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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
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Jean Paul Friedrich Richter.

in den feindlichen Residenzen sitzen lassen, undblos mit den Völkern wieder heimkehren wollten.

Der Erfolg war, wie Männer von Verstandvorausgesagt. Gerade ein solcher Krieg hattebeide Länder einander näher gebracht — waseben nahe am meisten nöthig haben — undsie halb ausgesöhnt; jeder wollte jetzo, statt zubluten und bluten lassen, lieber leben und le-ben lassen. Oft kam es mir vor, wenn ichdie friedlichen Folgen dieser Heerschau und Krieg-zeit überdachte, als sei alles die Nachahmungeines bekannten hannöverischen Dekrets an diegöttingischen Professoren. Die Regierung schicktenämlich allen Professoren, vom Doktor derTheologie an bis zum Professor der Rechte undder Moralien, die Verordnung zu, daß sie, —da bisher unter ihnen weniger gegenseitigesBefreunden als Befeinden obgewaltet — an je-dem Sonntag um 4 Uhr, eine Stunde langauf der Esplanade mit einander spazieren gehensollten, um doch einigermaßen zusammen zukommen, und sich zusammen zu gewöhnen, unddadurch einander weniger zu verabscheuen. Nunsah gewiß die weise Regierung, so gut wie wiralle voraus, daß die Professoren selten physischmit einander gehen konnte», ohne systematischaus einander zu gehen, und daß hundert Di-sputierübungen stets die gymnastischen um 4Uhr begleiten würden; aber da sie gleichwoldas Zusammenwandern (sogar für den blosenSätyriker ein schöner Anblick! — dekretierte: sohat sie vorausgesetzt, daß die Professoren, ebendurch nahes Streiten sich so nahe zusammen-knüpfen würden — als unsere Schneider undTrödler.

Kurz Käuzen und Großlausauer warensämmtlich nach kurzen stillen Er,orschungen,welche die höher,, Krieggewalten, die Divisions-Gcnerale und Unterhändler, angestellt, sogleichbereit, nach Hause zu gehen, und sich regierenzu lassen vom ersten besten Feind-Fürsten, dereben zu haben stände, sobald nur alles gingewie sonst, oder noch besser; die Fürsten beidereroberten Länder (dieß wurde freilich ausgemachtund untersiegelt) möchten dann in diesen alsGeißel» (aber nicht als aktive wie Attila, son-dern als passive) so lange bleiben und herrschenals sie dürften.

Alles gelang. Jedes Heer zog nach Haus;nur jeder Fürst blieb in jeder Stadt gleichsamwie in seinem Biencnweisel-Gefängniß zurück,und regierte zur Erholung hie und da. Wahr-scheinlich hat darin Maria geweint, und Tibe-

rius geflucht. Uebrigens war's ein Glück, daßjedes dieser Länder, wie viele jetzige, nicht eindurch Vaterland- und Fürstenliebe fest ver-knüpfter Staat war, sondern nur aus losen an5 einander gestellten Unterthanen bestand; einschweres aber nöthiges Meisterstück der jetzigenPolitik, gleich dem Meisterstück der Bötticher,das aus lauter Faßdauben ohne Reifen be-stehen muß.

10 Jetzo aber war vor allen Dingen zu eilen,um dem Gewalcstreiche die nöthige Rechtmä-ßigkeit und Stütze zu geben. Es wurden des-halb Deputierte von beiden Ländern nach Parisgeschickt, mir allen glaubwürdigen Landkarten15 und Zeugnissen versorgt, welche vonnölhenwaren, um Napoleon zu überzeugen, daß dieLänder existierten.

Auch brachten sie die Bitte mit, daß sie baldrecht fest regiert würden.

20 Aber im Gedränge der wichtigsten Angele-genheiten konnte, wie sich denken läßt, bis dieseStunde nicht über diese kleine entschieden wer-den, und beide Fürsten regieren die erobertenJnterims-Länder noch vor der Hand fort.

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Nachschrift im Heumond 1816 .

- Und noch am heutigen Heumonate sitzendie beiden Fürsten auf ihren Tauschthrvnen30 still. Denn damals — im Jahre 1810 - hatteNapoleon so viele weil größere Dinge zu neh-men, Hannover — Holland — die zweite Kai-serin — die Hanse-Städte und Küsten, daß erkeine Minute erübrigte, über zwei so kleine35 Fürstenthümchen irgend einen Spruch Rechtensoder ein rechtliches Erkenntniß ergehen,nämlich sie nehmen zu lassen. Noch längerhaben die beiden Fürsten jetzo zu sitzen, da sieauf deutsche Entscheider warten, denn der deutsche40 Zeiger hat, wie ein richtiger Monatzeiger aneiner Uhr, stets Monate von 31 Tagen undkeine von 30. Deutschland ist, wie nach Cuvierdas größte Lhiergerippe der Vorzeit unter dasFaulthiergeschlecht gehört, vielleicht gleich groß45 und gleich faul: so zu sagen, ein Riese, wel-cher, wie sonst in Spanien Kammerherrn tan-zenden Prinzessinnen, mit gelassenen Schritteneiner springenden Zwergin die Schleppe trägt.— — Jedoch bei einer dritten Auflage dieses50 Berichts hoff' ich dem Leser gewiß die Zeit ge-nauer angeben zu können, wo von höhern Hän-den die Dauer festgesetzt wird, die das Interimhaben soll.

VIII. Erinnerungen aus den schönsten Stunden für die letzten.

„Gib mir, bat in der abmattenden Dürreder Krankheit Herder seinen Sohn, einen großenGedanken, damit ich mich erquicke!" — Wasaber halten wir gewöhnlich den liegenden Ge-fangenen im dunkeln Krankenbette vor, wennvor ihnen der Glanzlhau auf ihrem Leben dun-lelgrau geworden? Nichts als noch einigeSchreckbilder mehr statt erhellender Sternbilder.Seltsam und hart ist es freilich, daß s>ch ge-rade um den Todtkranken Klagen und Rüh-

60 rungen versammeln und frei aussprechen, welcheman sonst dem Gesunden bei seiner Stärke ver-hehlt, ordentlich als solle der Sterbende dieGesunden aufrichten. Ich bringe hier nichteinmal den jetzo allmälich entweichenden Unsinn65 der Geistlichen in Rechnung, die sonst den letztenStunden unnütze Minutenbekehrungen abfolter-ten, und welche, ohne zu wissen, ob nicht diegeistige Welt noch hinter dem Begräbniß aufder faulenden organischen phosphoresziere, H'öl-