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Jean Paul Friedrich Richter.
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Als endlich der schönste Mai, den jemalDeutschland mit Siegen erworben, in Sieg- undFreudenfesten mehr als eines Volks gefeiertwurde: wollte der Jüngling diese Feiertage nichtso fern von seinen liebsten Menschen begehen,sondern in ihrer Nähe, um seine Freuden durchihre zu verdoppeln. Er begab sich auf denWeg nach Heim; — und auf diesem wollenwir den letzten Reisetag einmal näher begleiten,bis zur Ankunft im Dörfchen.
Lausende haben hinter und vor ihm damaldie Reise gemacht, welche durch befreite Länderaus einer beglückten Vergangenheit in eine be-glückte Gegenwart zogen; aber wohl nicht vielesahn, wie Gotrreich unterwegs, einen solchenrein-blauen Himmel auf den Bergen ihrer Hei-matkhäler, in welchem auch kein altes Stern-chen fehlte, sondern jedes blitzte. Justa hatteihm nämlich früher die kleinen Zeitungen desPfarrhauses geschickt, wie sie sich sehne und wieder Vater sich freue, der auf die wahrhaftestenund längsten Kriegberichte seines Sohnes harre,und wie der Greis die Arbeiten des Amtes un-versehrt überstanden, manche Predigten sogarihm nachzuhalten gesucht u. s. w., und wie sieihm noch schönere Freudcngeheimnisse aufbe-wahre. Unter diese gehörte vielleicht eines,nämlich ihr Versprechen, ihm nach dem großenFrieden ihre Hand zu geben.
Mit solchen Aussichten genoß er vom Psingst-seste schon den heiligen Abend, wo er vor Son-nenuntergang in Heim eintreffen wollte, umdem alten Manne unerwartet alle Geschäfte ab-zunehmen und die ruhigsten Festtage zu bereiten.
Da er sich so das heutige Wiedersehen dachte,und die Berge des Vaterdorfs, in welchem ernach wenigen Stunden seine besten Herzen andas seinige fassen sollte, immer deutlicher in demblauen wehenden Himmel standen, so klangenseine „Erinnerungen aus den schönsten Stundenfür die letzten" wieder seiner Seele vor, und erkonnte sich nicht enthalten, noch unterwegs un-ter sie das hiesige Wiederseht! der Menschen hin-ein zu malen. Vielleicht wollt' er durch dasGedenken an den Tod auch jener unbekanntenMacht ein Opfer bringen, welche gerade dieheiligsten Freuden durch heilige Schmerzen aus-gleicht. Denn es gibt wirklich fromme Ent-zückungen , die man, weil das Schicksal ihnengern ähnlich große Foltern nachschickt, ausschla-gen müßte, wenn nicht ein kräftiger Mensch denHimmel lieber trotzig mit einem Fegfeuer be-zahlte, nur daß hier dieses Feuer erst hinterdem Himmel kommt.
Ihm nach zog ein mehr waffer- als feuer-schwangeres Gewitter aus Osten auf seine Hei-Math zu, vor welchem er sich - zumal da ihnder Feldzug durch die Donnerwolken aus demErdboden mit den schönern am Himmel aus-gesöhnt und befreundet hatte — als ein froherBote vorauszugehen schien, weil nach den Was-sern der warmen Wolken der zcrlechzete Boden,die umgebogenen Blumen, die vergilbenden Korn-spitzen so lange durstend geschmachtet hatten.Ein Eingcpsarrker aus Heim, der in der Ferneackerte, drückte durch Gruß und Zeichen seineFreude aus, daß endlich sowohl er als ein Re-gen komme.
Nun sah er schon den kurzen KirchthurmKurz, Pros. Lik. n.
aus der Erde keimen und er trat in die Küstedes Thals, worin das Pfarrhaus lag, von derAbendsonne hell gerökhct. An jedem Fensterhoffte er seine Braut zu sehen, die den Son-nenuntergang, ehe sich das Gewitter über ihnhing, anschauen würde; in der Nähe hoffte erdie Fenster offen und in der Feststube Pfingst-birken zu erblicken; aber er fand nichts.
Endlich trat er in das ganz stille Pfarrhausund öffnete langsam die vertraute Thür. DasZimmer war leer; doch über sich hörte er Be-wegung. AIs er das mir Abcndglanz gefüllteobere Zimmer aufmachte, kniete Justa betendam Bette seines Vaters, welcher halb aufrechtmit dem hagern starkknochigen Angesicht derAbendsonne entgegengerichtek saß, in seltsamerAnfärbung der Krankcnbläffe. Ein Sturz derFreundin an sein Herz und ein Ach war derganze Empfang. Der Vater aber, der ihn mitden wegen Schwäche von der Sonne eingeblen-deten Äugen erkannte, reichte ihm langsam diegelbe dürre Hand und sagte abgemattet: „Dukommst eben zu der rechten Zeit" , aber ohnezu bestimmen, ob er das Predige» oder dasScheiden meine, und ohne weitere Grüße zugeben oder zu erwarten. Justa erzählte mitwenigen eiligen Worten, wie dem alten Mann,der sich durch Arbeiten übernommen, auf ein-mal Körper und Geist zusammengesunken sei —gleichsam zum bloßen Schattenrisse des ähnlichenSohns — wie er an nichts Theil nähme undsich doch sehne nach Theilnehmern, und wie ke-nnt abgeschnittenen Flügeln auf dem Boden,wie ein dürftiges Kind, aufblicke, um Erhebungflehend. Das schwere Gehör des Alters hatt'ihr diesen Bericht in seiner Gegenwart erlaubt.
Goltreich erfuhr die Bestätigung bald selber.Er hätte, da er mit dem Nachglanze derSchlachtfeuer in der Brust gekommen war, undder Neltkrieg der Menschheit in ihm nachglühte,gern die Siegfruer, die als rothe Abendwolkenden schönen Tag Europas verkündigen, vor dasalte, sonst so starke Herz gerückt; aber er hörtekeine Frage und keinen Wunsch darnach; derGreis hielt sein Auge an der Sonne fest, bisdiese endlich vom Gewitter überflutet wurde.Auch der Krieg am Himmel ergriff, wie esschien, ihn wenig, und durch das dicker werdendeEis des Sterbens brach der Glanz des Lebensnur trübe. Der Sterbende kennt keine Gegen-wart, nur Zukunft und Vergangenheit.
Plötzlich wurde die ganze Gegend düster,alle Lüste stockten, gedrückt wartete die Erde;da fiel ein Regensturz und ein Donnerschlag —Feuer hatte um den Greis gcstralt, und er sahverändert und verwundert umher. „Ich höre,sagt' er, ja den Regen wieder. — Sprecht ihrKinder bald, denn ich werde bald gehen."
Vielleicht hatte die Donnererschücterung seinGehör wieder gestimmt; aber noch wahrschein-licher hatte der Blitz durch einen Streifscblagsein ganzes Wesen wie Magnetpole umgeschaffen,und seinen Körper der Auflösung, wie seinenGeist der Vollendung genähert. Beide Kinderumschlangen ihn; aber er war zu schwach, siezu umarmen.
Als jetzo die warmen Heilquellen der Wolkendie kranke Erde badeten, vom strömenden Bau-me bis zum Gläschen herab, und als der leuch-38
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