Mausen halb lodl, wie mit Gift-blättern.

Der Zeicungschreiber Maus schränkte sichmehr auf das Leben des Fürsten Maria ein,und berührte die Trödler oder Liberianer nurseitwärts, um nicht von ihnen anders und vor-wärts berührt zu werden. Blos beiher malter ihre Eß- und Berkauflust aus, welche sieverspürt haben sollen, als sie neben einer offe-nen Kirchweih in einem ausländischen Gränz-dorfe — nur zwei Schritte von ihnen — sichblos mit Feinden herum zu schlagen hatten,anstatt Essen und Geld einzunehmen. Indeßerinnern ihre Begierden und ihr Schicksal inder Beschreibung zu sehr an jene Hunde, welcheals (ausrechts stehende Truppe in menschlicherDrapperie ein Lustspiel gebe» müssen — jäm-merlich sehen die stummen Figuranten einanderauf die halb sichtbaren Schwänze — die Peitscheist ihre üea ox maotiina in ihren Forcerollen

— und die Statisten sehnen sich umsonst vonihren Kothurnen, d. h. von ihren zwei Füßenauf ihre vier niederzufallen, und ganz andereErkennungen als theatralische darzustellen. Un-lust genug für ein Lustspiel!

Zuletzt aber zankten sich die Zeitungschreiberimmer wilder — Schnabel setzte den gelassenenMaus ganz außer sich — Wortspiele über dieNamen, z. B. sich mausig machen, oderschreiben wieder Schnabel gewachsen, warenpostlägliche Sachen. — Maus ließ, so wie je-ner Schlachtenmaler zur Begeisterung des Pin-sels Krieginstrumente um sich zu spielen befahl,gewöhnlich eine Trompere neben sich blasen,damit er besser in die weitere der Fama stieße.

— Kurz der Krieg war nun vom Festland aufsPapier gespielt, und beide Schreiber verwan-delten sich zuletzt in die Parteigänger, welchesie anfangs nur aus Schein auf fürstlichesDrohen hatten spielen wollen.

Ganz anders sicl's mit beiden Kriegvölkernaus. Der Krieg hatte nun schon so lange ge-dauert, so viele Tage, als der siebenjährigeJahre, eine Woche lang, mithin nur einen Tagkürzer, als ein sinesisches Trauerspiel von achtTagen, indeß Corneille die Lrauerzeit gleichsamwie ein voriger Magdeburger Festungskomman-dant nur auf 30 Stunden einschränkte. Inbeiden Residenzstädten fraßen die Truppen mitWetteifer, doch die Liberianer das Meiste;denn sie, welche nicht vergaßen, daß die Schnei-der ihnen an Anzahl überlegen, mit den zahl-reicheren Mägen die Stadt ausschöpfen würden,arbeiteten auf ein Gleichgewicht dadurch hin,daß sie in Großlausau doppelte Portionen undRazionen für Einen Magen beorderten. Schwa-ches Plündern, Requirieren der Schuldscheineund dergleichen war gar nicht gegen die Grund-sätze der Liberianer, welche vielmehr schloffen,wenn schon Freunden alles gemein ist, wie viel-mehr Feinden. Ja es gab Köpfe unter ihnen,welche fragten, sollten denn die Kriege, es werdenun darin eignes oder fremdes Blut vergossen,nicht so viel Recht haben, wie die elenden fünfjährlichen Aderlaßlage illle» der

Kalthäuser, an welchen man diesen fettere Kost,

Freiheit vom Kloster und Freiheit zu Spazicr-gängen, und sogar weibliche Gesellschaft ver-stattet? — Freilich Handel und Wandel,also Trödler und Schneider stockten; nichts5 war los zu werden, nichts anzumessen. BeideHeere fühlten, daß die Astronomen ein treffen-des Zeichen für den Erdenkreis im Kalendergewählt, nämlich einen Kreis mit einem Kreuze(51, s» wie sie die Venus beinahe wie Thüm-10 mel mit einem umgekehrten angezeichnet (H);— aber an dieses arme Kreuz sind wir zweiMächte genagelt? Himmel wir? Wir, die wirumgewandt gern nach dem Evangelium dieandern Backen Hinhalten, wenn wir15 etwas auf die vorder» bekomme» haben; unddie wir die Bitte der tapfern Spartaner andie Götter, daß sie Beleidigungen möchten er-tragen lernen, gar nicht zu thun brauchen, dadieß schon Raturgabe bei uns ist?

20 Diese Ueberlegungen wurden leider in bei-den Residenzen so häufig, daß sie eine Ver-schwörung unter den Truppen beider Heere ge-gen die Fürsten einleiteten, welcher nichts fehlte,als Anführer, die sich unter Heerführern leicht20 finden. Denn ein wichtiger Umstand — aufwelchen alle künftigen Geschichtschreiber dieserUmwälzung aufmerksam zu machen sind, —entschied gewaltig dabei, der nämlich, daß so-wol die Liberianer ihres Tiberius so satt wa-!>0 ren, als die Marianer ihres Maria, beide hin-gegen nach einem Umtausch der Fürsten hun-gerten. Bei den Landeskindern bedeutete ihrLandesvater etwas nicht viel Besseres, als wasdie Studenten sonst einen nannten, ein Loch im35 Hute! „ich habe mehr Landesväter in meinemHute als du," sagt der Musensohn, weil beijedem Gesang, der „Landesvater" genannt, derHut durchstochen wird. Freilich verstandenKäuzen und Großlausaucr unter Löchern ganz40 andere als in Hüten und Röcken. ES konntez. B. den Trödlern wenig gefallen, ewig inMonluren gesteckt zu werden, die sie vielmehrselber absetzen wollten; denn Tiberius ließ nurdas halbe Land, nämlich die weibliche Hälfte,45 kantonfrei. Ob es aber nicht besser sei, wennein Land kein Winter ist, in welchem man be-kanntlich von Amseln nur die Männchen sieht,sondern lieber ein Frühling voll PSeibchen,können wol Trödler nicht ausmachen, sondern50 Gelehrte.

Auf der andern Seite waren die Schneidereben so wenig mit ihren, Fürsten zufrieden,welcher nicht sowol Menschen, als Gelder, we-niger Köpfe als Kopfsteuern eintrieb, um ein55 großes (Fürsten-s Haus zu machen. Daher sag-ten die Trödler: ein Maria, der nur brilliren,nicht exerzieren will, gefällt uns besser, undTrödel dazu haben wir genug vorräthig. DieSchneider aber fuhren fort: „ein Tiberius ist60 wieder uns lieber: Landmeister, Gesellen undPfuscher haben wir leider genug zum Matro-sen-Pressen, aber einen Fürsten wie Tiberiusnicht, der nicht verschwendet, keinen Glanz undZeremonicnmeister fordert, und jeden als seines65 Gleichen an die Tafel zieht."

Kurz dieser gegenseitige Wunsch eines Für-sten- nickt Länderlausches trug unglaublichzu der Verschwörung der beiden Divisions-Ke-nerale bei, nach deren Plane sie die Fürsten